Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wirtschaftszeitung „Tolles Gefühl, wenn ich helfen kann“
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaftszeitung

Interview mit Florian Stapper, Fachanwalt für Insolvenzrecht

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
06:21 08.10.2020
Insolvenzverwalter Prof. Dr. Florian Stapper Quelle: Kanzlei Stapper
Anzeige
Leipzig

Er lebt seit 1998 in Leipzig. Fühlt sich hier „sauwohl“. Hat seinen Schritt, nach Sachsen zu gehen, nie bereut. Florian Stapper ist als Fachanwalt für Insolvenzrecht darauf spezialisiert, Firmen, die in Schieflage geraten sind, zu helfen, sie vor der Insolvenz zu bewahren und wieder in ruhiges, sicheres Fahrwasser zu manövrieren. „Das macht mir Spaß“, sagt der 58-Jährige. Dabei fühlt sich der Professor wie ein Notarzt, der den Patienten reanimieren und wieder gesund machen muss. Gestartet ist er als Ein-Mann-Betrieb mit einer Sekretärin, die seinerzeit vom Arbeitsamt bezahlt wurde. Jetzt hat seine Kanzlei rund 50 Mitarbeiter, in der Spitze waren es sogar schon 70.

Herr Stapper, Notarzt zu sein, ist nicht ganz ohne. Immerhin schwingt immer das Risiko mit, dass die Genesung misslingt.

Anzeige

Das stimmt. Dennoch ist es ein ganz tolles Gefühl, wenn ich helfen kann. Sicher, leicht ist es nicht. Da gehört auch eine ganze Portion psychologisches Geschick dazu.

Sie sind aber doch kein Psychologe, sondern Fachanwalt für Insolvenzrecht. Juristisches dürfte bei Ihrer Arbeit wohl im Vordergrund stehen.

Ganz so einfach ist das nicht.

Inwiefern?

Natürlich ist die rechtliche Sicht auf die betrieblichen Probleme ein wesentlicher Aspekt meiner Tätigkeit. Nur: Ohne auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten zu schauen, geht es nicht. Und dann kommt eben noch die mentale Seite dazu.

Was meinen Sie damit?

Ein Unternehmer, dessen Firma pleite ist, strotzt in der Regel nicht vor Tatkraft und Selbstbewusstsein. Im Gegenteil. Häufig sind die Chefs in solchen Situationen psychisch angeschlagen. Sie fühlen sich als Versager, denen nichts gelingt. Den Unternehmer aus diesem seelischen Tal herauszuholen, ist nicht mit Links zu bewerkstelligen.

Aber wenn Sie demjenigen als Experte zur Seite stehen, ist doch alles wieder gut.

Beileibe nicht. Den Betriebsinhaber wieder zu begeistern, kraftvoll mit anzupacken, das ist nicht leicht.

Inwiefern?

Wirtschaftliche Schieflagen sind den meisten Menschen peinlich und unangenehm. Niemand will das an die große Glocke hängen. Vielmehr ziehen sich Insolvente häufig zurück, werden verschlossen und sind kaum zugänglich.

Wie schaffen Sie es dennoch, das Steuer herumzureißen?

Dafür ist eine Menge Einfühlungsvermögen nötig. Vor allem kommt es darauf an, dem Betreffenden wieder Mut zu verschaffen und ihm eine Perspektive aufzuzeigen. In der Regel ist er ja tatsächlich derjenige, der weiß, wie in der Firma der Hase läuft. Wenn es gelingt, ihn für die Sanierung des Betriebes zu motivieren, ist schon ein großes Stück Arbeit getan.

Dann läuft alles von selbst?

Keineswegs. Der Insolvenzverwalter muss in der Folge mit großem rechtlichen wirtschaftlichen und psychologischen Sachverstand agieren.

Sie sind in allen Branchen quer Beet tätig. Sich in die jeweilige Branche und den Betrieb hineinzuversetzen, ist sicher nicht ganz leicht.

So ist es. Dabei kommt mir zugute, dass ich zwei Jahre lang in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet hatte. Das schulte meinen wirtschaftlichen Sachverstand enorm.

Ist es nicht deprimierend, ständig von Pleiten, Pech und Pannen umringt zu sein?

Ganz und gar nicht. Es beschert mir riesigen Spaß, die Betriebsfortführung in der Insolvenz, wie es im Fachjargon heißt, zu meistern, aus dem fortgeführten Geschäftsvertrieb eine Sanierungslösung zu strukturieren und umzusetzen.

Trotz alledem: Ist Ihre Berufung nicht dennoch eine Art Beerdigungsinstitut auf juristischen Pfeilern?

