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Wirtschaftszeitung „Schönwetterkapitän kann jeder sein“
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12:22 19.11.2019
Innovate-Chef Alexander van Haren ist detailverliebt, arbeitet mit seinem Team an individuellen Lösungen für Kunden und technischen Neuerungen für sein Werk.
Innovate-Chef Alexander van Haren ist detailverliebt, arbeitet mit seinem Team an individuellen Lösungen für Kunden und technischen Neuerungen für sein Werk. Quelle: Stefan Hopf für LVZ-Wirtschaftszeitung
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Naumburg / Leipzig

Man kann alles schaffen, wenn man nur will. Diesem persönlichen Mantra folgt Alexander van Haren nun schon seit mehr als drei Jahrzehnten als Unternehmer. Heute ein erfolgreicher Hersteller von Medizin-Spezialprodukten, begann sein Werdegang in Mitteldeutschland klassisch im Handel.

Alexander van Haren kam im Frühjahr 1990 nach Leipzig, begann Autos zu verkaufen. „Ja, das war tatsächlich der wilde Osten mit fast schon anarchischen Zügen und Rahmenbedingungen. Aber es war Neuland und das hat mich eben gereizt“, erinnert sich der heute 54-Jährige an die Nachwende-Jahre. Nach vier Jahren in Sachsen wird er zurück in die Niederlande gerufen, die Familie – allesamt Unternehmer – braucht ihn vor Ort am Stammsitz in Venray bei Venlo an der niederländisch-deutschen Grenze.

Der Sprung ins kalte Wasser

1999 steht das Familienunternehmen der van Harens, die Innovate BV, vor einer Entscheidung mit Tragweite: Soll der große Hersteller von Feuchttüchern in den Niederlanden auf hohem Niveau stagnieren oder in den neuen Bundesländern ins kalte Wasser springen? Es wird gesprungen, im Jahr 2000 zieht es die van Harens nach Naumburg/Saale. Hier finden Alexander und sein Bruder Melchior passende Rahmenbedingungen, um ein Feuchttuchwerk mit Wachstumspotenzial aufzubauen. „Viele haben uns abgeraten, in den Osten Deutschlands zu gehen und es dort zu versuchen“, sagt Alexander van Haren.

Die Brüder wagen es dennoch, mit Erfolg. Zwei Jahre Aufbauarbeit am Stadtrand von Naumburg folgen, im Sommer 2002 nimmt die Innovate GmbH die Produktion auf. Nicht zuletzt profitiert die Familie von den günstigen Fördermittel-Bedingungen und der hohen Anzahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte im Chemieland Sachsen-Anhalt. 15 Mitarbeiter sind vom Start weg dabei, nach und nach werden es mehr, die Firma wächst rasch. Auftragsproduktionen für Markenhersteller wie Shell, Polyboy oder Total wurden ebenso abgewickelt wie für Lidl und die Eigenmarken vieler europäischer Supermarktketten. Dem Auf und Ab des Wettbewerbs können die Niederländer trotzen, sie haben sich mit Köpfchen und Kundenorientierung durchgesetzt. „Rückblickend bin ich sehr stolz, die Innovate GmbH aufgebaut und auch in schwierigen Zeiten über Wasser gehalten zu haben“, erklärt Alexander van Haren. „Schönwetterkapitän kann jeder sein.“

Von Naumburg auf die europäischen Märkte

Einen erfolgreichen, aber plötzlichen Wandel durchlebte das Unternehmen vor fünf Jahren: Ab 2014 explodierte durch verschiedene Ausbrüche von Krankenhaus- und Tierkeimen die Nachfrage nach antibakteriellen Reinigungsprodukten für medizinische Einrichtungen wie Arztpraxen, Labore und Krankenhäuser. „Viele unserer Wettbewerber konnten diese speziell produzierten und verpackten Produkte nicht herstellen, wir schon“, erinnert sich van Haren. Vom Innovate-Förderband rollten damals unzählige Packungen mit Desinfektionstüchern, getränkt mit alkoholbasiertem Wirkstoff, von hier wurde der europäische Markt versorgt. Die Naumburger deckten in langen Schichten den Bedarf ihrer Auftraggeber ab, durch eine gleichbleibend hohe Qualität und stets eingehaltene Liefertermine erwarb sich die Firma einen guten Ruf bei Kunden des medizinischen Sektors.

„Wir waren mit einem Schlag in der Champions League unserer Branche“, schätzt Alexander van Haren die damalige Entwicklung ein. Neben all der Anerkennung im Markt hieß das jedoch, dass das Business deutlich anspruchsvoller wurde. „Wir mussten innovativ bleiben, neue Produkte und Lösungen entwickeln. Die neue Situation forderte einfach mehr Hirnschmalz von der gesamten Belegschaft.“ Dabei hatte der Hersteller aus dem Burgenlandkreis schon einige Erfolgsprodukte für internationale Märkte im Portfolio, hätte sich auf dem Erreichten ausruhen können. „Unsere Babytücher für Hongkong, Australien und die USA waren ein Renner“, nennt er ein Beispiel von vielen. „Einer unserer Kunden war die weltgrößte Supermarktkette WalMart, für die wir Auslandsaufträge realisieren durften.“

Hoher Innovationsdrang im Werk

Der Innovationsdrang der Naumburger ging bis zur Entwicklung veganer Kosmetiktücher für den nordamerikanischen Markt. „Das Medizin-Business ist aber ein komplett neues und forderndes Geschäftsfeld, auf das wir uns mittlerweile spezialisiert haben.“ Lag der Anteil dieses Produktsegments vor vier Jahren noch bei rund 30 Prozent, strebt van Haren derzeit einen Produktionsanteil von 90 Prozent an.

