Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wissen Dating: Wenn es zum hässlichen Spiel wird
Nachrichten Wissen Dating: Wenn es zum hässlichen Spiel wird
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:03 20.08.2019
Gerade Online-Dating birgt aufgrund der Anonymität viele Fallen.
Hannover

Die Dating-Welt ist mitunter ein undurchdringlicher Dschungel, der jede Menge Gefahren birgt. Diesen Eindruck vermittelt vor allem das Internet mit seinen Blogs und Suchportalen rund um das Thema Partnersuche. Immer wieder tauchen dort neue Anglizismen auf, die vermeintlich neue Dating-Trends beschreiben, die mit Liebe und Zuneigung wenig bis gar nichts zu tun haben.

Online-Dating: Neue Begriffe für alte Phänomene

Eric Hegmann spricht in dem Zusammenhang von Dating-Phänomenen. Der Hamburger Paartherapeut beschäftigt sich schon seit Längerem mit den Hintergründen der Flut an „Trends“ beim Dating – und ist zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen: „Es geht hier ausschließlich um Keyword-Optimierung fürs Internet. Damit ihre Webseiten über die Suchmaschinen gefunden werden, kreieren vor allem britische und amerikanische Blogger ständig neue Begriffe für altbekannte Phänomene.“

Und das funktioniert offenbar hervorragend. „Denn sobald größere Medien das vermeintlich neue Thema aufgreifen, suchen die Leser gezielt nach diesen Begriffen. So gelangen sie auf die Seiten der Erfinder, selbst wenn diese sonst in den Suchmaschinen kaum auftauchen würden“, sagt Hegmann.

Lesen Sie auch:

Irrtümer über die Ehe: Wichtige Hinweise für Paare

Begriffe erleichtern die Verarbeitung

Wer sich als Opfer fühlt, provoziert möglicherweise die Wiederholung.

Eric Hegmann, Paartherapeut

Gleichzeitig, so Hegmann, würden sich viele Leser durch die Begriffe aufgefangen fühlen: „In gewisser Weise erleichtert die Benennung den Opfern die Verarbeitung. Endlich hat das, was ihnen passiert ist, einen Namen. Aber es birgt auch die Gefahr, dass aus dem Misserfolg ein Muster wird. Wer sich als Opfer fühlt, provoziert möglicherweise unbewusst die Wiederholung.“

Dynamik: Verlustangst trifft Bindungsangst

Laut Hegmann lassen sich die Dating-Phänomene mit dem Bindungsverhalten der Menschen erklären: „Wir gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Erwachsenen ein sicheres Bindungsverhalten hat und deshalb in einer Beziehung lebt. Beim Rest unterscheiden wir zwischen Menschen mit Verlustängsten und solchen mit Bindungsängsten.“ Erstere, so der Paartherapeut, seien tief in ihrem Inneren überzeugt davon, sich die Liebe des anderen erst verdienen zu müssen. Das Resultat sei ein übermäßiges Bemühen um die Beziehung.

Wenn Verlustangst auf Bindungsangst trifft, ist es wichtig, viel zu kommunizieren, um Beziehungsprobleme zu vermeiden. Quelle: Sasin Tipchai/Pixabay

Wer hingegen an Bindungsängsten leide, habe in der Vergangenheit Verletzungen erlebt, die er künftig vermeiden wolle. Solche Menschen befürchteten, ihre Autonomie zu verlieren, und setzten deshalb alles daran, echte Nähe zu vermeiden. „Diese beiden Bindungstypen sind nicht nur in übermäßiger Zahl auf dem Dating-Markt zu finden, sondern sie ziehen sich auch noch gegenseitig an“, meint Hegmann.

Folge: Scheitern der Beziehung möglich

Die Folge sei, dass einer mehr Nähe wolle, als der andere ertragen könne. Auf den beginnenden Rückzug des Bindungsängstlichen reagiere der Verlustängstliche jedoch mit noch stärkerer Bemühung um die Beziehung – eine Spirale, die schließlich zum Bruch führe. Käme dann noch Konfliktscheu beziehungsweise die Angst vor der Konfrontation hinzu, würden die Betroffenen Verhaltensweisen an den Tag legen, die wir heute unter den englischen Wortschöpfungen der Blogger kennen.

Auch interessant:

Wie vergangene Beziehungen eine neue Liebe prägen

Studie: Viele Nutzer verhielten sich schon einmal “fies”

Dass diese Verhaltensmuster offenbar nicht gerade selten sind, zeigt eine Studie der Partnervermittlung Elite Partner aus dem Jahr 2018. Demzufolge hat mehr als jeder Fünfte der 5600 befragten erwachsenen Internetnutzer schon mal jemanden „geghostet“, also ohne Vorwarnung oder Erklärung den Kontakt abgebrochen. Zu den Hinhaltetaktiken „Benching“ und „Cushioning“ bekennen sich immerhin 15 beziehungsweise 9 Prozent der Studienteilnehmer.

