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Wirtschaftszeitung Christian Rost: „Kreative Köpfe sind Sachsens neue Energie“
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaftszeitung Christian Rost: „Kreative Köpfe sind Sachsens neue Energie“
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LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
10:00 04.10.2018
Christian Rost (Leiter Kreatives Sachsen) im Interview mit der Wirtschaftszeitung, dem Unternehmerblatt der LVZ.  Quelle: Stefan Hopf
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Herr Rost, liest man ihre Jobbeschreibung, könnte man zu dem Schluss kommen, Sie sind ein Lobbyist der kreativ arbeitenden Sachsen. Ist dem so?

Lobbyist bin ich in der Tat nicht, ich bin Leiter von Kreatives Sachsen. Das wiederum ein Projekt des Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e.V. ist, welches Kreativschaffende in Sachsen unterstützt. Die Kollegen vom Landesverband sind selbst in der Branche tätig und die eigentlichen Lobbyisten, wenn man dieses Wort benutzen möchte – und sie sind meine Arbeitgeber. Ich bin gemeinsam mit meinem Team für den operativen Teil bei Kreatives Sachsen zuständig.

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Biografie

Der Leipziger Christian Rost (43) ist gelernter Kaufmann und studierte Wirtschaftsgeographie und Urbanistik in Leipzig und Weimar. Schon 1997 gründete er sein erstes Unternehmen, arbeitete später mehrere Jahre in der Stadt- und Regionalentwicklung und im Bereich der Bürgerbeteiligung. Zudem engagiert er sich ehrenamtlich in mehreren Kulturvereinen und Wirtschaftsverbänden. Vor seiner Tätigkeit als Leiter von Kreatives Sachsen war er bis 2013 im  Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes aktiv, zuletzt als Leiter des Projektes.

Aus welchen Teilen besteht die Kultur- und Kreativbranche in Sachsen, für die Sie tätig sind?

Unsere Branche besteht aus zwölf Teilbranchen, die sich in der Kulturwirtschaft und der Kreativwirtschaft bewegen. Diese zwei Bereiche beinhalten quasi alles, was mit Musik zu tun hat, mit Literatur, mit darstellender Kunst, mit bildender Kunst, mit Werbung, mit Design, aber auch mit Software und Games, Architektur, Rundfunk, Film und Presse. Ich betone die zwölf Teilbereiche als Besonderheit für Sachsen. Denn im Gegensatz zum Freistaat sind auf Bundesebene nur elf Teilbereiche erfasst. Wir aber haben eine enorm lange Tradition im sächsischen Volkskunsthandwerk, also zum Beispiel mit der Herstellung von Pyramiden und Weihnachtsengeln. Dieses zählt auch mit zu unserem Aufgabengebiet.

Das ist ein sehr breiter Themenkanon.

Allerdings. Schaut man sich zum Beispiel die wachsende Film- und Musikbranche an, tummeln sich darunter viele verschiedene Gewerke. Im Musikbereich sind es vor allem die freien Musiker, aber auch Produzenten oder Musiklabels. Es sind aber auch die Hersteller von Musikinstrumenten im vogtländischen Musikwinkel, die eine bedeutende Rolle spielen – gerade auch für die Exportwirtschaft.

Und die Film- und Fernsehbranche?

Im Filmbereich finden wir eine ebenso breite Facette von Autoren, Regisseuren, Dramaturgen und Kameraleuten. All diese Berufe werden zum Spektrum der Kultur- und Kreativwirtschaft gezählt. Das besondere ist, dass hier nur diejenigen erfasst werden, die erwerbswirtschaftlich, sprich unternehmerisch, tätig sind. So komisch das klingt, die Folge dieser Regelungen ist, dass der Mitteldeutsche Rundfunk mit seinen vielen Tausend Angestellten rein formell nicht zur Kultur und Kreativwirtschaft zählt und auch nicht in unseren Wirtschaftsstatistiken auftaucht.

Welche Rolle spielt die Kreativwirtschaft im sächsischen Wirtschaftsaufkommen? Wo ist der Platz der Kreativschaffenden?

Es gibt in unserem Sektor ungefähr 10.000 Unternehmen mit cirka 40.000 Angestellten in Sachsen. Das ist eine Zahl, die Autohersteller zum Beispiel nicht erreicht. In diesem gesamten Spektrum der Kultur- und Kreativwirtschaft sind mehr Personen erwerbswirtschaftlich, also sozialversicherungspflichtig tätig als im Automobilbereich. Im Gegensatz zum Automobilbereich haben wir allerdings auch so gut wie keine Unternehmen mit einer Mitarbeiterzahl von über 50. Wir reden bei der Kultur- und Kreativwirtschaft eher über Soloselbstständige, freiberuflich Tätige und Gewerbetreibende, die im Schnitt weniger als fünf Angestellte haben.

