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21:53 17.09.2019
Joachim Kiesler im schalltoten Raum, den er bereits 1984 mit Dämmstoff aus dem Schiffsbau einrichtete. Quelle: Bert Endruszeit / LVZ
Geithain

Wenn Joachim Kiesler erzählt, dann sitzt ihm schon mal der Schalk im Nacken. Der heute 77-jährige Inhaber der Musikelectronic Geithain GmbH ist ein Tüftler, der mit viel Energie und immer einer Prise Humor schon so manche Klippe umschifft hat. Das Werkeln und Probieren liegt dem Geithainer im Blut. „Ich hatte schon mit zehn Jahren eine kleine Dampfmaschine, träumte aber immer von einem Radio. Doch das war im Familienbudget einfach nicht drin.“ Die dafür nötigen Einzelteile waren schon eher bezahlbar, seine Mutter gab ihm dafür 18 Mark auf die Hand. „Ich hatte nicht mal einen Lötkolben, den habe ich mir dann kurzerhand aus einem Schraubenzieher gebaut“, erinnert sich Kiesler. Nach 14 Tagen Friemelei war das Radio empfangsbereit. Und der junge Bastler hatte sein erstes Erfolgserlebnis. Etwas aufwendiger war dann eine Aufgabe, die er für den Kantor der Geithainer Kirche übernahm. „Für ihn habe ich eine Tonbandmaschine gebaut, damit er eine Aufführung von Beethovens ‚Missa solemnis‘ aufnehmen konnte. Das war für mich der Einstieg in die praktische Seite der Musik.“ Kiesler nahm als 18-Jähriger Orgelstunden und stellte schnell fest, dass er das absolute Gehör besitzt. Sein technisches Talent und sein Gespür für das Machbare verbanden sich so zu einer perfekten Mischung. Die Begeisterung für technische Dinge sollte ihn nicht mehr verlassen, eine Lehre als Rundfunkmechaniker war die logische Konsequenz. „Mit 19 Jahren wurde ich damals der jüngste Fernsehtechniker.“

 Kirchenorgel als Jugendtraum

Am 5. Mai 1960 gründete Kiesler gemeinsam mit zwei Uhrmachern eine kleine Firma für die Reparatur von Rundfunk-, Schallplatten- und Fernsehtechnik sowie Uhren. „Der Rat des Kreises wollte, dass wir mit Instandsetzungen unseren Umsatz steigern. Doch so viele Geräte gingen damals ja gar nicht kaputt.“ Geld verdienen konnte man also nur mit einem Verkaufsschlager. Kiesler setzte sich hin und baute einen Mikrofonverstärker, den es so bisher nur für den Rundfunk gab. Das Gerät schlug ein, in kurzer Zeit gingen 1500 Stück über den Tisch. Aus der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) wurde 1972 zwangsweise ein volkseigener Betrieb (VEB), damals entstand auch der noch heute gültige Name Musikelektronik Geithain, damals nur mit dem Zusatz VEB versehen. Bis 1980 konstruierte und baute Kieslers Team vor allem elektronische Komponenten wie Mikrofonverstärker, Mischverstärker und Endstufen. Kieslers Faible für die Musik sorgte zudem dafür, dass schließlich auch zwei Modelle elektronischer Konzert- und Kirchenorgeln entstanden. Alles in allem wurden rund 150 Orgeln gebaut, die teilweise bis heute genutzt werden. Fachleute sparten nicht mit Lob und bescheinigten den Instrumenten den Klang guter Orgeln herkömmlicher Bauart. Kieslers Produkte trugen dazu bei, dass das Thema der elektronischen Nachbildung von Pfeifenorgeln ein ganz anderes Gewicht bekam. „Der Orgelbau war mein Jugendtraum“, gibt Kiesler zu.