In gewisser Weise schon. Aber die Kunst besteht ja gerade darin, den noch nicht ganz Toten wieder zum Leben zu erwecken, zu reanimieren. So gesehen ist ein Insolvenzverwalter der wirtschaftliche Notarzt. Wenn er nicht sofort die richtigen Maßnahmen einleitet, wird er wirklich zum Bestatter.

Was sind die häufigsten Ursachen für Firmenpleiten?

Insolvente Unternehmer sind häufig durchaus Experten auf Ihrem Fachgebiet, haben aber Probleme mit der Betriebswirtschaft. Insofern werden die Produkte oder Dienstleistungen solcher Unternehmen im Markt häufig gut angenommen aber der Betrieb rechnet sich nicht. Aufgabe eines Insolvenzverwalters ist es dann, den Geschäftsbetrieb fortzuführen und in dieser Zeit die Betriebswirtschaft wieder so auszurichten, dass der Betrieb profitabel arbeitet. Der Gesetzgeber unterstützt den Insolvenzverwalter dabei. Einige Unternehmer gehen auch zu hohe Risiken ein und das verwirklicht sich dann häufig in einer Krise. Insofern wird auch die aktueller Corona-Pandemie aufdecken, dass einige Unternehmen mit zu wenig Eigenkapital ausgestattet sind.

Welche weiteren Gründe für Schieflagen sehen Sie noch?

Einige Unternehmer verkennen Entwicklungen im Markt. Andere kümmern sich nicht rechtzeitig um eine Nachfolge und schließlich sind kleinere Betriebe gelegentlich außerordentlich stark auf den Inhaber fixiert. Wenn der Inhaber dann ausfällt, verwirklicht sich ein solches Risiko. Schließlich kommt es auch vor, dass Unternehmer auf Betrüger hereinfallen und das kann dann die Insolvenz zur Folge haben.

Beschert Ihnen die Corona-Krise zusätzliche Aufträge, sind Sie ein Gewinner der Pandemie?

Das bleibt abzuwarten. Im ersten halben Jahr der Pandemie war dies nicht der Fall. Immerhin ist die Insolvenzantragspflicht ja ausgesetzt worden. Als Staatsbürger hoffe ich, dass ich mit meinen Kollegen nicht zum Gewinner der Corona-Krise werde. Sollte aber eine Pleitewelle auf uns zuschwappen, haben meine rund 50 Mitarbeiter und ich bestimmt alle Hände voll zu tun.

Bereuten Sie jemals Ihre Berufswahl?

Nein. Das kommt bestimmt auch daher, dass ich mit meiner Tätigkeit helfen kann, Firmen und Jobs zu retten. Abgesehen davon, habe ist immer viel Arbeit zu bewältigen, so dass faktisch keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken, ob ich den falschen Beruf gewählt habe.

Wie sind Sie auf Sachsen und Leipzig gekommen?

Ich war seinerzeit Angestellter eines Konkursverwalters in Düsseldorf. Damals bestand keine Chance, dass ich dort auch als Konkursverwalter bestellt würde. Diese Umstände haben mich auf Sachsen schauen lassen. Und Leipzig ist es dann geworden - ein Glücksfall für mich und meine Mitarbeiter. Und auch für meine Familie: Ich habe drei wunderbare Töchter - 20, 18. und 16 Jahre alt. Zudem besitze ich hier in der Region Immobilien, bin also zugleich als Immobilieninvestor aktiv.

50 Mitarbeiter, zwischenzeitlich gar 70 - das ist schon eine große Hausnummer.

Angefangen habe ich 1998 mit einer vom Arbeitsamt bezahlten Sekretärin. Insofern war es eine echte Garagen-Gründung. Meine Kanzlei ist im Laufe der Jahre erst zu dem geworden, was sie heute ist.

Wo stehen mit ihr heute?

Im Raum Leipzig sind wir immer unter den ersten Kanzleien, die sich mit Insolvenzrecht- und -verwaltung befassen.

Und sachsenweit?

Da liegen wir ebenfalls vorn. Bundesweit gehören wir zu den großen mittelständischen Kanzleien, die sich auf Insolvenzrecht spezialisiert haben. Schwerpunkte unserer Tätigkeit sind die Betriebsfortführung in der Insolvenz, die Sanierung von Unternehmen und die Erstellung von Insolvenzplänen. Bei Letzteren dürften wir in ganz Deutschland führend sein mit einer Erfolgsquote von 100 Prozent.

An wie vielen Insolvenzverfahren haben Sie mitgewirkt?

An rund 3000. Meine beiden Partner haben etwa 2000 Verfahren absolviert. Alles in allem ist meine Kanzlei seit 1998 bei geschätzten 5000 Insolvenzen in die Bresche gesprungen.

Wie viele Jobs haben sie auf dem Gewissen, weil Ihre Hilfe zu spät kam?