„Durch die Kleinteiligkeit der Branche existiert auch eine Anpassungsfähigkeit, eine Resilienz.“

Christian Rost , Leiter Kreatives Sachsen

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für den Freistaat – der aber unterm Radar fliegt?

So könnte man das sehen. Das ist vermutlich auch ein bisschen einem altbackenen Klischeedenken geschuldet, dass immer gedacht und gesagt wurde: „Kultur und Kreativwirtschaft sind die Bereiche, die mehr Geld kosten, als sie verdienen. Das sind die Leute, die nur noch ein bisschen das aufhübschen, was die Anderen produziert haben.“ Es schwingt viel Unwissen in dieser Bewertung mit. Fakt ist jedoch: Das, was von unserer Branche kreiert wird, ist mittlerweile entscheidend für die Erfolge anderer Bereiche im produzierenden Gewerbe. Unsere Branche ist eine eigene wirtschaftliche Größe geworden, insbesondere durch die über Jahre gewachsene Stabilität und innere Stärke.

Stabilität und Stärke, was heißt das konkret?

Was das heißt, hat man zum Beispiel während und nach der Banken- und Wirtschaftskrise 2008 gesehen. In der Kultur- und Kreativwirtschaft sind die Unternehmenszahlen und die Zahl der abhängig Beschäftigen konstant gestiegen,  während sie in vielen anderen Branchen stark eingebrochen sind. Durch die Kleinteiligkeit – die nur dann nachteilig ist, wenn man über Sichtbarkeit spricht – existiert auch eine gewisse Anpassungsfähigkeit an die Gegebenheiten des Marktes, eine Resilienz. Als Selbstständiger oder als kleines Unternehmen mit drei oder vier Mitarbeitern bewegt man sich schneller und kann sich besser anpassen. So ist man in der Lage, sich am Markt schnell neu zu orientieren, rasch neu auszurichten und so wirtschaftliche Krisenzeiten zu überleben.

Auch wenn ihre Branche eher eine junge ist – das klingt für mich nach bester sächsischer Wirtschaftstradition.

Schaut man sich die Wirtschaftsstruktur des Freistaates an, sind wir gar nicht so atypisch. Wenn man betrachtet, woher die klassische Stärke der sächsischen Wirtschaft kommt, nämlich aus einer Tradition von Kleinstgewerben und Manufakturbetrieben weit ins 19. Jahrhundert hinein, bis hin zum Einsetzen der flächendeckenden Industrialisierung, sehe ich zur derzeitigen Situation viele Parallelen. Aus diesen Kleinstfirmen sind oftmals Industrieunternehmen  hervorgegangen. Kleinteilig produzierende Unternehmen haben unsere Region in der Vergangenheit sehr erfolgreich gestaltet.

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Es gibt aber nicht nur heile Welt in der Branche. Viele Kreative leben von der Hand in den Mund.

Es gibt durchaus prekäre Beschäftigungs- und Arbeitsverhältnisse in der Kultur- und Kreativwirtschaft, das wissen wir und dagegen kämpfen wir sehr aktiv an. Wir wissen aber auch, dass das mittlerweile nur ein kleiner Teil ist. Andererseits gibt es sehr viele erfolgreiche Kleinst- und Kleinunternehmen, die dank der Digitalisierung ihre Märkte neu durchdenken, neu erfinden, neu definieren und dadurch extrem erfolgreich sind.

Was bringt die Zukunft für die Branche?

Die Potenziale für die Zukunft liegen für Sachsen unserer Ansicht nach eher im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft, in der Content-Industrie, in den Dienstleistungen und Produkten, die hier vor Ort geschaffen werden, als in klassischen Formaten wie beispielsweise der klassischen Rohstoff- und Energieindustrie mit dem großflächigen Braunkohleabbau. Anders formuliert: Die Braunkohle wird in absehbarer Zeit nicht mehr die Rolle spielen, die sie in den letzten Jahrzehnten gespielt hat. Man kann schon sehen, dass Kultur- und Kreativwirtschaft eine der Zukunftsbranchen für den Wirtschaftsstandort Sachsen ist – und bleiben wird.

Sind die Kreativen die „neuen Goldschürfer“?

Ich denke, die Kreativen haben die Chance, Sachsens neue Energiequelle zu werden.

Interview: Frank Schmiedel

www.kreatives-sachsen.de
www.lvkkwsachsen.de