Der BR 25 als Bestseller

Im Jahre 1980 entstanden die ersten Lautsprecher, meist für den Einsatz in Trabant, Wartburg und Co. wie der Autolautsprecher Uni 10, von dem rund neun Millionen Exemplare gefertigt wurden. Bis heute geradezu Kultstatus besitzt der Lautsprecher BR 25, der Ende 1984 vorgestellt wurde. „Für den gab es damals das Gütezeichen Q der DDR“, erinnert sich Kiesler. Mit diesem Siegel wurden damals nur absolut überragende Produkte ausgezeichnet. Der BR 25 ist ein Beispiel für Langlebigkeit und genießt bis heute einen guten Ruf in der Musikszene. Schnell wurde er damals in beiden Teilen Deutschlands bekannt, im Westen ging der Lautsprecher damals für den lächerlich niedrigen Preis von 69,50 DM über den Ladentisch, im Osten für 250 Mark. Noch heute ist der BR 25 einer der meistverkauften HiFi-Lautsprecher Deutschlands. Ein weiterer Meilenstein war der Rundfunk-Regielautsprecher RL 900, mit dem ab 1985 alle Rundfunk- und Fernsehanstalten der DDR sowie das Leipziger Gewandhaus, die Dresdner Semperoper und das Berliner Schauspielhaus ausgestattet wurden. Seine erfolgreichen Entwicklungen sicherten Joachim Kiesler ein Stück Narrenfreiheit. „Mein freches Mundwerk war bekannt, doch man ließ mich immer gewähren.“ Mit gutem Grund, schließlich waren die Produkte aus dem Hause Musikelectronic Geithain längst ein wichtiger Devisenbringer. So mancher Kombinatsdirektor sei angesichts der Kieslerschen Entwicklungen regelmäßig „durchgedreht“, erinnert sich der Firmengründer heute spitzbübisch lächelnd. Denn wo in den riesigen Kombinaten zahlreiche Techniker tüftelten, waren es in Geithain nur zwei Leute.

Lorbeeren im medizinischen Bereich

Das habe natürlich für Neid und Missgunst gesorgt. Doch seine devisenbringenden Entwicklungen machten Kiesler schnell unantastbar. „Ich war der einzige Nicht-Genosse, dem der Titel ‚Verdienter Techniker des Volkes‘ verliehen wurde.“ Solche Ehrungen hätten normalerweise nur wichtige Firmenchefs kurz vor dem Rentenalter bekommen. Kiesler hatte immer freie Bahn für weitere Entwicklungen. Und die drehten sich nicht nur um die weite Welt der Akustik und der Musik. Denn auch im medizinischen Bereich kann er einige Lorbeeren vorweisen. „Gesucht wurde damals ein Verfahren zur Beatmung von Frühgeborenen ganz ohne Pressluft“, erinnert sich Kiesler an die Achtzigerjahre. Denn die Verwendung von Pressluft erforderte immer einen leichten Überdruck – in einigen Fällen führte dies zu gefährlichen Aderrissen im Gehirn. Kiesler entwickelte daraufhin eine Pumpe mit einem schwingenden Mechanismus, bei der eine Membran den Luftstrom erzeugt. „Die funktioniert ganz ähnlich wie ein Lautsprecher“, erklärt Kiesler. „Seitdem stellen wir die Pumpe für eine deutsche Medizintechnikfirma her, wo das Endprodukt bis heute weltweit vertrieben wird. Die kompletten Geräte werden zwischen 80 000 und 250 000 Euro gehandelt.“

