Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wirtschaftszeitung OTMR 2019 – Digitalisierung direkt vor der Haustür
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaftszeitung OTMR 2019 – Digitalisierung direkt vor der Haustür
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
18:09 15.10.2019
Seine Session beim OTMR 2019 war eine Kopfwäsche: Sascha Pallenberg ist der Kopf hinter der Digitalisierungs-Strategie bei der Daimler AG. Quelle: Anne Schwerin (www.anne-schwerin.de)
Leipzig

Alle Welt - damit auch der deutsche Mittelstand - spricht über Digitalisierung. Wie soll diese anstehende Mammutaufgabe gelingen, schaffen wir es allein und wo bekommen wir Unterstützung? Antworten auf diese Fragen gab es bei der sechsten Auflage der Konferenz „Online Technologie & Marketing und Recht“, kurz OTMR, am Freitag im Leipziger InterCity-Hotel.

Hinter dem OTMR steht die Leipziger Anwaltskanzlei „Spirit Legal“, die einen ihrer Tätigkeitsschwerpunkte auf die juristischen Belange rund ums Internet gelegt hat. „Wir vertreten Mandanten beispielsweise in den Bereichen Datenschutz, Urheberrecht, Identitätssicherung und Internethandel“, sagt Anwältin und Kanzleipartnerin Sabine Fuhrmann. Die in der Praxis gewonnene Expertise kann jährlich in konzentrierter Form auf der Digitalkonferenz weitergegeben werden, unterstützt von externen Spezialisten. Neben Fuhrmann standen Kanzleipartner Peter Hense sowie andere Anwälte der Kanzlei als Sessionleiter und Experten zur Verfügung.

Glacier Kwong sprach über den „Social Score“ in China

Den emotionalen Kick-Off zur Veranstaltung gab Glacier Kwong, Bürgerrechtlerin und Aktivistin für digitale Rechte aus Hong Kong mit ihrer Keynote. Die 23-jährige Studentin von der Universität Hamburg kämpft seit Jahren für die Einhaltung von grundlegenden Menschen- und Verfahrensrechten sowie das Recht auf Privatsphäre in ihrer Heimat. Diese sieht sie in Hong Kong durch den „zunehmenden Einfluss der chinesischen Zentralregierung in Gefahr“. In ihrer einstündigen Rede erklärte sie unter anderem den „Social Score“, der bereits in vielen chinesischen Städten eingeführt ist: Durch die permanente Überwachung aller Aspekte des täglichen Lebens entscheidet ein digitales System darüber, welche sozialen und gesellschaftliche Aufstiegschancen ein Mensch hat, jeder Bürger kommt einen Wert zugeordnet. „Kauft eine Person in Westeuropa oder den USA regelmäßig zwei Flaschen Wein, so ist das unverfänglich“, nannte Kwong ein Beispiel. In China gerate man durch den „Social Score“ schnell in den Verdacht, Alkoholiker zu sein und verbaue sich so Chancen auf einen Studienplatz, eine neue Arbeitsstelle oder – bei „schlimmeren“ Vergehen gar auf einen Reisepass oder persönliche Freiheiten.

Aufrüttelnde Worte: Bürgerrechtlerin und Datenschutz-Aktivistin Glacier Kwong aus Hong Kong hielt die Keynote beim diesjährigen OTMR-Barcamp. Quelle: Anne Schwerin (www.anne-schwerin.de)

Zahlende Edelfans kann es in jeder Branche geben

In den Sessions des Tages wurde deutlich, wie stark auch hierzulande die Digitalisierung alte Geschäftsmodelle angreift und umwandelt, sich daraus aber neue Chancen ergeben. „Der klassische Musikmarkt, also der Verkauf von CDs oder Vinyl, ist nur noch rudimentär vorhanden“, erklärte Fabian Schuetze von der Leipziger Musik- und Vermarktungsagentur „Golden Ticket“. Als Konsequenz schließen die beiden führenden deutschen Elektronikmärkten bald ihre CD-Abteilungen. Spotify, Apple Music, Amazon Music und YouTube haben den Musikmarkt mit ihren Abomodellen übernommen, Amazon sei der letzte große Händler von physischen Tonträgern. „Ein Kampf gegen diese neuen Giganten ist für die kleinen Labels und Vermarkter nicht zu gewinnen“, weiß Fabian Schuetze. Viel wichtiger sei es, sich auf den einzelnen Plattformen auf die direkte digitale Vermarktung einzelner Künstler und Bands zum Kunden zu spezialisieren. „Ist dort eine gesunde Fanbasis aufgebaut, ist diese gern bereit, weit höhere Beträge als der Durchschnittshörer zu bezahlen. „Diese Edelfans sind durchaus geneigt, pro Jahr 500 bis 1000 Euro für ihr Hobby auszugeben - wenn sie dafür exklusiven Content von ihrem Star bekommen“, so der Musikmanager. Eine Strategie, die für andere Firmen in den Bereichen Kundengewinnung und -Bindung Vorbildcharakter haben kann.

