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LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
15:56 21.12.2019
Firmengründer und Geschäftsführer Jürgen Koppe mit dem jungen Nachfolge-Team der MOL Katalysatortechnik GmbH: Christoph Koppe (30), Tina Lütje (30), Jan Koppe (37) und Jens Linck (34) (v.l.).
Firmengründer und Geschäftsführer Jürgen Koppe mit dem jungen Nachfolge-Team der MOL Katalysatortechnik GmbH: Christoph Koppe (30), Tina Lütje (30), Jan Koppe (37) und Jens Linck (34) (v.l.). Quelle: Stefan Hopf für LVZ-Wirtschaftszeitung
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Merseburg/Leipzig

„Wenn man ihm ein Rätsel schenkt, freut sich der Ingenieur – und denkt.“ Jürgen Koppes liebster Sinnspruch hat den Unternehmer vier Jahrzehnte lang durchs Berufsleben begleitet. Der Geschäftsführer der Merseburger MOL Katalysatortechnik GmbH liebt knifflige Situationen, am liebsten im technischen Bereich. Als Gründer und Firmenchef stand er ebenfalls oft genug vor vielfältigen kaufmännischen und juristischen Herausforderungen. Vor einigen Jahren kam die Regelung der Chefnachfolge seines eigenen Unternehmens hinzu.

1995 mit einigen anderen Teilhabern gegründet, ist MOL ein Spezialanbieter für Katalysatortechnik in der Energie-, Umwelttechnik-, Automobil- und chemischen Industrie. Koppe ist seit der Gründung geschäftsführender Gesellschafter, ThyssenKrupp VDM wird Vertriebspartner. Technik von MOL findet sich in großen Stromkraftwerken wie Schkopau und Rostock, ebenso an den Lackierstrecken bei Audi oder Trinkwasseraufbereitungsanlagen der russischen Stadt Kirowsk, um nur einige wenige Anwendungen zu nennen. In große Forschungsprojekte sind die Merseburger ebenso involviert, so wurden die Kühlkreisläufe des experimentellen Fusionsreaktors „Wendelstein 7-X“ am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik Greifswald mit MOL-Technik aus Sachsen-Anhalt nachgerüstet. Ein Hidden Champion mit 25 Mitarbeitern, zwei Millionen Euro Jahresumsatz und einer Eigenkapitalquote von 80 Prozent – dessen wichtigster Rohstoff vor allem die Mitarbeiter und deren Grips ist.

Nachfolge als besonderer Form der Existenzgründung

In Sachsen-Anhalt müssen pro Jahr zwischen 700 und 800 Unternehmer einen Nachfolger oder Nachfolgerteams finden, das geht aus einer Erhebung der IHK Halle-Dessau hervor. Dabei ist das Risiko einer Betriebsschließung nicht gering: Für Sachsen-Anhalt liegt eine Hochrechnung der IHK Halle-Dessau auf der Grundlage von Erfahrungswerten vor. Die Kammer geht hier von jährlich rund 145 Unternehmensschließungen aus, weil die zu übergebenden Unternehmen aus der Sicht potenzieller Käufer nicht ausreichend wettbewerbsfähig bzw. zukunftsfähig sind – oder sich eben kein passender Nachfolger gefunden hat. Ein besonderer Hinderungsgrund in Sachsen-Anhalt ist auch, dass vor allem kleinere Unternehmen so eng mit dem Privatbesitz des bisherigen Unternehmers verflochten sind, wie beim Sitz der Betriebsstätte. Eine Übergabe steht dann oft vor enormen Hindernissen. Das Land betrachtet die Unternehmensnachfolge als eine besondere Form der Existenzgründung, sofern der Nachfolger mit der Übernahme erstmals den Schritt in die Selbständigkeit wagt. Für Unternehmensnachfolger stehen damit in der laufenden Förderperiode der EU bis einschließlich 2020 verschiedene Förderprogramme zur Verfügung – eben auch die Töpfe für Startups.

Prozess passiert nicht mal eben nebenher

Der Kampf um talentierte und motivierte Mitarbeiter tobt nicht erst seit gestern, nicht zuletzt deshalb ist Jürgen Koppe das Thema Nachfolge vergleichsweise früh angegangen. Bereits seit fünf Jahren schaut er sich nach geeigneten Kräften um, die das Unternehmen erfolgreich weiterführen können. „Ich war von Beginn an sicher, dass dies kein Prozess ist, der da mal eben nebenher und innerhalb von einem oder zwei Jahren passiert“, resümiert der promovierte Verfahrenschemiker, der an der Hochschule Merseburg burg studierte. „Dafür ist er zu fordernd und zu intensiv.“ Ein Verkauf an Dritte stand und steht überdies nicht zur Debatte. Dementsprechend früh hat er den notwendigen Generationenwechsel eingeleitet. „Es war für mich selbstverständlich, an einer Vielzahl von Veranstaltungen, Seminaren und Tagungen zum Thema Unternehmensnachfolge teilzunehmen, mir so systematisch das notwendige Rüstzeug und Fachwissen für diesen Übergangsprozess anzueignen.“ Anders als viele Firmenchefs richtete der gebürtige Wittenberger dabei seinen Blick vor allem in die eigene Firma hinein, hat dort nach Talenten gesucht – und sie auch gefunden. „Gut, dass es bei uns eine so große Auswahl gibt.“