Erfindung wird zum Politikum

Bei einer anderen medizintechnischen Entwicklung funkten ihm die DDR-Politiker dazwischen. „In Berlin kam ich mit Ärzten aus der Charité ins Gespräch. Die suchten schon seit zwölf Jahren vergeblich nach einer effektiven Methode, um Bronchitis schnell und sicher diagnostizieren zu können. „Ich wettete mit denen um zwölf Flaschen Steinhäger, dass ich das in sechs Wochen schaffen würde.“ Die Ärzte schüttelten die Köpfe und ließen sich auf die Wette um den raren West-Schnaps ein. „Ein Mitarbeiter hatte selbst Bronchitis und war deshalb mein Versuchsobjekt“, sagt Kiesler. „Dahinter steckte eigentlich ein mathematisches Problem der Messung der Zeit fürs Ein- und Ausatmen.“ Kiesler entwickelte zwei Maschinen, die die Tests übernahmen. „Die Mediziner mussten dann schnell in den Intershop, um den Wetteinsatz zu kaufen.“ Bei diesen Worten lächelt Kiesler noch, doch die weitere Entwicklung der Geschichte ist eher ein Trauerspiel. Denn als in Bitterfeld rund 1800 Kinder auf diese neue Art getestet wurden, zeigte sich ein verheerendes Ergebnis. „Rund 70 Prozent der Kinder wären nicht krippentauglich gewesen“, erinnert sich Kiesler. „Damit wurde das Thema zum Politikum, das Ministerium für Gesundheitswesen untersagte alle weiteren Arbeiten.“ Aus purer Angst: Denn hier hätte man den klaren Beweis sehen können, welche schlimmen gesundheitlichen Folgen die extreme Umweltverschmutzung in der DDR hatte.

Die Lautsprecher erobern den internationalen Markt

Mit dem Ende der DDR gerieten zahlreiche Elektronikfirmen ins Trudeln. Doch Joachim Kiesler war davon überzeugt, dass seine Qualitätsprodukte auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen überleben können. Schließlich hatten ihm schon vor Jahren etliche Experten aus dem Westen bescheinigt, dass seine Produkte auf Weltniveau sind. Darauf müsste man doch aufbauen können, dachte sich Kiesler. Die Banken sahen das anders – Geld wollte so schnell kein Kreditinstitut lockermachen. Kurzerhand verpfändete Kiesler sein Einfamilienhaus, um an den begehrten Kredit für den Start in die Marktwirtschaft zu kommen. „Ich wusste ja, was ich kann.“ Aus dem VEB wurde nun eine GmbH mit Kiesler als Eigentümer. Mit seinen Lautsprechern überzeugte der begnadete Tüftler alle. Genau zur Wendezeit beteiligte er sich mit seinen Produkten an einem Auswahlverfahren der ARD für Regielautsprecher. Sein Modell RL 900 holte sich dabei das Prädikat „Beste Transparenz und Ortungsschärfe“. Ein Sieg mit Folgen – die Lautsprecher eroberten in Windeseile den internationalen Markt. Heute ist die Firma Musikelectronic Geithain Marktführer im Bereich der ARD-Studios und Lieferant für viele Sender und Studios in ganz Europa und weltweit. „Im Bereich Rundfunk und Fernsehen haben wir einen Marktanteil von 80 Prozent“, freut sich Kiesler. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille – längst kaufen auch viele anspruchsvolle private HiFi- Freunde die handwerklichen Meisterstücke.

Fast alle sind Quereinsteiger

Heute ist das Unternehmen der einzige Hersteller aus der ehemaligen DDR, der sich in dieser Branche auf dem Markt halten konnte. Gefertigt werden die akustischen Glanzstücke komplett von A bis Z in den Firmenräumen in einem altehrwürdigen Haus in Geithain. Gemeinsam mit 20 Mitstreitern kümmert sich Joachim Kiesler dort um Beschallungstechnik der Spitzenklasse. „Wir machen alles selbst“, betont der Firmenchef. Sein Unternehmen sei der ideale Platz für Tüftler mit vielen Ideen und großen Plänen. „Fast alle bei uns sind Quereinsteiger.“ Manchmal bleibt ihm auch keine andere Wahl. „Ein Elektrotechnik-Studium ist für manche nicht cool genug, schließlich hat es viel mit Mathematik zu tun.“ Sorgen um die Zukunft seiner Firma muss er sich nicht machen. Die Betriebsnachfolge ist geregelt, dafür stehen ein paar seiner Mitarbeiter bereit. Die Qualität seiner Produkte ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Dirigent Sergiu Celibidache (1912 bis 1996) habe einst bemerkt, dass ja nun die Lautsprecher ausgeschaltet seien, als er die Musik aus dem Saal hörte. „Doch alle Klänge kamen aus unseren Boxen, das war für uns das größtmögliche Lob“, so Kiesler.

Von Bert Endruszeit

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