Um dieses Level zu halten, waren und sind Investitionen zu tätigen – diese tragen sich aber nicht von allein. So ging die Innovate Ende 2018 eine Allianz mit der Codi Group ein – einem der größten europäischen Hersteller von Feuchttüchern – bei der van Haren das Naumburger Werk bis auf einen kleinen verbleibenden Anteil an die neuen Partner verkaufte. „Als wirtschaftlicher Einzelkämpfer ist es einfach zu schwierig, an die benötigten Geldmittel für zukünftige Investments zu kommen“, begründet Alexander van Haren den Deal. Denn Banken würden bei der Kreditvergabe einfach anders als Unternehmer denken. „Um an der Spitze zu bleiben, musst du investieren und dabei liquide bleiben.“ Van Haren ist weiterhin Geschäftsführer des Naumburger Werkes, zeichnet verantwortlich für 145 Mitarbeiter und 20 Millionen Euro Jahresumsatz.

Produzierte van Harens Unternehmen anfangs noch Feuchttücher für Kosmetikanbieter, Tankstellenketten und Supermärkte, spezialisiert sich die Innovate GmbH seit einigen Jahren auf Produkte im medizinischen Bereich. Quelle: Stefan Hopf für LVZ-Wirtschaftszeitung

Neue Lager- und Werkhalle entsteht

Das Codi-Geld wird klug reinvestiert: Die Bauarbeiten an der lang geplanten kombinierten Lager-und Werkhalle neben dem bestehenden Produktionsgebäude starten im März 2020. „Der Anbau wird neben der großen Lagerfläche neue Gemeinschaftsräume, eine Werkstatt, Labore und eine Wäscherei aufnehmen“, so van Haren. Hinzu komme ein separates Gefahrstofflager. Das Investment beträgt 4,5 Millionen Euro, zusammen mit der notwendigen Lager- und Logistiktechnik sind es 5,2 Millionen Euro. „Vieles davon wird individuell für uns hergestellt, wir wollen keinen wertvollen Platz durch Lösungen von der Stange verschwenden“, merkt der Unternehmer an. Bislang hatte er eine Reihe von Außenlagern in der Umgebung angemietet, um die wichtige Rohstoff- und Warenlogistik garantieren zu können. Der moderne Anbau wird gleichzeitig auch das Herzstück der weiteren Pläne bei Innovate sein.

„Ich bin zuversichtlich, dass wir durch die dann geschaffenen modernen Produktions- und Lagerstätten wieder eine dritte Schicht fahren können.“ Diese wurde vor rund zwei Jahren ausgesetzt, die Firma war mit vollen Auftragsbüchern schlicht an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Auch sei es so möglich, im neuen Gebäude alle notwendigen Gefahrstoff-Mischungen stattfinden zu lassen, die in einem Chemieunternehmen täglich vorkommen.

Voraussetzungen für die Top Fünf

„Wir schaffen gerade die Voraussetzungen, um weiterhin zu den Top Fünf in Europa im Bereich medizinischer Reinigungsprodukte zu gehören“, erläutert van Haren den tieferen Ansatz des kommenden Investments. Dazu bedarf es neuer, ungewöhnlicher Produkte in diesem hart umkämpften Marktsegment. Da hat der Niederländer einige Pfeile im Köcher: „Zusammen mit einem skandinavischen Partner arbeiten wir an einem antibakteriellen Wischmopp für Krankenhäuser“, nennt er ein Beispiel. „Das Reinigungspersonal kann den Mopp direkt aus der Verpackung nehmen und sofort nutzen, er muss nicht umständlich eingeweicht werden.“ Das Material ist durch die spezielle Verpackung immer gleich stark mit der speziell formulierten Reinigungslösung durchtränkt, so ist stets ein gleich hoher Reinigungseffekt gegeben. „Dieses Produkt gibt es so nur bei Innovate“, zeigt sich van Haren stolz.

Van Haren kennt die Bürokratie

Doch er kennt auch die akuten Nöte der Hospitäler im Kampf gegen die Krankenhauskeime – und mit der Bürokratie. Denn die Gesundheitseinrichtungen müssen in Kürze verifizieren und dokumentieren, dass ihre eingesetzten Reinigungsmittel einen hohen Wirkungsgrad haben und diesen während des kompletten Putzvorgangs beibehalten. Das kann bislang nicht jedes verwendete Mittel garantieren. Die Naumburger wollen hier mit ihrer Entwicklung für Abhilfe sorgen.

Neben neuen Spezialprodukten hat Innovate-Chef van Haren auch die großen Markenhersteller als Kunden im Blick. Einer der Kunden des Firmenverbundes Codi ist der Hamburger Kosmetikriese Beiersdorf. Gut möglich, dass bald Nivea-Feuchttücher aus dem Naumburger Werk kommen.

Von Frank Schmiedel