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20:05 03.09.2019
Der Dow-Standort in Schkopau bei Nacht. Quelle: Volkmar Heinz
Leipzig

Plaste und Elaste aus Schkopau“ – jeder gelernte DDR-Bürger kennt diesen Werbespruch. Erstaunlich daran ist, dass er im Prinzip nichts an seiner Aktualität verloren hat. „Auch heute werden hier am Standort nahe Halle nach wie vor Kunststoffe und Elastomere produziert“, sagt Christoph Maier. Der Geschäftsführer der Dow Olefinverbund GmbH spricht dabei von Polyethylen, Polypropylen und Synthesekautschuk. „Jeder, der vor der Wende etwas aus Plaste im Haushalt verwendete, hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Stückchen von Buna in der Wohnung“, meint der 54-Jährige. Es stimmt ihn froh, dass aus langer Tradition heraus etwas entstanden ist, das sich heute international sehen lassen kann, ein Chemiestandort mit Klasse, der in der Welt auf seine ganz bestimmte Art und Weise Seinesgleichen sucht. Heute werden hier Natronlauge/Chlor für die Lebensmittel- und Aluminium- sowie Papierindustrie und für Reinigungszwecke produziert, Kunststoffe (Plaste) und Synthesekautschuk (Elaste) sowie auch Bau-Chemikalien. „Ohne Letztere würde der Fliesenkleber keine Kachel an der Wand halten“, erklärt der studierte Verfahrenstechniker, der zu DDR-Zeiten in Merseburg sein Diplom machte. Seit Januar ist er bei Dow als Geschäftsführer im Amt, zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Leiter des Schkopauer Dow-Werkes und der dortigen Chlor- und Vinylchloridproduktion.

Fünftgrößter Konzernstandort

„Wir sind in Mitteldeutschland super aufgestellt“, freut sich der gebürtige Dresdner. Denn zum Olefinverbund gehören neben dem Werk Schkopau auch noch Standorte im sachsen-anhaltischen Leuna und Teutschenthal sowie im sächsichen Böhlen. Maier beurteilt das gute Standing auch mit Blick auf die gesamte Dow-Gruppe weltweit. „Immerhin sind wir global gesehen der fünftgrößte Standort des Konzerns“, fügt er hinzu. Dow betreibt 113 Produktionsstätten in 31 Ländern. Die größten europäischen Werke liegen neben Mitteldeutschland in Terneuzen (Niederlande), Tarragona (Spanien) sowie im niedersächsischen Stade. Insgesamt beschäftigt Dow in Europa 12 000 Mitarbeiter, dabei ist Deutschland mit 3600 eine der größten Auslandsniederlassungen des Konzerns und wichtiger Absatzmarkt. Am Standort in Schkopau gibt es 950 direkt Beschäftigte, insgesamt beschäftigt Dow an seinen mitteldeutschen Standorten ca. 1550 Mitarbeiter.

Einstmals 18 000 Werktätige am Standort

Gegenüber den 18 000 Werktätigen, die seinerzeit im VEB Kombinat Chemische Werke Buna auf den Lohnlisten standen, „ist das natürlich vergleichsweise wenig“, sagt der Geschäftsführer zu den Zahlen. Allerdings seien sie schwer vergleichbar. „Immerhin waren während der sozialistischen Entwicklungsphase an die 40 Prozent der Mitarbeiter in der Instandhaltung eingesetzt.“ Maier, dessen familiäre Wurzeln im Erzgebirge liegen, lebt seit seiner Studienzeit Ende der 1990er-Jahre in der sachsen-anhaltischen Region, ist inzwischen in Halle heimisch geworden und weiß, wovon er spricht. „So bitter es klingt, aber die Anlagen waren zu DDR-Zeiten so marode, dass ständig irgendwer irgendwo etwas zu reparieren hatte.“ Das habe natürlich den Mitarbeiterstab aufgebläht. Und: „Es ist wirklich so gewesen: Buna konnten alle, die hier wohnten, sehen und riechen.“ Oft schwängerte Karbid-Staub die Luft, der Gestank kam hinzu. Das lag an der veralteteten Technologie. Die chemische Produktion in Schkopau geht zurück auf das Werk der damaligen I.G. Farbenindustrie AG, die in Schkopau 1936/37 mit der Herstellung von synthetischem Kautschuk startete. „Auf Karbid-Basis, das heißt aus Braunkohle, wurde der Rohstoff für den synthetischen Gummi gewonnen“, erzählt der Vater zweier Kinder im Alter von 21 und 14 Jahren. Die Nazis hätten keinen Zugriff mehr auf Naturkautschuk in Südamerika für die Autoreifenproduktion gehabt und seien daher auf Kohle umgestiegen, die in der Region bis heute noch verfügbar ist. „Aus ihr wurde Karbid, daraus Acethylen, daraus Butadien – dies polymerisiert mit Natrium ergab den Synthesekautschuk“, refertiert Maier.

