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Wirtschaft Regional Streik verhindert Abtransport: Gericht muss über Räumung entscheiden
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20:55 25.06.2018
Mit einer Menschenkette blockieren Mitarbeiter von Halberg Guss den Zugang zum Leipziger Werk. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Streit um den Autozulieferer Halberg Guss in Leipzig droht endgültig zu eskalieren. Um die Blockade des seit zwölf Tagen bestreikten Werks zu durchbrechen, will die Firma die Zufahrt nun mit Gewalt räumen lassen. Ein entsprechender Eilantrag wurde nach Angaben der Polizei gestern beim Arbeitsgericht Leipzig gestellt. „Wenn die entscheiden, müssen wir das durchsetzen“, sagte Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz gestern bei einem Besuch vor Ort. Eine Entscheidung steht bisher noch aus. Beim Gericht war am späten Nachmittag niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Mit einer Menschenkette und einer erneuten Spontandemo vor der Einfahrt hatten 350 Mitarbeiter gestern verhindert, dass das Unternehmen fertig produzierte Teile aus dem noch vollen Lager abtransportiert. Schon früh kurz nach sieben Uhr waren vier Lkw vorgefahren – und harrten dann den ganzen Tag auf der Merseburger Straße direkt vorm Werk aus. „Hier kommt kein Lkw rein“, sagte Betriebsratschef Thomas Jürs. „Wir gehen hier nicht weg.“ Dass die Halberg-Guss-Spitze trotz des Streiks Lkw schicke, bezeichnete Leipzigs IG-Metall-Chef Bernd Kruppa als Provokation. „Unter diesen Bedingungen kann man nicht verhandeln.“

Streik bei Opel spürbar

Den ersten Halberg-Guss-Kunden gehen wegen des fehlenden Nachschubs die Teile aus. Erstes Opfer ist das Opel-Werk in Eisenach: Dort sollen ab heute die Bänder stillstehen. „Um auf Engpässe bei Motoren zu reagieren, werden im Werk Eisenach für Juli geplante Schließungstage in den Juni vorgezogen“, sagte gestern ein Opel-Sprecher. Denn das Werk erhält bereits seit anderthalb Wochen keinen Nachschub mehr von Halberg Guss. Aus dem Leipziger Werk kommen die Aluminiumplatten, die im Motor zwischen Zylinderraum und Kurbelgehäuse angebracht werden, die Motorblöcke selbst kommen aus dem zweiten Halberg-Guss-Werk in Saarbrücken, wo ebenfalls gestreikt wird. 

Konfrontation statt Verhandlungstisch

In Leipzig haben sich Streikende und Entsandte des Halberg-Guss-Managements gestern wieder den ganzen Tag über gegenseitig belagert. Um 10.30 Uhr war die Firmenanwältin Monika Birnbaum, die bereits am Sonnabend vergeblich versucht hatte, die Blockade zu beenden, erneut ins Werk gekommen – zusammen mit einem Dutzend Sicherheitskräften. Mit lauten Buh-Rufen wurde sie von den Streikenden begrüßt.

Die Firma wolle den Platz direkt vor der Zufahrt, wo die IG Metall ihr Streikzelt aufgebaut hat, räumen lassen – und direkt am Fußweg einen Zaun errichten, hieß es bei der Polizei. „Wenn die das machen, dann eskaliert das hier“, sagte einer der Teilnehmer. Polizeichef Merbitz bemühte sich am Nachmittag, zwischen beiden Seiten zu vermitteln. Schließlich habe er auch keine Lust, um ihren Job kämpfende Arbeiter wegtragen zu lassen, appellierte er an die Streikenden.

Menschliche Blockade

Am Nachmittag gelang es den Entsandten des Managements dann zumindest, die seit Streikbeginn mit Containern und Gabelstaplern verbarrikadierte Zufahrt zumindest teilweise freizuräumen. Die defekte Schranke wurde von zwei Sicherheitskräften per Hand geöffnet, ein Teil der Barrikade per Gabelstapler zur Seite geräumt. „Jetzt müssen die aber noch an uns vorbei“, sagte einer der demonstrierenden Mitarbeiter vorm Werk. „Zur Not lassen wir uns wegtragen.“

Bereits am Wochenende hatten die Mitarbeiter verhindert, dass die Blockade der Zufahrt gewaltsam aufgelöst wird. Die am Sonnabend angesetzte Spontandemo auf dem Fußweg direkt vor der Zufahrt, die eigentlich nur bis gestern früh gehen sollte, wurde von der IG Metall verlängert – bis nächsten Sonnabend. „Eine Demo kann man auch Streikenden nicht verbieten“, sagte Kruppa.

Zum Hintergrund

Nach dem Einstieg von Prevent bei Halberg Guss droht VW als Hauptkunde auszufallen. Das Unternehmen will deshalb das Leipziger Werk 2019 schließen, in Saarbrücken 300 der 1500 Jobs streichen. Mit dem Streik will die IG Metall jetzt hohe Abfindungen durchsetzen. „Wir werden uns so teuer wie möglich verkaufen“, sagte Kruppa. „Das gibt es nicht für einen Appel und ein Ei.“ Der Streik werde daher „mit unverminderter Härte fortgesetzt“.

Von Frank Johannsen

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