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Wissen Artensterben: „Erholung braucht Millionen von Jahren“
Nachrichten Wissen Artensterben: „Erholung braucht Millionen von Jahren“
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18:31 20.04.2019
Bedroht: Riesenschildkröte am Mekong River in Kambodscha. Quelle: imago images / Xinhua
Berlin

Anfang Mai werden Artenschützer weltweit auf Paris blicken. In der französischen Hauptstadt wollen internationale Experten des Weltbiodiversitätsrats IPBES ihren neuen Bericht zum Zustand der Artenvielfalt auf der Erde diskutieren und schließlich der Öffentlichkeit vorstellen. Drei Jahre lang haben 150 internationale Experten aus 50 Ländern das vorhandene Wissen zusammengetragen, analysiert und gewichtet. Nun hoffen sie, dem Thema Artenschutz neuen Aufwind verleihen und endlich einen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung anstoßen zu können.

Die Faktoren, die dem Leben auf der Erde zusetzen, sind lange bekannt: Neben Klimawandel, Verschmutzung, Überfischung und Wilderei gehören dazu die Zerstörung natürlicher Lebensräume und die Intensivierung der Landwirtschaft. Die Abläufe sind überall auf der Welt ähnlich: Wo Menschen Natur in Nutzland umwandeln, um Lebensraum zu schaffen oder Nahrung zu erzeugen, gehen eben Habitate für viele Pflanzen und Tiere verloren. Mit der Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft schreitet der Schwund der Arten voran, weil oft große Flächen mit mehr Pestiziden und Düngemitteln belastet werden.

Ertragreiche Flächen haben höchste Artenverluste

Wie genau Ertragssteigerung und Artenverlust zusammenhängen, haben kürzlich Forscher des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) beziffert. Sie hatten nach Studien gesucht, in denen Ertragszuwachs auf der einen und Verlust der Artenvielfalt auf der anderen Seite betrachtet wurden. „In welchem Verhältnis beides zueinander steht, und für welchen Ertrag die Natur letztlich welchen Preis zahlen muss, darüber wissen wir leider noch viel zu wenig“, sagt Michael Beckmann vom UFZ.

Die im Fachmagazin „Global Change Biology“ veröffentlichte Analyse ergab, dass die Intensivierung der Landnutzung im Mittel zu einer Ertragssteigerung von 20 Prozent führt, gleichzeitig aber mit einem Artenverlust von 9 Prozent einhergeht. Flächen, die bereits mittel-intensiv genutzt wurden, verbuchten nach einer Intensivierung die mit 85 Prozent höchste Ertragssteigerung. Doch mit 23 Prozent hatten sie auch die höchsten Verluste von Tier- und Pflanzenarten. Auf bereits stark genutzten Flächen war der Ertragsanstieg mit 15 Prozent geringer, ein deutlicher Artenverlust war nicht mehr festzustellen. Wo nichts mehr ist, kann auch nichts mehr verschwinden, so die lapidare Einschätzung der Forscher.

Höchste Belastungen in den letzten 50 Jahren

Um Handlungsempfehlungen für konkrete Regionen abzuleiten, sei weitere Forschung nötig – und zwar dringend, sagt Beckmann: „Nur so können wir in Zukunft effiziente Landnutzung betreiben und gleichzeitig die Artenvielfalt schützen. Denn Artenschutz kann und muss auch in unseren genutzten Kulturlandschaften stattfinden.“

Wie schlimm es um die Artenvielfalt der Welt steht, hatte zuletzt 2005 das Millenium Ecosystem Assessment gezeigt. In der globalen Bestandsaufnahme kamen Experten zu dem Schluss, dass die Ökosysteme in den zurückliegenden 50 Jahren größeren Belastungen ausgesetzt waren als je zuvor. Und dass eine Umkehr dringend nötig ist.

Bericht führt erstmals alle Erkenntnisse zusammen

Nun legt der IPBES-Bericht nach. Noch ist nichts über die Ergebnisse der Analyse bekannt. Dass sich die Artenvielfalt zwischenzeitlich grundlegend gebessert hat, ist indes kaum zu erwarten. Die aktuelle wissenschaftliche Literatur zum Thema zeige, dass der Rückgang der Artenvielfalt nicht gestoppt sei, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, einer der drei Hauptautoren des IPBES-Berichts. „Momentan ist der Trend nach wie vor negativ.“

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Angesichts der Tatsache, dass nicht nur die Probleme lange bekannt sind, sondern in den allermeisten Fällen auch die Lösungen: Was kann ein neuerlicher Bericht an der ernüchternden Entwicklung ändern? „Das IPBES Globale Assessment führt erstmals seit dem Millennium Ecosystem Assessment von 2005 die gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Zustand und den Trend der Arten, Ökosysteme und Ökosystemleistungen zusammen“, sagt Günter Mitlacher, Leiter Internationale Biodiversitätspolitik beim WWF. „Seitdem sind neue Erkenntnisse hinzugekommen, so dass mit dem IPBES-Assessment die Erkenntnislage auf dem neusten Stand ist.“