Wofür steht „Buna“?

Buna – der Markenname leite sich genau daraus ab – Bu-tadien und Na-trium. Im Laufe der Jahre wuchs das Buna-Werk zu einem der fünftgrößten Industriekombinate der DDR heran. Das änderte allerdings nichts „an der prekären wirtschaftlichen Lage des Betriebs. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit war inzwischen nur noch reines Wunschdenken.“ Immerhin hatten die westlichen Länder in den 1960er/70er-Jahren auf Erdöl als Ausgangststoff für Kautschuk und Kunststoffe umgestellt. „Der Energieaufwand ist dabei um ein Vielfaches geringer als bei der Karbid-Nutzung.“ Das habe die DDR-Produktion über die Maßen verteuert. Und der Absatz der Erzeugnisse im Westen – „um an die nötigen Devisen zu kommen“ – funktionierte nur zu Spottpreisen, „die nie die Kosten decken konnten.“

1300 Kilometer Leitungssysteme

So gesehen, war die Wende für das mitteldeutsche Chemiedreieck mit Schkopau, Leuna und Bitterfeld ein Segen. „Heute können wir technisch und ertragsmäßig mit der globalen Konkurrenz mithalten“, sagt der Geschäftsführer nicht ohne Stolz. Wenigstens habe der alte DDR-Slogan „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit“ auch etwas Wahres an sich gehabt. „Ringsherum sind zahlreiche Wohnungen gebaut worden – mit Warmwasser aus der Wand und Zentralheizung statt Ofen und die Toilette nicht eine halbe Treppe tiefer. Viele Menschen sind damals hierhergezogen wegen der besseren Unterkunft – in zweiter Linie erst wegen der Arbeit“, meint Maier. Auch die vierspurige Straßenanbindung – „sie ist schon vor der Wende gebaut worden“ – hätte es ohne Buna und Co. nie gegeben. Ein Glücksumstand ist nach Ansicht von Maier zudem der Treuhand-Schachzug gewesen, nach der Wende eine Art Verbundlösung aus den ehemaligen VEB-Kombinaten in Schkopau, Böhlen und Teilen Leunas zu schaffen.

Der Cracker steht in Böhlen

In Böhlen steht der Cracker, der Naphta (Rohbenzin) aufspaltet – die Voraussetzung, um aus den entstehenden Bestandteilen Kunststoffe oder Synthesekautschuk herstellen zu können. Die Weiterverarbeitung erfolgt vor allem in Schkopau und Leuna, zum Teil auch direkt in Böhlen. Das Rohbenzin kommt heute über eine Pipeline aus Rostock in die mitteldeutsche Chemie-Region. „Alles in allem verfügen wir über ein 1300 Kilometer langes Rohrleitungssystem“, berichtet der Geschäftsführer. Diese Kombination der drei Standorte habe schließlich den US-Chemieriesen Dow überzeugt, „hier einzusteigen“. 2,7 Milliarden D-Mark seien für die Modernisierung und den Bau neuer Anlagen und der Infrastruktur in den Jahren 1995 bis 2000 gesteckt worden. Ein großer Teil floss als Anschubfinanzierung von der Treuhand, Dow habe etwa 20 Prozent der Summe dazugegeben.

„Neugeburt“ im April 1995

Insofern ist der 4. April 1995, als die Amerikaner den Privatisierungsvertrag unterzeichneten, „so etwas wie die Neugeburt des Chemie- Standortes gewesen“, ist Maier überzeugt. Aber es ist längst nicht nur der Chemiekonzern Dow, der heute in der Region einen guten Namen hat. Auf einem Großteil des Areals des früheren Kombinats steht jetzt der Value-Park. Betrieben von Dow beherbergt er inzwischen 26 teils internationale Unternehmen mit 2400 Beschäftigten. Dazu kommen die 950 Dow-Mitarbeiter sowie nochmals an die 1200 Mit arbeiter von Dienstleistungs- und Service-Unternehmen. „Insgesamt also an die 4500 Menschen, die hier beschäftigt sind. Das kann sich sehen lassen“, sagt Maier. Dass Dow auch weiter denkt, zeigen verschiedene Projekte und geplante Investitionen in den nächsten Jahren – für Instandsetzungsmaßnahmen und Kapazitätserweiterungen ebenso wie für „neue Technologien, um die Produktion energieeffizienter zu machen oder neue Lösungen für Kunststoffrecycling zu entwickeln“.

Von Ulrich Langer

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