Musikmanager Fabian Schuetze erklärte, wie Direct-to-Customer-Marketing gut funktionieren kann. Quelle: Anne Schwerin (www.anne-schwerin.de)

KI platziert künftig die Anzeigen

Sabrina Kreyßig und Anastasia Fehlberg von den Leipziger „Klickkomplizen“ berichteten, dass die Digitalisierung auch vor den Pionieren der Branche nicht Halt mache. Im Bereich Online Marketing muss sich die vor zehn Jahren gegründete Agentur auf Veränderungen einstellen: „Facebook und Google sind seit Kurzem dazu übergegangen, Werbung mittels künstlicher Intelligenz automatisiert in ihren Angeboten zu platzieren“, erklärte Projektmanagerin Anastasia Fehlberg. Das war aber bislang das Butter-und-Brot-Geschäft vieler Digitalagenturen im B-2-B-Bereich, nun bricht es aber Stück für Stück weg. In den kommenden Jahren werde sich die Arbeit der Agenturen vom operativen Geschäft mit den Social Media-Plattformen deutlich mehr zur strategischen Entwicklungsarbeit für Kunden verschieben. „Google macht Schluss mit uns – aber wir können ja Freunde bleiben“, brachte Marketingmanagerin Sabrina Kreyßig die aktuellen Markttendenzen auf den Punkt.

Anastasia Fehlberg von der Leipziger Agentur „Klickkomplizen“ beschrieb den aktuellen Einzug von künstlicher Intelligenz in die Internetwerbung. Quelle: Anne Schwerin (www.anne-schwerin.de)

Sascha Pallenberg, der Kopf hinter den digitalen Transformationsprozessen bei der Daimler AG, zeigte auf, dass selbst Weltkonzerne so ihre Herausforderungen mit diesen Veränderungen haben. „In meiner Arbeit als Manager dieses Wandels haben mich die Kollegen entweder alle sehr gern oder sagen, ich soll sie damit zufriedenlassen“. Der Grat sei eben sehr schmal, vor allem in einem Unternehmen, dem Traditionen und Hierarchien quasi in der DNA liegen. Hier fordert Pallenberg eine neue Kultur der Experimente, aber auch des kontrollierten Scheiterns in den Firmen: „Die Mitarbeiter machen lassen, neue Techniken und Prozesse testen lassen, und wenn es nicht klappt, dann einfach was Neues ausprobieren und weitermachen.“ Wichtig sei, so Sascha Pallenberg, „dass im digitalen Transformationsprozess alle ehrlich zueinander sind, untereinander keine Informationshoheiten aufbauen, sondern ihr Wissen und Können miteinander teilen“. Dann könne der Wandel gelingen.

Mittelstand sollte Angebote besser annehmen

In den insgesamt 18 Sessions gab es jede Menge zu lernen und viel Neues zu erfahren. Von den 100 Teilnehmern der kombinierten Konferenz kamen jedoch nur die Wenigsten aus klein- und mittelständischen Firmen: Eine vertane Chance, die Digitalisierung quasi vor der Haustür zu begreifen und ihre Pioniere zu treffen. Diese große Menge geballten Wissens, kreative Anregungen für das eigene Geschäft, Hilfe bei den Herausforderungen der Digitalisierung sowie direkte Kontakte zu den digitalen Dienstleistern bekommt man in dieser Form kaum anderswo in der Region. Der Mittelstand sollte Angebote wie den OTMR künftig besser annehmen.

(Die Fotos vom OTMR 2019 wurde freundlicherweise von der Leipziger Fotografin Anne Schwerin (www.anne-schwerin.de) zur Verfügung gestellt.) 

Von Frank Schmiedel

Für und 6000 Unternehmen in Sachsen steht das Thema Unternehmensnachfolge bis 2022 an. Doch nur ein kleiner Teil dieser Firmen geht das Thema aktiv an.

14.10.2019

Geräuschlos und entspannt funktionierte die Nachfolgeregelung bei Leipziger Firma Climatech. Und das Fachkräfteproblem wurde gleich mit gelöst.

11.10.2019

Acht Start-ups, die in besonderem Maße zum Gemeinwohl beitragen, konnten sich unter 138 Bewerbern durchsetzen. Die Verleihung des Preises findet am 7. November in Leipzig statt.

08.10.2019