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LVZ-Wirtschaftszeitung: Das Unternehmerblatt der Leipziger Volkszeitung
18:49 16.01.2020
Seit 2010 hat das Restaurant "Seensucht" an der Goitzsche geöffnet. Quelle: Frank Schmiedel
Bitterfeld-Wolfen

Andreas Beuster hat nicht zu viel versprochen. Egal ob Sommer oder Winter: Wer auf der Terrasse sitzt, die untergehende Sonne bewundert und die Umgebung auf sich wirken lässt, „der hat den Alltagsstress hinter sich gelassen und so etwas wie ein paar Stunden Urlaub gemacht“.

Und in der Tat, das Restaurant Seensucht in Bitterfeld-Wolfen hat zunächst eines: eine exzellente Lage. Es liegt genau am Yachthafen des 13 Quadratkilometer großen Goitzsche-Sees. Firmenchef Beuster hat mit weiteren Maßnahmen dafür gesorgt, dass beim Besucher rasch Ferienstimmung aufkommen kann. Der mediterrane Baustil erinnert an Erholung unter südlicher Sonne. Die Palmen sind original aus Palma de Mallorca eingeführt worden. Und nur ein klein wenig abseits steht eine für Veranstaltungen genutzte Blockhütte aus Österreich. Beuster verkauft nicht nur Speisen und Getränke, sondern in gewisser Hinsicht ein Stück besonderes Lebensgefühl.

Eigentlich gibt es im deutschen Gastgewerbe derzeit wenig Grund zur Klage. Von einem „soliden Wachstumskurs“ sprach Guido Zöllick (49), Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, bei der Vorlage der Bilanz für 2018. Die Hotels und Restaurants steigerten mit ihren zusammen 1,01 Millionen Beschäftigten ihre Erlöse um 3,2 Prozent auf knapp 58 Milliarden Euro – das neunte Umsatzplus in Folge.

Gerade in Großstädten gönnen sich viele Menschen gern ein schickes Essen. Eine Umfrage der Allensbach-Demoskopen ergab, dass die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland nicht mehr täglich kocht - nicht gerade ein Nachteil für die Gastronomie. Und hier speziell für die Systemgastronomie. Auf das Konto dieser Ketten mit ihren zahlreichen, gleich aussehenden Filialen und Angeboten entfällt inzwischen ein Drittel des gesamten Branchenumsatzes. In kleineren Städten oder gar auf dem Lande sieht die Situation nicht so gut aus. In immer mehr Dorfschänken, Wirtshäusern und Biergärten gegen die Lichter für immer aus.

Vater Andreas Beuster und Sohn Maximilian Beuster, die Betreiber des Restaurants Seensucht am Goitzsche-See nahe Bitterfeld-Wolfen. Quelle: Ulrich Milde

Andreas Beuster: „Man muss schon was bieten“

In diesem Spagat zwischen Schwung beim Umsatz und regionalen Schwierigkeiten bewegt sich Seensucht-Boss Beuster. Der gebürtige Bitterfelder weiß, dass das Gästepotenzial aus der Stadt selbst viel zu gering ist, um ein auskömmliches Überleben des Unternehmens mit seinen 25 Mitarbeitern zu garantieren. „Man muss schon was bieten, um die Kunden hierher zu kriegen“, sagt der 58-Jährige. Allein das attraktive Ambiente reicht nicht aus. So hat der Gastronom, der einst Fernsehmechaniker lernte, um sich nach der Wende („da wurde dieser Beruf mit den alten DDR-Geräten nicht mehr benötigt“) mit einer Spedition selbstständig zu machen und später auf die Gastronomie umsattelte, eine Rezeptur ausgeklügelt.

Damit soll der dauerhafte Erfolg des 2010 eröffneten Restaurants gesichert werden. „Wir wollen auch die Region nach vorne bringen‘“, ergänzt Sohn Maximilian. „Das macht extrem viel Spaß“, sagt der 24-jährige Restaurantleiter, der in seiner Freizeit in einer Band Gitarre spielt.

Bitterfeld hat noch immer zweifelhaften Ruf

Alle Bemühungen waren und sind trotz der Seenlage kein einfaches Unterfangen. Noch heute denken viele, wenn sie Bitterfeld hören, an miserable Luft und Umweltverschmutzung. „Dabei sind wir davon schon ganz weit weg“, sagt der Chef. Doch Vorurteile halten sich häufig hartnäckig. Um dennoch Gäste anzulocken, hat Beuster, der in seiner Jugend das Orgelspielen erlernte und mit 15 eine Band gründete, einen umfangreichen Veranstaltungskalender aufgelegt. Der beginnt mit einer „Nacht der Tracht“ mit Stefan Mross und Livemusik, setzt sich fort mit einem Oktoberfest und endet nicht bei einem Gin-Tasting und einem Theaterdinner. „Ganz wichtig ist die Qualität“, betont Sohn Maximilian. Wer zur Seensucht kommt, möchte vor allem ein gutes Essen genießen. Verantwortlich dafür ist seit knapp einem Jahr Felix Rommel.