Das kann ich so genau gar nicht beziffern. Mehrere Tausend Arbeitsplätze hingen schon an den zig Verfahren. Nur ist immer festzuhalten: Der Insolvenzverwalter ist der Retter im Gefahrenfalle und nicht schuld an der prekären Situation. Das ist schließlich dem falsch agierenden Unternehmer anzulasten.

Umgekehrt gefragt: Wie viele Jobs konnten Sie retten?

Von den Arbeitsplätzen, die bei den Pleiten auf der Kippe standen, haben wir mehrere Hundert erhalten können - etwa 30 Prozent der gefährdeten Jobs.

Was macht an Ihrem Beruf am meisten Freude?

Das ist eine gute Frage. Ein wohliges Gefühl stellt sich ein, wenn die Sanierung aus der Insolvenz heraus Erfolg hatte, wenn viele Arbeitsplätze überlebten und: Wenn ich dem Unternehmer wieder eine Perspektive schenken konnte. Klar, ihn wirtschaftlich an die Hand zu nehmen - da kommt pure Lebensfreude auf. Leider wird unsere Zunft aber oft als Schlachter gebrandmarkt, der der Firma den Rest gibt.

Das sehen sie gewiss ganz anders?

Ja. Denn unser Ziel ist es vielmehr zu schauen, wie dem Unternehmen wieder eine Zukunftschance verschafft werden kann. Da gilt es, dem gescheiterten Unternehmer unter die Arme zu greifen, ihm seine eigenen menschlichen und fachlichen Vorzüge bewusst und diese natürlich vorher ausfindig zu machen. Ich muss die Schubkraft des Firmenchefs freilegen und aktivieren - sofern diese vorhanden ist.

Wie meinen Sie das?

In der Regel ist beim ersten Rundgang im Betrieb zu spüren, ob der Chef bei Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten angesehen ist und wertgeschätzt wird. Aufgrund der Umstände hat er meist ein gehöriges Maß seiner Schubkraft verloren. Ich vergleiche das gern mit einer Rakete.

Rakete?

Nun ja, der Unternehmer stellt für mich eine Art Rakete dar. In ihren Korpus haben sich jedoch Löcher eingefräst, die deren Schubkraft schwächt oder gar gänzlich raubt, die er aber für die Leitung der Firma dringend benötigt. Diese Löcher - etwa fehlende Finanzen und weggebrochene Absatzchancen, mangelndes Controlling oder betriebswirtschaftliche Mängel - muss ich als Insolvenzverwalter markieren und stopfen. Dann vermag die Rakete wieder voll durchzustarten.

Wie lange dauert das Löcher-Stopfen?

Im Schnitt sechs bis zwölf Wochen. Da steige ich sozusagen mit in den Boxring, um den Kampf gegen die drohende Schließung des Betriebes zu gewinnen. Allerdings funktioniert das nur, wenn der Unternehmer selbst Zuversicht hat ebenfalls in den Ring steigt und mit Vollkraft sein Bestes gibt.

Welcher Fall war Ihr schönster, welcher Ihr deprimierendster?

Bei Letzterem gab es nur wenige, da fällt mir ad hoc gar nichts ein. Nur generell: Ärgerlich ist für mich immer, wenn der Unternehmer vor der Rettungsaktion schon aufgibt. Wenn er meint: Ich trete lieber erst mal meinen Urlaub an, verwende dafür das letzte Geld, das mir noch bleibt... Das ist dann sehr traurig, denn so werden Sanierungschancen vergeben,obwohl eine Rettung möglich wäre.

Und der angenehmste Fall?

Da habe ich eine Menge erlebt. Die Rettung bei zwei Spediteuren oder bei zwei Kraftwerken oder bei einem Datenarchivierer. Oder der junge Mann, der Privatinsolvenz anmelden musste, 40 000 Euro Schulden auf dem Buckel, zwischendurch viel Mist gebaut - für ihn habe ich einen Insolvenzplan aufgestellt, den die Gläubiger angenommen und das Gericht bestätigt hat. Das ging gut aus. Heute ist er in einer Firma als Filialleiter angestellt. Er sprüht wieder vor Lebensfreude.

Was wünschen Sie der Region Leipzig?

Das Bevölkerungswachstum soll anhalten. Der Stadt wünsche ich weitere Großansiedlungen von Firmen und der Fußballclub RB Leipzig möge irgendwann einmal die Champions League gewinnen. Und zum 50. Jahrestag der friedlichen Revolution sollte ein Denkmal ähnlich der Christusstatue „Cristo Redentor“ in Rio de Janeiro mit ihren 38 Metern Höhe ein großer Leipziger Anziehungspunkt sein.

Von Ulrich Langer