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Wirtschaftszeitung Oliver Blume: „Verbrenner wird es noch länger geben“
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LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
16:58 02.10.2019
„Die E-Mobilität nimmt immer mehr Fahrt auf“, sagt Oliver Blume, der Vorstandsvorsitzende der Porsche AG. Quelle: Lichtgut / Max Kovalenko für Porsche AG
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Leipzig

Oliver Blume, der Porsche-Vorstandsvorsitzende, spricht im Interview mit der „LVZ-Wirtschaftszeitung“ über neue Technologien seines Hauses, autonomes Fahren, Elektromobilität und die Zukunft des Leipziger Werks.

Herr Blume, welche Bedeutung haben Forschung und Innovation für Porsche?

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Oliver Blume: Innovation hat für uns als Sportwagenhersteller seit jeher einen sehr hohen Stellenwert. Entsprechend hoch sind unsere Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Im vergangenen Geschäftsjahr beliefen sie sich auf 2,2 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anteil von etwa 8,5 Prozent am Jahresumsatz. Allein in die Elektromobilität investieren wir bis 2022 rund sechs Milliarden Euro.

Inwieweit profitiert Porsche von der Zugehörigkeit zum Volkswagen-Konzern?

Im Konzernverbund mit unseren Schwestermarken erzielen wir erhebliche Synergien. Nehmen wir als Beispiel die Entwicklung. Durch den markenübergreifenden Einsatz von Entwicklungskapazitäten vergrößern wir den Spielraum für Zukunftsthemen wie Elektrifizierung, Digitalisierung und autonomes Fahren beträchtlich. Oder werfen wir einen Blick auf die Produktion: Porsche nutzt bei Bedarf Fertigungskapazitäten im Konzernverbund. Im Gegenzug bauen wir Karosserien für Bentley. Dieses Miteinander verschafft allen Beteiligten ein großes Plus an Flexibilität und ist eine echte Win-Win-Situation.

Die automobile Zukunft ist auch bei Porsche elektrisch?

Es heißt, bis 2030 soll es fast nur noch Elek- troautos geben, 2025 soll der Anteil bei 25 Prozent liegen. Wir gehen sogar davon aus, dass 2025 bereits jeder zweite Porsche-Neuwagen elektrifiziert sein wird – entweder als Plug-in-Hybrid oder als rein elektrisch angetriebener Sportwagen. Modelle mit Hybrid-Antrieb haben wir schon seit 2010 im Programm. Und mit der Premiere des Porsche Taycan starten wir seit diesem Monat mit dem Elektroantrieb richtig durch.

Hat Tesla der deutschen Autoindustrie hier Beine gemacht?

Bei allem Respekt vor dem Mut von Elon Musk – das sehe ich nicht so. Porsche verfolgt seine eigene Elektrifizierungsstrategie, völlig unabhängig von Tesla – und das bereits seit Anfang dieses Jahrzehnts. In den meisten Märkten hatten rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge bisher nur einen äußerst geringen Marktanteil. In Deutschland lag er noch 2018 bei nur einem Prozent.

Das ändert sich gerade.

Richtig, die E-Mobilität nimmt immer mehr Fahrt auf, die Nachfrage zieht spürbar an, weltweit. Das hat nicht zuletzt mit dem fortgeschrittenen Reifegrad der E-Technologie zu tun, mit ihrer Leistungsfähigkeit und Alltagstauglichkeit, aber auch mit der besser werdenden Ladeinfrastruktur. Für Porsche ist deshalb jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um mit einem attraktiven, rein elektrisch angetriebenen Sportwagen auf den Markt zu gehen.

Gibt es künftig noch Porsche-Flitzer mit Verbrennungsmotoren und Schaltgetriebe und wenn ja, wie lange?

Verbrenner wird es zweifellos noch länger geben, in einigen Regionen sogar noch sehr lange und in großer Anzahl. Die Märkte entwickeln sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in Richtung Elektromobilität. Deshalb müssen wir flexibel bleiben: Bei den Antrieben setzen wir auf einen Dreiklang aus weiter optimierten Benzinern, fortschrittlichen Plug-in-Hybriden und reinen E-Sportwagen. Das ist für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre die richtige strategische Antwort auf den Umbruch in unserer Industrie. Aber der Trend ist eindeutig: Irgendwann werden Verbrenner zum Nischenprodukt. Die Zukunft gehört dem elektrischen Antrieb.

Trotzdem: Warum diese technologische Verengung vor allem auf die Elektromobilität? Andere Anbieter wollen technologieoffen sein.

Nur drei Technologien bieten heute einen lokal CO2-freien Antrieb: Elektromobilität, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe. Wir haben uns für den elektrischen Antrieb entschieden. Denn in der Wellto-Wheel-Betrachtung – also der gesamten Wirkungskette der Mobilität – ist ein E-Auto ungefähr drei Mal effizienter als ein vergleichbares Wasserstoff-Auto. Und es ist sechs Mal effizienter als ein Fahrzeug, das mit synthetischen Kraftstoffen angetrieben wird.

