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21:12 17.09.2019
Deutsche und globalen Finanzinvestoren haben Unternehmen aus Deutschlands Osten für sich entdeckt. Quelle: dpa
Leipzig

Sie sind häufig milliardenschwer. Die Private- Equity-Gesellschaft EQT hat im vorigen Jahr für neue Firmenkäufe 10,75 Milliarden Euro eingesammelt – der größte Fonds in der Unternehmensgeschichte der Schweden. Dahinter steckt maßgeblich die Familie Wallenberg. Sie ist die wohlhabendste und einflussreichste Familiendynastie in diesem nordeuropäischen Land. 2017 stieg EQT beim Magdeburger Energiedienstleister Getec ein. Inzwischen gehören den Schweden rund 75 Prozent der Anteile. Vor einem Jahr gaben die beiden Gründer der HIT Holztechnik in Torgau die Mehrheit an einen Fonds ab, der von der Münchner Beteiligungsgesellschaft Orlando geführt wird.

Ost-Firmen geraten den Fokus

Zwei von mehreren Beispielen, die zeigen: Die ostdeutschen Betriebe geraten zunehmend in den Fokus von Beteiligungsgesellschaften. „Das nimmt zu“, bestätigt Volker Heinemann (56), der das Unternehmenskundengeschäft der Deutschen Bank in Mitteldeutschland verantwortet. „Das tut der Region gut, es handelt sich keineswegs um eine bedrohliche Entwicklung.“ Immerhin fließe so zusätzliches Investitionskapital in die hiesige Wirtschaft. „Das ist eine Bereicherung“, ergänzt Michael Erfurt (44), bei der Deutschen Bank im Raum Leipzig/Chemnitz für das Firmenkundengeschäft zuständig. So steige die Chance, dass die Betriebe anorganisch wachsen könnten. Zudem bleibe dann der Sitz des Unternehmens hier.

Die Gründe für den Einstieg der Private-Equity- Firmen sind vielfältig. Zum einen sitzen diese Fonds weltweit auf rund einer Billion US-Dollar, die angelegt werden wollen. Angesichts der Niedrigzinsphase sind Beteiligungen an Unternehmen die bevorzugte Variante. Im vorigen Jahr wurden allein in Europa 2168 derartige Deals perfekt gemacht mit einem Gesamtumfang von 262 Milliarden Euro.

Nachfolge vieler Firmen ist oft ungeklärt

Häufig stoßen die Beteiliger auf offene Türen, weil die Unternehmensnachfolge gerade in den neuen Ländern häufig ungeklärt ist. „Viele der Kinder derjenigen, die nach der Wende hier den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt haben, wollen den elterlichen Betrieb nicht fortführen“, erklärt Erfurt. Oftmals, weil sie in den 90er-Jahren, als die Arbeitsplätze hier knapp waren, in den Westen gegangen sind und sich dort beruflich orientiert haben. Getec-Gründer Karl Gerhold (68) hatte den Mehrheitsverkauf an EQT auch damit begründet, er wolle sicherstellen, dass das Unternehmen sich unabhängig von seinem persönlichen Schicksal weiterentwickeln könne. Bei HIT in Torgau, dem nach eigenen Angaben größten Hersteller von Europaletten in Europa, ging es ebenfalls um eine vernünftige Nachfolgeregelung.

Einfluss auf die Unternehmensstrategie

EQT beteiligt sich nach eigener Aussage an Firmen „mit der Mission, sie dabei zu unterstützen, sich zu großartigen und nachhaltigen Unternehmen zu entwickeln“. Dazu trimmen die Finanzinvestoren die Betriebe auf Effizienz. Mittelfristig ist in der Regel der Verkauf zu einem deutlich höheren Preis als beim Einstieg vorgesehen. In jüngster Zeit haben viele Fondsgesellschaften sich zu aktivistischen Investoren entwickelt. Selbst bei Minderheitsbeteiligungen versuchen sie, auf die Unternehmensstrategie massiv Einfluss und Druck auszuüben. Dem US-Fonds Elliot ist es so gelungen, beim Industriegiganten Thyssenkrupp die Ablösung von Vorstandschef Heinrich Hiesinger (58) und des Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner (73) zu erreichen, was den Konzern in eine Führungskrise stürzte. Die Beteiligungsgesellschaft Cevian forciert Berichten zufolge die Zerschlagung des Industrieunternehmens Bilfinger.

Doch auch sonst haben die Unternehmen in den neuen Ländern bei der Finanzierung offenkundig Anschluss an den Westen gewonnen. Neben den üblichen Krediten nehmen Schuldscheindarlehen zu. „Sie weiten den Kreis der Investoren aus“, betont Heinemann. Diese Darlehen werden von Banken arrangiert. Sie dienen in der Regel der längerfristigen Finanzierung. Von 2004 bis 2017 hat sich das Volumen des Schuldscheinmarktes in Deutschland auf 25 Milliarden Euro fast versiebenfacht. Nach wie vor sind in den neuen Ländern dagegen Unternehmensanleihen, die an der Börse gehandelt werden, noch eine große Seltenheit. Jedenfalls im geregelten Markt der Frankfurter Börse. Nach dem Verständnis der Deutschen Bank geht es da um eine Größenordnung ab 100 Millionen Euro.

Keine Sprünge an die Aktienmärkte

Was in der Firmen-Finanzierungspalette aktuell in der Region fehlt, ist der Sprung in den Aktienmarkt. Doch auch da sind die Deutschbanker optimistisch. „Wir werden in den nächsten drei bis fünf Jahren einige Börsengänge sehen“, prognostiziert Erfurt. Immerhin gibt es hier schon Unternehmen, die den Sprung auf das Börsenparkett gewagt haben. Dazu zählen der Biosprithersteller Verbio, der seine Zentrale in Leipzig hat, Jenoptik und Carl Zeiss Meditec (beide Jena) sowie der Halbleiterhersteller X-Fab. Der formale Sitz des Konzerns ist in Belgien, die operative Zentrale aber in Erfurt. X-Fab ist an der Pariser Börse notiert. „Die ostdeutsche Wirtschaft ist insgesamt auf einem guten Weg“, kommentiert Heinemann.

Von Ulrich Milde

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