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Wirtschaft Regional Streit eskaliert: Katjes zieht gegen Halloren vor Gericht
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00:18 03.11.2017
Halloren-Kugeln
Halloren-Kugeln  Quelle: dpa
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Halle

Einen solchen Abstimmungsmarathon hatten die Halloren-Aktionäre noch nie erlebt. 36 Mal mussten sie bei der Hauptversammlung vor fünf Wochen ihre Stimme abgeben, mehr als die Hälfte der Anträge fiel durch. Jetzt geht der Streit vor Gericht weiter: Der Süßwarenriese Katjes, dessen Ableger Katjes International knapp 11 Prozent an Halloren hält, will die Beschlüsse vor dem Landgericht Halle anfechten.

Halloren-Großaktionär Darren Ehlert nimmt jetzt seinerseits den ungeliebten Mitaktionär aufs Korn – und trommelt bei Katjes International zum Aufstand der Anleihegläubiger. Per Zeitungsanzeige sucht er  nach Inhabern von Katjes-Anleihe – zwecks „Informations-und Interessenaustausch“. Der harmlos klingende Aufruf könnte zum Frontalangriff auf Katjes werden. Denn es geht um 40 Millionen Euro in der Katjes-Bilanz.

Kampfkandidatur um Aufsichtsratssitz

 Zur Hauptversammlung vor fünf Wochen überraschte Katjes dann mit einer ganzen Reihe von Gegenanträgen, die es in sich hatten. Katjes-Chef Bachmüller trat in einer Kampfabstimmung gegen Ehlerts Partner Frank Illmann um einen Sitz im Aufsichtsrat an. Zugleich warf Bachmüller Vorstand und Aufsichtsrat Pflichtverletzungen auf Kosten der Firma vor. Er wollte einen Sonderprüfer darauf ansetzen – und Schadenersatz von Vorstand, Aufsichtsrat und Ehlerts Firma Charlie Investors verlangen. Charlie Investors war 2014 bei Halloren eingestiegen, hatte zuletzt den 29-Prozent-Anteil des langjährigen Aufsichtsratschefs Paul Morzynski übernommen. Seither kontrolliere Ehlert und sein Partner Illmann 75 Prozent.

Bei der Wahl für den Aufsichtsrat hatte Bachmüller dann keine Chance gegen Illmann, der inzwischen Aufsichtsratschef ist. Und auch die Anträge von Bachmüller wurden allesamt abgeschmettert. Genau dagegen zieht Katjes nun vor Gericht. „Wir haben uns viel zu lange ruhig verhalten“, polterte Katjes-Chef Bachmüller in der „Wirtschaftswoche“. „Aber jetzt ist Schluss damit.“ Die Klage sollte bereits vergangene Woche eingereicht werden, berichtete die „Rheinische Post“. Als Begründung verweist Bachmüller auf Formfehler bei der Abstimmung. Vorstände und Aufsichtsräte hätten auch bei Punkten mit abgestimmt, die sie selbst betreffen. Das sei nicht zulässig. Ein Halloren-Sprecher wies den Vorwurf zurück. Es sei alles korrekt gelaufen.

Zweifel an Delitzscher-Verkauf

Inhaltlich geht es um diverse Geschäfte und Kapitalerhöhungen der vergangenen Jahre, angefangen bei Verträgen aus dem Jahr 2014 mit Firmen des damaligen Aufsichtsratschefs Morzynski. Im Fokus stehen daneben die wiederholten Kapital­erhöhungen, mit denen Ehlert Geld in das Unternehmen pumpte – und zuletzt der Notverkauf mehrerer Töchter, allem voran der Delitzscher Schokoladenfabrik. Die war für 10 Millionen Euro an Ehlerts ei­gene Beteiligungsgesellschaft Magrath gegangen. Dafür, so der Vorwurf von Katjes, habe es kein unabhängiges Gutachten gegeben, um den Wert zu ermitteln. Ein Halloren-Sprecher wies diesen Vorwurf zurück. „Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen.“

Der Verkauf war für Halloren nach eigenen Angaben sogar ein gutes Geschäft: Gegenüber dem 2008 bezahlten Kaufpreis (knapp vier Millionen Euro) wurden sechs Millionen Euro gutgemacht. Das Geld brauchte Halloren dringend, um Schulden zurückzuzahlen. Den Verkauf an den eigenen Großaktionär sieht Halloren dabei als perfekte Lösung: Delitzsch bleibt in der Gruppe, dient weiter als „verlängerte Werkbank“ der Hallenser. Das sorgt in Delitzsch für Auslastung und gibt Halloren weiter Zugriff auf die Kapazität.

40 Millionen Euro in Bilanz gefunden

Indirekt mit Delitzsch zu tun hat auch der Punkt, den Ehlert jetzt für seinen Gegenangriff nutzt. Es geht um den oberfränkischen Schokolinsenhersteller Piasten, der wie die Delitzscher vor allem No-Name-Ware für Supermärkte herstellt. 2014 hatte Katjes International die Firma übernommen – für neun Millionen Euro. Direkt danach deckte der neue Hausherr dort dann stille Reserven in Höhe von 40 Millionen Euro auf, also mehr als das Vierfache des Kaufpreises.

Wie das geht? Für Charlie Investors war das nicht nachvollziehbar. Und von Katjes habe es auf Nachfrage auch keine befriedigenden Antworten gegeben. Deshalb wolle man sich nun mit anderen Anleihegläubigern abstimmen. Der Aufruf per viertelseitiger Zeitungsanzeige sei bereits auf große Resonanz gestoßen, sagte ein Sprecher von Charlie Investors.

Katjes-Chef Bachmüller wies die Vorwürfe umgehend zurück. „Erstens haben wir alle Anfragen zum Thema Piasten beantwortet“, sagte er der „Rheinischen Post“. Und zweitens „waren die Effekte deutlich kleiner als 40 Millionen Euro“. Wie diese Summe dann in seine eigene Bilanz kam, ließ er offen. Dort stehen exakt 40,1 Millionen Euro aus „Bewertungseffekten im Zuge der Kaufpreisallokation der Akquisition von Piasten“.

Ermöglicht wird der Vorstoß des Halloren-Aktionärs durch eine 95-Millionen-Euro-Anleihe, die Katjes 2015 aufgelegt und 2017 noch einmal aufgestockt hatte. Charlie Investors hatte in diesem Jahr einige der Papiere übernommen – und daraufhin die Bilanzen von Katjes unter die Lupe genommen. Mit Halloren habe die Sache aber nichts zu tun, fügte der Sprecher hinzu „Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe“, betonte er. „Unsere Suche nach Anleihe-Gläubigern hat nichts mit dem Thema Halloren zu tun.“

Von Frank Johannsen