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20:01 03.09.2019
Eric Weber, der Geschäftsführer des HHL Spinlab in der Baumwollspinnerei Leipzig.
Eric Weber, der Geschäftsführer des HHL Spinlab in der Baumwollspinnerei Leipzig. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

In einem Besprechungsraum nebenan wird gerade ein Vortrag über die Förderung von Kleinunternehmen durch die Europäische Union gehalten. Eine junge Frau steht in der Halle 14 vom Schreibtisch auf, geht in die Küche und holt sich einen Kaffee. Es ist viel Gewusel in diesem Teil der Leipziger Baumwollspinnerei. Eric Weber bleibt ruhig und gelassen, er ist das Treiben gewohnt. Kein Wunder, denn er war von Anfang an dabei, als die Leipziger Managerschmiede HHL das Spinlab ins Leben rief, um Startups aus der Technologiebranche beim Aufbau ihres Unternehmens unter die Arme zu greifen und zugleich die regionale Wirtschaft zu stärken. Das Erfolgsgeheimnis der von ihm geleiteten Einrichtung beschreibt Weber so: „Wir als Betreibergesellschaft sind selbst ein Startup.“

Authentizität als Schlüssel

Mit anderthalb Stellen ging es im November 2014 los, heute gibt es immerhin schon acht fest angestellte Mitarbeiter. „Da können wir uns gut in die Startups hineinversetzen“, sagt der 31-Jährige. „Wir kennen es auch, wenn das Geld knapp wird. Das macht uns authentisch.“ Die Startups, die den Auswahlprozess bestanden haben, bleiben ein halbes Jahr vor Ort, Mietkosten entstehen ihnen nicht. 24 Unternehmenspartner von Dell bis zum Energieversorger EnviaM, von VNG bis zur Madsack Mediengruppe, die auch diese Zeitung herausgibt, unterstützen das Spinlab. Sie ermöglichen, das dürfte der wichtigste Aspekt sein, den Teilnehmern durch ihr Wissen und ihre Netzwerke einen schnellen Marktzugang. Das garantiert zwar nicht beste Wachstumsbedingungen, erhöht aber deutlich die Wahrscheinlichkeit. Wer einen Platz erhält, kann sich zumindest ziemlich sicher sein, dass seine Idee Potenzial hat. Acht bis zehn jungen Firmen sind pro Durchgang dabei. Mit den acht jetzigen sind bislang 59 Start-ups begleitet worden. „85 Prozent von ihnen haben überlebt“, berichtet Weber. Zusammen haben sie 450 Arbeitsplätze geschaffen.

45 Millionen Euro Kapital sind bislang geflossen

Klingt gut, ist dem gebürtigen Riesaer aber schon fast zu viel. „Ein hoher Innovationsgrad bedeutet zugleich, dass die Projekte angesichts des hohen Risikos auch scheitern können, einige sogar scheitern müssen.“ Immerhin sind bereits 45 Millionen Euro Kapital in die Firmen geflossen. Das Spinlab setzt auf viele Partner und unterscheidet sich dadurch von den meisten anderen Einrichtungen. Oft steht ein Konzern dahinter, der sich an Start-ups beteiligt in der Hoffnung, dass wenigstens eines dieser Unternehmen so durch die Decke geht, dass nicht nur sämtliche Kosten wieder eingespielt werden, sondern ein erklecklicher Gewinn übrig bleibt. Das allerdings ähnelt ein wenig der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Eigener Risikoinvestmentfonds seit Juli

Generell ist es nach Webers Einschätzung in Ostdeutschland schwieriger, Wagniskapital zu generieren. Hier gibt es, teilungsbedingt, wenig große Konzerne. Der Westen der Republik profitiert hier auch von seinen vielen ebenso traditionsreichen wie finanzstarken Familienunternehmen. Obendrauf kommen dort viele vermögende Privatpersonen. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen, wurde im Juli ein Venture Capital Fonds aufgelegt, mit einem Volumen von zehn bis fünfzehn Millionen Euro. „Es handelt sich um den ersten privaten Fonds in Ostdeutschland“, sagt Initiator Weber. Mit dem Geld beteiligt sich der Fonds an jungen Unternehmen und finanziert die Wachstumsphase. Anleger müssen mindestens 100 000 Euro aufbringen, um sich an dem professionell gemanagten Fonds zu beteiligen. Das Risiko ist groß, die Chancen sind es ebenfalls. Zum Vergleich: Der Versicherungsriese Allianz hat kürzlich seinen Fonds für Beteiligungen an jungen Digitalunternehmen auf eine Milliarde Euro aufgestockt.

Immer dran am Digitalen

Weber selbst ist prädestiniert dafür, das Spinlab voranzubringen. Der gebürtige Riesaer gründete bereits mit 17 eine Firma, die unter anderem Webseiten für Firmen und Institutionen wie die Feuerwehr erstellte. Nach Abitur und Bundeswehr studierte er an der Berufsakademie Sachsen und arbeitete für ein Großhandelsunternehmen. Für diesen Betrieb baute er den Online-Shop auf. „Das war sehr interessant.“ Später war er unter anderem für eine damalige Tochter des Erdgasriesen VNG tätig. Es ging um die Entwicklung von Gas-Software. Weber schloss ein Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Leipzig an und wechselte danach zur Handelshochschule. Der damalige Rektor Andreas Pinkwart (58, heute Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen) suchte einen wissenschaftlichen Mitarbeiter. Weber promovierte über Technologie-Start-ups. Eine dauerhafte Tätigkeit am Lehrstuhl strebte er aber nicht an.

Zentrum für Startups auf der Baumwollspinnerei

Passend trat der Leipziger Galerist Gerd Harry „Judy“ Lybke (58) mit einem Vertreter der Immobilienfirma MIB AG – ihr gehört das Gelände der Baumwollspinnerei – an Pinkwart mit der Idee heran, dort ein Zentrum für Startups einzurichten. Das Konzept, Kreative auf dem zehn Hektar großen Gelände zusammenzuführen, überzeugte Pinkwart. Weber erhielt den Auftrag, der Umsetzung. Die Erfolgsgeschichte begann – und geht weiter. Angesiedelt im Spinlab ist auch das Smart Infrastructure Hub, ein Gründerzentrum mit hochschulübergreifenden Kompetenzen. Die Schwerpunkte liegen in den Sparten Energie, Smart City und Gesundheit. Initiiert wurde es durch einen Wettbewerb des Bundeswirtschaftsministeriums. Ziel ist es, in Sachen Digitalisierung voranzukommen. „Hier ist Deutschland ein Stück zurück, wir müssen schnell aufholen“, sagt Weber.

Von Ulrich Milde

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