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LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
20:19 11.10.2019
Dietrich Enk, der neue Präsident des Unternehmerverbandes Sachsen, in seinem Leipziger Büro. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Er räumt es unumwunden ein. „Ja, auf jeden Fall, es sind große Fußstapfen, die Hartmut Bunsen mir hinterlassen hat“, sagt Dietrich Enk. 18 Jahre lang stand der Gründer und Seniorchef der Leipziger Messeprojekt GmbH an der Spitze des Unternehmerverbandes Sachsen. Der 78-jährige Bunsen scheute dabei weder kontroverse Diskussionen noch klare und deutliche Worte. Ein Satz wie „Das ist totaler Quatsch“, gehörte zu seinem Rhetorik-Repertoire. „Seine Tätigkeit hat mich motiviert, ihm in gewisser Weise nachzueifern“, berichtet Präsidenten-Nachfolger Enk. Es gehe darum, auch ein Stück weit Impulsgeber zu sein.

Gleichwohl wird der Neue natürlich keine Kopie seines Vorgängers sein. 1990 wurde der Verband gegründet, um nach der Wiedervereinigung nicht nur die Interessen der meist kleinen und mittleren Firmen zu vertreten, sondern auch, um bei Restitutionsansprüchen gegenüber staatlichen Institutionen Flagge für die Wirtschaft zu zeigen. „Jede Zeit hat ihre Themen“, meint Enk ein wenig philosophisch im Gespräch mit der LVZ-Wirtschaftszeitung. „Deshalb habe ich die Fußstapfen von Bunsen schon fast ein wenig hinter mir gelassen.“ Für den 46-jährigen gebürtigen Leipziger steht fest, dass er eigene Wege gehen will.

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Enk sehnt sich nicht nach Ruhe

Zwar sieht sich der verheiratete Vater von vier Kindern – auch ein Enkel ist schon da – noch in der Hälfte seiner Zeit als Unternehmer, die 1999 begann. Und er sehnt sich „überhaupt nicht nach Ruhe“. Gleichwohl müsse sich der Verband unbedingt des Themas Unternehmensnachfolge verstärkt annehmen. „Da müssen wir unbedingt was machen.“ Firmeninhaber kämen häufig auf den Verband zu, „weil sie sich in den Kammern nicht immer richtig wohlfühlen“. Ziel müsse sein, potenzielle Gründer und Übernehmer zu motivieren. Zugleich seien Politik und Verwaltung zu ermutigen, hier „aufgeschlossen zu sein und den Mut aufzubringen, die Verhinderungsproblematik zu vermeiden“.

Verwaltungen treten oft bremsend auf

Überhaupt: Die Behörden sollten sich vermehrt der Aufgabe widmen, die Bürger und damit auch die Betriebe gut zu beraten. „Da nehme ich viele Wachstumshemmnisse wahr, weil Verwaltungen nicht mitziehen, oftmals auch bremsend auftreten.“ So dauerten Genehmigungsprozesse häufig viel zu lange. Enk, der von Überregulierung spricht, hat da auch ein Beispiel parat. Ein Verbandsmitglied wolle Kies abbauen, bekomme aber seit acht Jahren keinerlei keinerlei Erklärung, warum die Erlaubnis bislang nicht erteilt worden sei. „Das ist definitiv behindernd.“

20 Jahre Selbständigkeit

Unternehmerische Erfahrung, auch im Umgang mit Verwaltungen, hat das Mitglied des Rennvereins Scheibenholz reichlich. Er absolvierte eine Ausbildung zum Koch und erhielt ein Stipendium der Bundesbegabtenförderung. Danach war er als Schiffskoch und Proviantmeister auf Traditionsschulschiffen tätig. Den Sprung in die Selbstständigkeit wagte er vor zwanzig Jahren mit dem Restaurant Allee in Leipzig. Danach legte er ein zügiges Wachstumstempo vor. Heute gehören zu seinem Firmenreich unter anderem das Restaurant „Pilot“ im Schauspiel, das „Max Enk“ im Städtischen Kaufhaus, das Locationmanagement etwa in der Spinnerei. Die Kräuterhof GmbH & Co. KG hat regionale Lebensmittel, Seminare und Gartenbau im Portfolio. Auch Eventcatering ist im Angebot.

Enk beschäftigt rund 100 Festangestellte

Unter anderem verantwortet Enk („ich bin noch immer heimlicher Chefkoch meines Unternehmens“) das VIP- und Hospitality-Catering in der Red-Bull-Arena mit bis zu 2000 Gästen bei den Bundesligaspielen. „Da arbeite ich regelmäßig mit.“ Das Engagement umfasst auch Spiele der Fußball-Nationalmannschaft in Leipzig sowie Konzerte. Enk beschäftigt rund 100 Festangestellte. „Damit habe ich ein Handwerks-, ein Handels-, ein Dienstleistungs- und ein Logistikunternehmen“, analysiert der Geschäftsführer. Scherzhaft fügt er angesichts der Komplexität an: „Manchmal frage ich mich, warum hast du nicht einen Reifenhandel aufgemacht.“ Das bekräftigt er mit einem lauten Lachen – ein Zeichen, dass er Humor hat und sich auch selbst auf die Schippe nehmen kann.