Dating: Erwartungen oft zu hoch

Dass man bei einer App in die gleiche Richtung gewischt hat, heißt noch gar nichts.

Eric Hegmann; Paartherapeut

Es handelt sich um keine neue Entwicklung. „Die digitalen Medien machen manches leichter, aber fieses Verhalten beim Dating hat es zu allen Zeiten gegeben“, betont Hegmann. Gleichzeitig seien die Erwartungen heute extrem hoch. „Dass man bei einer App in die gleiche Richtung gewischt hat, heißt noch gar nichts. Aber mancher fühlt sich schon geghostet, wenn nach zwei Nachrichten nichts mehr kommt.“

Gerade bei der Dating-App "Tinder" machen sich viele Menschen zu große Hoffnungen.

Das Grundthema, so Hegmann, sei immer ein beschädigtes Selbstwertgefühl. Deshalb sollten beide Seiten an sich arbeiten, gegebenenfalls mit professioneller Hilfe. „Wer ein sicheres Bindungsverhalten hat, wird niemanden so behandeln und läuft auch kaum Gefahr, selbst Opfer dieser Verhaltensweisen zu werden“, sagt Hegmann.

Diese Dating-Trends gibt es

  • Ghosting: Ohne Ankündigung oder Erklärung den Kontakt abbrechen – sich quasi in einen Geist verwandeln.
  • Submarining/Zombieing: Einige Zeit nach dem Ghosting doch plötzlich wieder auftauchen – aber nicht, um sich zu erklären, sondern nur mit einer belanglosen Nachricht.
  • Benching: Sich jemanden warmhalten, ohne jedoch ernsthaft interessiert zu sein.
  • Cushioning: Zwei oder mehr Flirts parallel laufen zu lassen.
  • Breadcrumbing: Dem Gegenüber regelmäßig kleine (vor allem digitale) Bröckchen hinwerfen, die Interesse vortäuschen.
  • Cuffing: Sich nur für die kalte Jahreszeit einen Partner zu suchen, um über die Feiertage nicht einsam zu sein. Im Frühjahr erfolgt dann das Uncuffing.
  • Gatsbying: Den Schwarm (vor allem über soziale Medien) beeindrucken zu wollen, statt direkt zu kommunizieren.
  • Stashing: Sich scheinbar auf die Beziehung einlassen, aber so gut wie nichts aus dem eigenen Leben teilen: nicht die Freunde, nicht die Familie, mitunter nicht einmal die eigene Wohnung.
  • Love Bombing: Das Gegenüber schon nach dem ersten Treffen mit Liebesbekundungen überschütten, ihm oder ihr den Himmel auf Erden vorgaukeln. Ziel ist dabei die emotionale Kontrolle.

Unglückliche Lieben können krank machen

Die meisten Menschen trifft es mit voller Wucht: Eine innige Beziehung zerbricht – und das Herz gleich mit. Der Begriff Liebeskummer? „Ist dafür viel zu harmlos“, sagt Günter H. Seidler, Facharzt für Psychotherapie und Professor an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. „Trennungen und unglückliche Lieben können nicht nur eine vorübergehende Traurigkeit auslösen, sondern tatsächlich krank machen“, so der Experte.

Liebeskummer ernst nehmen

Viele Erwachsene würden das jedoch nicht ernst nehmen. „Sie gehen davon aus, dass das bisschen Liebeskummer mit der Zeit von selbst verschwindet.“ So ist es häufig auch – aber längst nicht immer. „Der Schmerz kann durchaus zwei Jahre andauern“, sagt Seidler. „Und manchmal auch ein ganzes Leben.“ Mitunter würden die Symptome einer Depression gleichen. Wichtig sei dann, den Blick auf sich selbst zu richten und gut für sich zu sorgen. „Vielen Menschen hilft es, über ihre Situation zu reden und sich vor Augen zu führen, was im eigenen Leben noch von Bedeutung ist“, sagt Sohn.

Das könnte Sie auch interessieren:

Ewige Liebe … bis das Leben uns scheidet

Juliane Moghimi/RND

Von Juliane Moghimi/RND/RND

In seinem neuen Sonderbericht zum Klimawandel zeichnet der Weltklimarat IPCC ein düsteres Zukunftsszenario und fordert eine dringende Kehrtwende bei der Landnutzung. Hier die Fakten in Kürze.

08.08.2019

Was ist im Sommer erfrischender, als saftige Melone? Doch Vorsicht, nicht alle Melonen sollten vor dem Verzehr gewaschen werden.

08.08.2019

Israel wollte als vierte Nation überhaupt auf dem Mond landen, doch Mitte April stürzte die Raumsonde ab. Seitdem befinden sich Tausende kleine Bärtierchen auf der Oberfläche. Gibt es damit erstmals Leben auf dem Mond?

08.08.2019