Da unterschlagen Sie die nicht nur umweltfreundliche Batterieproduktion.

Selbst wenn man die Batterieproduktion mit einbezieht, bleibt das Verhältnis immer noch eins zu zwei gegenüber dem Wasserstoff und eins zu drei gegenüber synthetischen Kraftstoffen. Mit den Fortschritten, die wir in der Batterie-Entwicklung erwarten, wird der Vorteil sogar noch größer. Das ist überzeugend – ganz abgesehen von den überragenden Leistungsdaten, die ein Elektroantrieb bietet. Das eine zu tun, bedeutet allerdings nicht, das andere komplett zu lassen: Synthetische Kraftstoffe könnten in Zukunft zur CO2-Reduktion bei Verbrennungsmotoren im Bestand beitragen. Auf längere Sicht hat auch Wasserstoff möglicherweise noch Potenzial. Doch so lange können wir nicht mehr warten. Wir müssen jetzt handeln, wenn wir etwas für das Klima tun wollen.

Bei allen Marktanteilsgewinnen: Was muss geschehen, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen?

Dazu bedarf es attraktiver Fahrzeuge und vor allem einer leistungsfähigen Ladeinfrastruktur. Wenn sich das Laden der Batterien annähernd so schnell erledigen lässt wie heute das Betanken eines Benziners, steht dem endgültigen Durchbruch der Elektromobilität nichts mehr im Wege. Mit dem Taycan sind wir in Bezug auf den Ladekomfort bereits auf dem richtigen Weg. Mit unserem Charging Service kann der Kunde problemlos an Ladesäulen verschiedener Anbieter laden. Die Rechnung kommt am Monatsende von Porsche.

Die neuen E-Ladesäulen im Porsche Kundenzentrum auf dem Gelände des Leipziger Porsche-Werkes. Quelle: Frank Schmiedel

Gegenwärtig geht die Gewinnung von Batterierohstoffen wie Kobalt oft mit Menschenrechtsverletzungen einher. Wie wollen Sie das verhindern?

Da wir unsere Lieferanten sorgfältig auditieren, lässt sich die Genese der Zulieferprodukte heute relativ gut zurückverfolgen – bei kritischen Rohstoffen wie Kobalt oft bis hin zu ihrem Abbau. Unser Einkauf beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit sehr intensiv mit sämtlichen Nachhaltigkeitsaspekten in der Lieferkette und achtet hier auf eine hohe Transparenz. Wir kaufen die Rohstoffe nicht selbst ein, verpflichten aber unsere Zulieferpartner auf eine nachhaltige Rohstoffbeschaffung, die alle Belange des Umweltschutzes und der Menschenrechte berücksichtigt. Das wird auch regelmäßig überprüft. So kennen wir beim Kobalt für die Taycan-Batterie die Mine und die Schmelze. Aufgrund eigener Besuche vor Ort und unabhängiger, externer Zertifizierungen können wir Menschenrechtsverletzungen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen.

Welche Rolle spielen künftig Hybrid-Fahrzeuge?

Gerade jetzt in der Übergangszeit eine sehr bedeutende. Porsche war 2014 der erste Hersteller, der in gleich drei unterschiedlichen Premium-Segmenten Modelle mit modernen Plug-in-Hybridantrieben angeboten hat. In den Modellreihen Panamera und Cayenne ist das leistungsstärkste Top-Modell ein Hybrid. Unsere Kunden sind begeistert: Aktuell liefern wir 60 Prozent der Panamera-Neufahrzeuge mit Hybridantrieb aus – in einzelnen Märkten liegt der Anteil sogar deutlich höher. Beim Cayenne gehen wir ähnlich vor. Auch in dieser Baureihe ist das Top-Modell künftig ein Hybrid.

Ein herkömmlicher Motor besteht aus rund 1200 Teilen, ein Elektroantrieb aus 200. Was kommt da auf die Porsche-Zulieferer und deren Arbeitsplätze zu?

Die Zuliefer-Industrie ist von den Umbrüchen in unserer Branche genauso betroffen wie wir als Automobilhersteller. Auch unsere Zuliefer-Partner müssen sich dem Wandel stellen und ihre Zukunft aktiv gestalten, indem sie sich neuen Technologiefeldern im Bereich der Elektromobilität und der Digitalisierung zuwenden. Ich gehe nicht davon aus, dass dies zu einem massiven Stellenabbau führen wird. Doch die Anforderungsprofile an neue Mitarbeiter werden sich stark ändern und bestehende Mitarbeiter müssen sich für künftige Aufgaben weiterqualifizieren.

Auch die Produktion soll klimaneutraler werden. Was bedeutet das für das Leipziger Werk?