Der 32-jährige gebürtige Leipziger gilt in der Branche als einer der Nachwuchsstars am Kochtopf. Rommel hat sich um den Job selbst gekümmert. „Er war zweimal als Gast hier“, erinnert sich Andreas Beuster. „Ich hatte den Tipp bekommen, dass die Seensucht einen neuen Chefkoch sucht“, berichtet Rommel. Ihm gefiel, was er sah. Rasch wurden sich die beiden handelseinig. Ursprüngliche Pläne, zurück nach Österreich zu gehen, warf der Küchen-Virtuose rasch über den Haufen.

Regionalität auf der Speisekarte soll wachsen

„Wir sind zu 110 Prozent ins Risiko gegangen“, sagt Beuster. Denn der neue Koch habe, wenn nicht alles, so doch vieles geändert, von den Lieferanten bis zur Speisekarte. Unterm Strich gefiel und gefällt das den Kunden. Rommel („es macht Spaß hier“) setzt auf mediterranes und regionales Essen. Bei ihm kommen ausschließlich hochwertige Produkte, „nur die besten Zutaten“, in die Töpfe und Pfannen. „Ganz wichtig ist eine frische, ehrliche Küche“, sagt er und kündigt an, das Regionale auf der Karte weiter stärken zu wollen. Sehr viel Wert legt er nach eigenem Bekunden auf Fisch. Ein Lieblingsgericht hat er nicht, selbst isst er auch gerne Suppen. Nur Ananas mag er nicht so recht. Innereien kommen ebenfalls ganz selten auf den Tisch.

Der gebürtige Leipziger Felix Rommel ist Chefkoch des Restaurant „Seensucht“ Quelle: fotoGRAFsusi

Bereits als Jugendlicher entdeckte Rommel seine Liebe zum Kochen. Holm Retsch, Chef des Leipziger Hotel- und Gaststättenverbandes, war der beste Freund seines Vaters und sorgte für Inspirationen. Rommel absolvierte seine Ausbildung im Zillertal, war später unter anderem in der Schweiz, in Salzburg im Red-Bull-Hangar 7, in München und auf der Nordsee-Insel Sylt tätig. Später verantwortete er für den Frankfurter Touristik-Riesen Dertour das weltweite kulinarische Angebot. „Das war ein cooler Job, das Reisen hat viel Spaß gemacht“, sagt Rommel, der inzwischen in Delitzsch sesshaft geworden ist.

Merkel, Lindenberg, Tiefensee – und Czupalla

Das Restaurant hat es inzwischen geschafft, sich einen über die Region hinausgehenden Namen zu verschaffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel war ebenso schon dort wie der Rockmusiker Udo Lindenberg. Regelmäßig zu finden ist in der Seensucht der frühere nordsächsische Landrat Michael Czupalla, der gerne mit guten Bekannten wie Harald Langenfeld, dem Chef der Sparkasse Leipzig, oder dem früheren Leipziger Polizeipräsidenten Bernd Merbitz einkehrt. „Das ist hier mein zweites Wohnzimmer“, scherzt Czupalla. Als er zwischenzeitlich in Bitterfeld wohnte, besuchte auch der frühere Leipziger Oberbürgermeister und amtierende Thüringer Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee regelmäßig das Restaurant.

Ein Problem will Seensucht-Chef Beuster jetzt angehen. Es fehlt an Übernachtungsmöglichkeiten. Die sind durchaus gefragt, vor allem nach Feiern. Bislang stehen nur in einem der Familie Beuster gehörenden und im Hafen ankernden Katamaran drei Kabinen zur Verfügung. Das reicht aber nicht. Generelle Überlegungen in Stadt und Landkreis, in der Nähe ein großes Hotel zu bauen, sind bislang gescheitert.

Pläne für eigenes Hotel liegen parat

Die Goitzsche südlich von Bitterfeld-Wolfen hat noch viel touristisches Potenzial. Quelle: Frank Schmiedel

Dabei wäre ein Beherbergungsbetrieb am Seeufer wegen der Nähe zum Chemiepark mit seinen 13 000 Beschäftigten und vielen auch internationalen Besuchern mit Sicherheit ein lohnendes Investment, meinen Branchenexperten.

Andreas Beuster plant nun selbst, am Rande seines Grundstücks ein Gebäude mit 24 Hotelzimmern zu errichten. Das würde zumindest bei kleineren Feiern schon helfen. „Keiner hatte an mich geglaubt, als ich die Pläne für das Restaurant hatte“, sagt er. und freut sich schon ein wenig, es den Skeptikern erneut bewiesen zu haben.“ Sagt ́s, und genießt, auf der Terrasse sitzend, den Ausblick auf den See.

Von Ulrich Milde

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