Junge Biologin ist Abteilungsleiterin

Erster Teilschritt war vor einem Jahr die Neubesetzung der Abteilungsleitung der Anwendungstechnik und Patente mit der Biologin Tina Lütje. Die damals 29-Jährige übernahm den Posten von Co-Gründer Hartmut Lausch. Lütje ist ein Eigengewächs, kam Ende 2013 als Praktikantin ins Unternehmen, die Chemie stimmte, so schrieb sie im Anschluss ihre Bachelor- und Masterarbeit bei MOL und nahm gern das Nachfolgeangebot an. Ihre wissenschaftliche Karriere ist damit jedoch nicht beendet: „Derzeit konzentriere ich mich auf die Abläufe und den Ausbau in meiner Abteilung, Ende 2019 möchte ich noch mit meiner Promotion beginnen.“

Vom Angestellten zum Kaufmännischen Leiter

Weiter ging es mit der Besetzung des Kaufmännischen Geschäftsführers, dem Diplom-Kaufmann Jens Linck im Juli 2019. Er kam nach seinem Studium in Halle im Jahr 2012 als kaufmännischer Mitarbeiter in die Firma, wurde gefordert und gefördert, später wurde ihm der Leitungsposten angeboten. Linck übernahm die Stelle, erwarb zu dem auch Firmenanteile und ist seitdem ein Teilhaber der MOL. „Die Nachfolge im kaufmännischen Bereich hat sich über Jahre entwickelt und als das Angebot kam, habe ich sehr gern angenommen“, erklärt der 34-Jährige. „Dabei sehe ich mich weiterhin als Teil unseres erfolgreichen Teams, nicht als reiner Vorgesetzter.“

Beide Söhne übernehmen Verantwortung in Vaters Firma

Auch wenn es noch andere Teilhaber gibt, ist die MOL Katalysatortechnik eine Art Familienunternehmen, zwei von Jürgen Koppes Söhnen arbeiten seit Jahren mit. Jan Koppe (37) kümmert sich um das internationale Geschäft der Firma. Sein jüngerer Bruder Christoph Koppe (30) leitet die Konsumgüterabteilung und betreut im Unternehmen die technischen-administrativen Prozesse. Der Informatiker steht mit seinem Team auch hinter der Entwicklung des „Merseburger Zauberwürfels“, einem drei mal drei Zentimeter messenden Katalysator, der Kalk und Ablagerungen aus Spülmaschinen, Waschmaschinen, Wasserkochern und Kaffeemaschinen fern hält. „Ich bin bereit, wenn die Gesellschafter einen weiteren Leitungsposten vergeben wollen“, zeigt sich der junge Familienvater motiviert.

Jüngere Generation muss technologischen Wandel leben

Der Ältere der Brüder, Jan, sieht seine Zukunft vor allem in der Leitung des technologischen Bereiches. „Ich bin seit 2007 in der Firma, habe hier schon eine Reihe von modernen Anwendungen, Materialien und Techniken mitenwickelt und erfolgreich in den Markt gebracht.“ Daran knüpft er gerade mit dem Projekt „Inspire Water“ an, durch dessen Technologien Wasseraufbereitungsanlagen weniger oft und mit deutlich weniger Chemie gereinigt werden müssen. „Das ist ein weiterer Beitrag zum Umweltschutz und zur CO2-Einsparung“, zeigt sich Jan Koppe überzeugt. „Die jüngere Generation muss den technologischen Wandel leben und hinter ihm stehen. Deshalb ist es gut, dass die Nachwuchskräfte durch die Unternehmensnachfolgen auch tatsächlich in Leitungspositionen kommen.“

Jürgen Koppe, der Chef von MOL Merseburg, beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Unternehmensnachfolge in seiner Firma. Quelle: Stefan Hopf für LVZ-Wirtschaftszeitung

Senior Koppe: „Es sind noch einige Rätsel offen“

Senior Koppe vertritt im Übrigen einen entspannten Standpunkt, wenn es um die Verteilung der Anteile und Kompetenzen an seine Nachkommen und die anderen geeigneten Kollegen geht: „Es ist für Jeden ausreichend da, wir müssen hier nichts teilen oder zerschlagen.“ Durch die klaren und frühen Nachfolgeregelungen will Jürgen Koppe vor allem sicherstellen, dass das Firmenwachstum konstant bleibt: „Jeder hat seinen Bereich, um den Sie oder Er sich zu kümmern und hat diesen wachsen lassen kann. So haben alle Spaß an der Arbeit und am gemeinsamen Erfolg des Unternehmens.“ So kann sich Jürgen Koppe peu à peu aus dem Tagesgeschäft der MOL GmbH zurückziehen, sich als Chemiker und Ingenieur, der Grundlagenforschung widmen. „In meinen Augen ist da noch einiges an Rätseln offen“, lächelt er verschmitzt.

Von Frank Schmiedel