In unserem Werk in Zuffenhausen produzieren wir den Taycan bereits CO2-neutral. Die Produktion in Leipzig wird folgen. Schon seit 2013 setzen wir hier bei der Stromerzeugung für die Karosseriebauten auf Photovoltaikanlagen. Die Versorgung aus dem Netz haben wir bereits 2017 auf Naturstrom umgestellt. Und zur Beheizung der Lackiererei nutzen wir die Abwärme eines benachbarten Biomasse-Kraftwerks. Gleichzeitig vermindern wir den Energiebedarf durch Effizienzmaßnahmen. Wir sind also schon sehr weit. Und wir werden konsequent weitere Schritte gehen. Unser Ziel ist klar: die „Zero-Impact-Factory“ – eine Produktion, die keinen ökologischen Fußabdruck mehr hinterlässt.

Die Digitalisierung schreitet voran. Inwieweit wirkt sich das auf das Leipziger Werk aus? Kostet das Arbeitsplätze?

Bei Porsche steht seit jeher der Mensch im Mittelpunkt. Daran ändert die Digitalisierung nicht das Geringste. Im Gegenteil: Die Porsche Produktion 4.0 unterstützt die Kolleginnen und Kollegen bei ihrer täglichen Arbeit. Unsere vernetzte, digitale Fertigung vereinfacht die Prozesse, sie macht uns schneller, flexibler und effizienter. Das wiederum führt zu zukunftsfähigen und langfristig sicheren Arbeitsplätzen – auch am Porsche-Standort Leipzig. Im Übrigen sollten wir eines nicht vergessen: Die Digitalisierung bricht nicht von heute auf morgen über uns herein. Es handelt sich hier um einen evolutionären Prozess, der eine große Chance darstellt, wenn man ihn richtig steuert und gestaltet.

Wie verändert sich dadurch die Autobranche?

Die digitale Transformation findet natürlich nicht nur in der Produktion statt. Sie verändert sämtliche Bereiche des Unternehmens – die Produkte, Prozesse und Dienstleistungen sowie die Interaktion mit dem Kunden. Sie verändert die Mobilität insgesamt.

Der Eingang in den "Diamanten", dem Besucher- und Kundenzentrum des Leipziger Porsche-Werks. Quelle: Frank Schmiedel

Das heißt für Ihr Unternehmen?

Für Porsche bedeutet das: Wir müssen über das Fahrzeug hinausdenken und zu einem Anbieter exklusiver sportlicher Mobilität werden. Deshalb bauen wir rund um unser Kerngeschäft ein Ökosystem mit digitalen Dienstleistungen und neuen Wertschöpfungsmodellen auf, die zu unserer Marke passen. Aber auch bei unseren Sportwagen hält die Digitalisierung Einzug. So werden wir künftig „Over-the-Air“-Updates anbieten – also Funktionsverbesserungen, die ohne Werkstattbesuch digital über das Mobilfunknetz aufgespielt werden. Oder „Functions on Demand“ – optionale Features, die sich der Kunde bei Bedarf freischalten lassen kann, temporär oder auch dauerhaft. Und wir werden auch Module des autonomen Fahrens als Option anbieten.

Wo bleibt beim autonomen Fahren die Freude am Porsche-Flitzer?

Einen Porsche wird man immer selbst steuern wollen. Es gibt allerdings Situationen im Verkehrsalltag, in denen autonomes Fahren auch für einen Porsche-Fahrer sinnvoll ist. Denken Sie nur an den „Stopand-Go“-Verkehr während der Rushhour in der Stadt. Oder daran, vor einem Restaurant einfach aussteigen zu können – und das Fahrzeug sucht sich dann völlig autonom einen Parkplatz.

Generell: Welche Bedeutung hat der Standort Leipzig jetzt und künftig?

Als zweiter Produktionsstandort neben unserem Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen hat Leipzig für Porsche eine ganz herausragende Bedeutung. 2018 haben wir dort fast 130 000 Fahrzeuge der Baureihen Macan und Panamera gefertigt – das entspricht nahezu der Hälfte unserer jährlichen Gesamtproduktion. Künftig wird in Leipzig die nächste Generation unseres Bestsellers Macan mit rein elektrischem Antrieb gebaut. Dann produzieren wir hier als erster Hersteller Benziner, Plug-in-Hybride und E-Fahrzeuge auf einer einzigen Fertigungslinie. Für den notwendigen Ausbau investieren wir insgesamt rund 600 Millionen Euro. Darüber hinaus stellen wir in unserem Werk für die Schwestermarke Bentley die Karosserien für die Modelle Continental GT, Continental GTC und Flying Spur her. Sie sehen: Porsche Leipzig ist für die Zukunft perfekt aufgestellt.

Von Ulrich Milde

11.10.2019
Wirtschaftszeitung Unternehmerverband Sachsen - Mit Vernunft in die Zukunft
11.10.2019