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LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
18:12 10.09.2019
Danny Weckwarth ist einer der beiden Geschäftsführer der Twinner GmbH. Er installiert die Innenraumkamera im Fahrzeug. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Der graue VW Golf rollt in den ovalen Raum, auf einen riesigen Drehteller von sechs Metern Durchmesser, Mitarbeiterin Maria Fischer installiert die Innenraumkamera zwischen Dachhimmel und Mittelkonsole. Sie verlässt den Raum, der ein hochinnovatives Messgerät in der Größe eines Fotostudios ist. Das Tor schließt sich langsam. Mit einem QR-Code wird das Fahrzeug identifiziert, der Scan-Prozess kann beginnen. Auf Knopfdruck beginnt sich die Plattform mit dem dunklen Kombi im Innenraum zu drehen – die Kameras und Sensoren nehmen ihre Arbeit auf. Das Fahrzeug wird so lange gedreht, bis alle Sensoren und Aufnahmegeräte jeden Winkel erfasst haben. Nach knapp fünf Minuten ist der Prozess beendet. Auf den Monitoren erscheint der digitale Zwilling des Golfs – sein „digital twin“. Ausgedacht hat sich dieses revolutionäre System das Team der Twinner GmbH der beiden Geschäftsführer Geert Peeters und Danny Weckwarth. Revolutionär aus mehreren Gründen: Die komplette Ansicht des Autos, inklusive Innenraum und Unterboden, wird in einem Arbeitsgang aufgenommen. Zusätzlich werden auch die Reifenprofiltiefe gemessen und Farbunterschiede im Lack – wie etwa bei Nachlackierungen – erkannt. Per erfasster Fahrgestellnummer werden Fahrzeugdaten sowie Ausstattung ermittelt und dem Datenpaket hinzugefügt. Alle Infos werden in einen Cloud-Speicher hochgeladen, um sie dort verfügbar zu machen – aber auch, um sie vor Manipulationen durch Dritte zu schützen.

Hohe Auflösung bringt enormen Detailreichtum

Der digitale Zwilling des erfassten Autos ist komplett drehbar, Details können problemlos herangezoomt werden. Zuvor hat ein Team von Autogutachtern und Verkaufsberatern die erfassten Fahrzeuge mit sogenannten „Tags“ versehen. Diese digitalen Markierungen beschreiben alle wesentlichen Ausstattungsmerkmale, aber auch bestehende Beschädigungen, Kratzer oder Dellen. Durch die Zoom-Möglichkeit des Systems sind diese Mängel für den potenziellen Käufer rasch sichtbar. Möglich wird das durch die enorm hohe Auflösung der verwendeten Kameras: „Wir nutzen innerhalb des Twinners Kameras mit einer Auflösung von mehr als 50 Megapixeln“, erklärt Markus Hoffmann, der Leiter des Produktmanagements. „Das ist ungefähr eine doppelt so hohe Auflösung wie bei einer Spiegelreflexkamera oder vier Mal so viel, wie eine herkömmliche Smartphone- Kamera erfassen kann.“

Twinner-Daten sind nicht manipulierbar

Bis zum Ende des Jahres soll die Erkennungssoftware die ersten Ergebnisse erzeugen. Hierbei werden dann Ausstattungsdetails des Fahrzeugs mittels künstlicher Intelligenz selbstständig erkannt und am Fahrzeug automatisch markiert. Dass der spätere Verkäufer die gewonnenen Daten nicht manipulieren kann, dafür ist seitens Twinner gesorgt: „Wir behalten die Hoheit über die erfassten Daten, können damit allen Nutzern, egal ob Käufer, Zwischenhändler oder Verkäufer, unverfälschte Ergebnisse garantieren“, erklärt Hoffmann. Schummeln wird so fast unmöglich.

200 Digital-Spezialisten, zwei Jahre Arbeit

Die 360-Grad-Ansichten und Fahrzeugdaten können Autohändler problemlos in ihre Online-Angebote einbinden, der Kunde bekommt ein reales Abbild des Automobils zu sehen. Wie schauen die Sitze aus, ist das Lenkrad abgegriffen, wo sitzt eventuell schon der Rost? Wichtige Informationen, um eine Kaufentscheidung zu treffen – oder eben zu einem anderen Fahrzeug weiterzuklicken. Aber auch Flottenmanager von Firmen mit vielen Dienstwagen dürften sich für den Twinner interessieren, ebenso Mitarbeiter von Autohäusern, die sich mit der Erfassung von Leasing-Rückläufern befassen. Eine solche Innovation entsteht nicht über Nacht, eher in vielen durchgearbeiteten Nächten: Begonnen hat aber alles vor zwei Jahren, rund 200 Digitalspezialisten und Autoexperten hat den „Twinner“ entwickelt, gebaut und zum Drehen gebracht. Ende 2018 kam der Twinner dann auf den Markt.