Experten analysierten fast 15.000 Quellen

Und das sei, so der IPBES-Vorsitzende Sir Robert Watson, die Voraussetzung für erfolgreichen Artenschutz: „Politische Maßnahmen, Anstrengungen und Handlungen werden – auf allen Ebenen – nur erfolgreich sein, wenn sie auf bestem Wissen und Beweisen beruhen. Das ist es, was das Globale Assessment des IPBES bereitstellt.“

Fast 15.000 Quellen haben die Experten für ihren Bericht analysiert. Sie nahmen den Zustand der Meere, Binnengewässer und der Land-Ökoysteme auf allen Kontinenten mit Ausnahme von Antarktika unter die Lupe. Erstmals flossen auch das Wissen und die Interessen indigener Bevölkerungen in die Analyse ein.

Meere haben besonderen Stellenwert

Der Bericht beschreibt auch, wie weit die Welt bei der Umsetzung bereits vereinbarter Artenschutz-Ziele gekommen ist. Dazu zählen etwa die 2010 von der 10. Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitätskonvention (CBD) beschlossenen Aichi-Ziele. Sie sehen unter anderem vor, dass bis 2020 der Verlust an natürlichen Lebensräumen mindestens halbiert, die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie 17 Prozent der Landfläche und 10 Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden. Auch die Umsetzung der von den Vereinten Nationen 2016 vereinbarten Ziele nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) und des Pariser Klimaabkommens nahmen die Experten in den Blick.

Den besonderen Stellenwert der Meere hebt Mitautor Julian Gutt, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar-und Meeresforschung in Bremerhaven, hervor. „Das Leben im Meer ist fast genauso wichtig für uns Menschen wie das Leben an Land.“ Ein wesentlicher Unterschied: „Das was passiert, ist schlechter sichtbar als an Land.“ Deshalb brauche es besondere Anstrengungen, um den Zustand der Meere zu erfassen. Gutt zeigt sich mit Blick auf die künftige Artenvielfalt der Ozeane vorsichtig optimistisch. „Im Meer sind nach allem, was wir wissen, bisher noch weniger Arten ausgestorben als an Land“, sagt Gutt. Das mache Hoffnung, dass dezimierte sich erholen könnten.

Massensterben durch Meteoriteneinschlag

Dass Erholung allerdings ein langfristiger Prozess ist, zeigte jüngst eine im Fachmagazin „Nature Ecology and Evolution“ veröffentlichte Studie. Darin hatten Forscher am Beispiel von Foraminiferen untersucht, einzelligen Bewohnern von Süß- und Salzwasser. Sie prüften anhand von Fossilien, wie schnell sich die Gruppe vom Massensterben vor 66 Millionen Jahren erholte, das durch einen Meteoriteneinschlag ausgelöst wurde und etwa die Dinosaurier von der Erde tilgte. Ein Ergebnis: Es dauerte mindestens zehn Millionen Jahre. „Es ist vernünftig, aus dieser Studie abzuleiten, dass es eine extrem lange Zeit dauern wird – Millionen von Jahren – bis zur Erholung von dem Aussterben, das wir durch Klimawandel und auf andere Weise verursachen“, sagt Ko-Autor Andrew Fraass von der Universität Bristol.

Wie unsere Welt in Zukunft aussehen könnte, wollen die IPBES-Autoren in ihrem Bericht darlegen. Sie betrachten dazu sechs Szenarien, etwa unter der Annahme, dass die Menschheit weiter macht wie bisher oder lernt, global oder regional nachhaltig zu wirtschaften.

Auch die Sozialwissenschaft ist gefragt

Das ist einer der Bereiche, an dem neben der naturwissenschaftlichen Expertise die Sozialwissenschaft gefragt ist. Eine einzigartige Schnittstelle zwischen Politik und Wissenschaft nennt Jens Jetzkowitz von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg das Konzept des IPBES-Berichts. Es ermögliche den Sozialwissenschaften, ihr Wissen über Gesellschaften und gesellschaftliche Veränderungen einzubringen. Es gehe nicht allein um die unmittelbaren Ursachen von Artensterben, sondern auch um die indirekten Treiber wie Macht- und Finanzierungsstrukturen, sagt Jetzkowitz.

Oft wird der Weltbiodiversitätsrat mit dem Weltklimarat IPCC verglichen. Der soll mit seinen Berichten zu Ursachen, Stand und möglichen Folgen des Klimawandels Entscheidungsträgern Wissen zur Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten liefern. Der IPBES-Bericht soll einfließen in die Verhandlungen der nächsten Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (Convention on Biodiversity, CBD). Sie finden im Jahr 2020 in Kunming in China statt.

Von RND/dpa/Anja Garms

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