Wachstum ist auf kompetente Mitarbeiter angewiesen

Er sehe die Vielfalt an Herausforderungen jeden Tag in seiner Firmengruppe. „Ich glaube, ich bin ziemlich nah dran an den Problemen und ein Chef, der zwar fordernd ist, aber auch helfen kann“, beschreibt er seinen Führungsstil. Er habe starkes Vertrauen in seine Beschäftigten entwickelt. „Das klappt nicht in den ersten Jahren als Unternehmer, das dauert.“ Durch das Wachstum des Unternehmens sei er angewiesen auf die Kompetenz seiner Mitarbeiter. „Ich kann mich schließlich nicht mehr um jedes Detail kümmern – und das will ich auch nicht.“

Privates Umfeld steht hoch im Kurs

Positiv beurteilt er die Entwicklung der sächsischen Wirtschaft. „Sie steht so gut da wie noch nie, darauf können wir stolz sein.“ Es sei eine positive Entwicklung vorhanden. Nicht so recht was anfangen kann er mit der Diskussion über den ökonomischen Rückstand des Ostens. Enk nimmt sich ein kleines Stück Melone vom Teller auf dem Tisch in der Sitzecke seines Büros, denkt kurz nach und stimmt nicht in das Klagelied ein, das von geringerer Produktivität oder niedrigeren Löhnen handelt. Es gebe Ungleichheiten, „da fällt es mir leicht, sie anzunehmen“. So hätten die Menschen heute durchaus andere Ansprüche als früher. Vor vielen Jahren habe ein gerade fertig ausgebildeter Koch einen Teil seines Gehalts monatlich als Rate in ein Autohaus getragen, um einen möglichst PS-starken Boliden sein Eigen zu nennen. „Heute steht ein gutes privates Umfeld viel höher im Kurs, es hechelt keiner mehr dem Wagen hinterher.“ Das sei nicht unbedingt schlecht.

Wachstum allein ist nicht relevant

„Welche Vergleichsebenen gelten also in Sachen Angleichung?“, sinniert der Präsident, der eine rein auf Wachstum orientierte Politik, die alles andere außer Frage stelle, „nicht für relevant“ halte. Enk erzählt, dass er vor zwei Jahren mit der Familie in Palermo gewesen sei. Dort habe er für sieben Kugeln Eis knapp 34 Euro bezahlt. „Ist es das erstrebenswerte Ziel, die Angleichung so hinzukriegen, dass auch der Delitzscher Eisverkäufer so viel Geld nehmen kann? Oder ist er unglücklich, wenn er günstiger ist?“

„Wie weh tut uns der Rückstand wirklich?“

Auch hinter der Debatte um den Nachholbedarf des Ostens bei der Kaufkraft setzt Enk ein dickes Fragezeichen. „Wie weh tut uns der Rückstand wirklich?“ Was habe ein Koch, der für 1500 Euro monatlich mehr nach München gehe, netto angesichts der dortigen hohen Lebenshaltungskosten tatsächlich vom höheren Gehalt? Angesichts von 300 000 Arbeitskräften, die in Sachsen in den nächsten zehn Jahren fehlen würden, sei es viel wichtiger, darüber zu diskutieren, gesellschaftlich aufeinander zuzugehen. „Da verbietet es sich, einseitig zu sein.“ Generell „sollten wir als Sachsen auf unsere Heimat schauen“, empfiehlt der Unternehmer, „uns wohlfühlen und darauf blicken, was uns wertvoll ist“. Er sehe das Heimatgefühl im Freistaat gut entwickelt, „wir sind nicht abgehängt“. Er betrachte Sachsen „weiter als stabiles Land“.

Einige verbummeln ihre eigene Karriere

Überhaupt: „Wir wohnen in einem reichen und gut entwickelten Staat.“ Es müsse jedoch aufgepasst werden, dass Tugenden wie Neugier und die Bereitschaft, die Gesellschaft nach vorne zu bringen, nicht verloren gingen. Er sehe die Gefahr, dass „viele auf ihr Erbe aus dem Westen warten und ihre eigene Karriere ein bisschen verbummeln“. Die Bereitschaft, in dieser Gesellschaft eine Rolle zu spielen, fehle bei manchem potenziellen Auszubildenden, bemängelt Enk.

Gründliches Nachdenken gehört dazu

Nachdenklich beurteilt er auch das, was heute unter dem Stichwort Nachhaltigkeit subsumiert wird. Es sei schade, dass so mancher Handwerkerberuf verschwinde. Das führe dazu, dass eben ein neues Sofa gekauft werde, anstatt das alte beim Polsterer aufzumöbeln. Enk sagt, er fahre ein Dieselauto. „In dem Moment, in dem ich mir einen neuen Wagen kaufe, ist der Umweltschaden höher, als wenn ich weiter mit meinem alten Fahrzeug unterwegs bin.“ Damit spielt er darauf an, dass die Fertigung eines Autos, gleich ob mit Elektro- oder Verbrennerantrieb, nicht zum ökologischen Nulltarif zu haben ist. Auf die Wort-Pauke zu hauen, das ist ganz offenkundig nicht sein Ding. „Ich will meinen Beitrag leisten, dass wir mit Vernunft in die Zukunft gehen“, sagt der Präsident des Unternehmerverbandes. Und dazu „gehört auch das gründliche Nachdenken“. Jede Zeit hat eben nicht nur ihre Themen, sondern auch ihre handelnden Personen.

Von Ulrich Milde