Großauftrag für Discounter – 1000 italienische Autos

Das Unternehmen hat seit dem Frühjahr seinen Sitz in Halle, begonnen hat alles in Leipzig. Das Versuchslabor mit dem aktiv genutzten Twinner befindet sich weiterhin in der Franz-Flemming-Straße der Pleißestadt. Geld verdient die Twinner GmbH mit einem transaktionsbasierten Geschäftsmodell, in welchem Gebühren für die durchgeführten Scans berechnet werden. Erste echte Erfolge konnten bereits erzielt werden – und das mit namhaften Partnern in der Automobilbranche: Im Frühjahr verkaufte die Autohaus Gotthard König GmbH rund 1000 Fahrzeuge des italienischen Herstellers Fiat über den Discount-Riesen Lidl auf ihrer Online-Plattform. Nahezu alle Autos waren zuvor mit dem mitteldeutschen Twinner erfasst und in den Online-Shop exportiert worden. Die Fahrzeuge waren innerhalb weniger Tage komplett vergriffen.

Weite Anreise bedeuten geringe Verkaufschancen

„Der Twinner ist für uns ein ganz neues, innovatives Produkt, das wir unbedingt für uns austesten wollen“, erklärt der Geschäftsführer Dirk Steeger. „Wir sehen die Zukunft der digitalen Vermarktung von Fahrzeugen als etwas, was wir gern begleiten wollen.“ Die Händler bekommen eine hohe Zahl von Online-Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet. Dabei gilt die Regel: Je weiter die Anreise ist, desto unrealistischer wird der Vertragsabschluss. Denn zu oft entspricht das Fahrzeug, das dann im Verkaufsraum steht, nicht den Kunden-Erwartungen. „Diese Brücke für den Kunden schlagen wir mit dem Twinner, indem wir durch die umfangreiche visuelle Dokumentation klarer stellen, welches Auto wir da anbieten“, beschreibt Steeger den neuen Service. Denn um den Kundenvorteil als Verkaufsargument dreht sich auch im Online-Autohandel alles: „Was soll dem Käufer passieren?“, fragt Dirk Steeger. „Er bekommt eine Werksgarantie mit dem neuen Originalfahrzeug bzw. dem zuvor in allen Details gesehenen Gebrauchtwagen. Von der Couch hat er eine schnelle Verfügbarkeit aller Fahrzeugdaten rund um die Uhr – und einen guten Preis. Dem Käufer wird es durch technologische Lösungen wie dem Twinner egal sein, ob das Auto aus Heidelberg, Sindelfingen oder Berlin stammt.“

Fahrzeugscanner ist auch in China im Einsatz

Insgesamt fünf Autohäuser in Deutschland nutzen das mitteldeutsche System bereits, weitere Verträge sind abgeschlossen und in China ist der innovative Fahrzeugscanner ebenfalls schon im Einsatz. Der Twinner ist damit neben dem starken deutschen Markt auf einem der weltweit größten Wachstumsmärkte mit einem enormen Potenzial vertreten. Besonders im Gebrauchtwagenhandel dürfte sich das Gerät gut machen, dort haben die Fahrzeuge in Deutschland laut Statistikdienst Statista eine durchschnittliche Standzeit von 107 Tagen. Ein Wert, der für Händler zunächst hohe Kosten bedeutet, sich dank der idealen Online-Darstellung eines Fahrzeugs durch die neue Methode deutlich senken lässt.

Deutscher Gebrauchtwagenmarkt ist 82 Milliarden Euro groß

Eine weitere Zahl spricht für die Nutzung des Twinner-Angebotes – der deutsche Gebrauchtwagenmarkt hatte 2017 das Volumen von 82,1 Milliarden Euro. Es ist also genug Geld im Markt für die Nutzung des Twinner. Neben der digitalen Innovation beeindruckt auch die reine Geschwindigkeit bei der Erfassung. Im Idealfall werden am Nachmittag oder Abend angelieferte Fahrzeuge über Nacht digital erfasst und können schon am nächsten Vormittag online gestellt werden. Bis zu 900 Fahrzeuge pro Monat könnten so mit nur einem Twinner erfasst und angeboten werden, so Hoffmann. Bisherige Erfassungszyklen von Neu- und Gebrauchtfahrzeugen lagen bislang zwischen zwei und drei Tagen. Ein enormer Geschwindigkeitszuwachs im schnelllebigen Autohandel durch den Twinner. Setzt sich das System durch, könnte ein wichtiger Baustein des zukünftigen Online-Automobilhandels aus der Metropolregion Leipzig-Halle stammen.

Von Frank Schmiedel

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