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Wissen Bei schweren Geburten: Sollte Antibiotika Routine werden?
Nachrichten Wissen Bei schweren Geburten: Sollte Antibiotika Routine werden?
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11:21 14.05.2019
Eine Geburt per Kaiserschnitt, sowie Zangen- oder Saugglockengeburten sind für Mütter mit einem erhöhten Infektionsrisiko verbunden. Quelle: dpa
Oxford

Nach einer Geburt mit Saugglocke oder Zange kann eine vorbeugende Antibiotika-Gabe helfen, Infektionen bei der Mutter zu verhindern. Zu diesem Schluss kommen britische Wissenschaftler nach einer entsprechenden Studie, die im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlicht ist. Sie fordern dazu auf, die bestehenden Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und nationaler Organisationen anzupassen. Für Deutschland liefere die Studie keinen Anlass, die bestehende Praxis zu ändern, kommentieren deutsche Experten. Die geburtshilfliche Praxis sei hierzulande eine andere als in der beschriebenen Untersuchung.

Infektionen bis hin zu einer Blutvergiftung sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die dritthäufigste Todesursache von Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Das Problem beschränke sich nicht auf schwach entwickelte Länder, berichten die Forscher um Marian Knight von der University of Oxford (Großbritannien) in „The Lancet“: Auch in den reichen Länden gingen im Mittel fünf Prozent aller Todesfälle von Müttern auf eine Infektion zurück, in den USA seien es Schätzungen zufolge bis zu 13 Prozent.

Wie sinnvoll ist Antibiotika bei Zangen- und Saugglockengeburten ?

Die Gefahr einer Infektion sei unter anderem bei einem Kaiserschnitt erhöht. Aus diesem Grund sei eine vorsorgliche Antibiotika-Gabe dabei mittlerweile Standard. Aber auch bei vaginalen Geburten, bei denen eine Zange oder eine Saugglocke zum Einsatz kommt, sei das Infektionsrisiko im Vergleich zu einer vollkommen natürlichen Geburt erhöht, schreiben die Wissenschaftler. Bisher gebe es allerdings so gut wie keine Untersuchungen dazu, ob auch im Falle solcher „operativer vaginaler Geburten“ eine prophylaktische Antibiotika-Gabe sinnvoll sei.

Die Grafik veranschaulicht die Geburt eines Kindes mit Hilfe einer Saugglocke. Quelle: picture-alliance/dpa

Das Team um Knight untersuchte diese Frage nun in einer Studie mit rund 3400 Frauen aus Großbritannien, die auf diese Weise entbunden hatten. Bei etwa zwei Drittel der Frauen holten die Geburtshelfer das Kind mit einer Zange auf die Welt, bei etwa einem Drittel per Saugglocke. Die Hälfte der Teilnehmerinnen bekam innerhalb von höchstens sechs Stunden nach der Geburt eine Dosis Antibiotikum gespritzt, die andere Hälfte bekam ein Scheinmedikament.

Antibiotika verringert Infektionsrisiko um 42 Prozent

Die Wissenschaftler analysierten, welche Frauen in den folgenden sechs Wochen vermutlich oder sicher eine Infektion bekamen. Dazu prüften sie in den Krankenhaus-Unterlagen, ob die Frauen in dieser Zeit ein Antibiotikum verschrieben bekommen hatten beziehungsweise ob eine Infektion in einer Bakterienkultur nachgewiesen wurde. Zudem fragten sie telefonisch oder per Fragebogen bei den Müttern nach.

Das wichtigste Ergebnis: In der Antibiotika-Gruppe bekamen elf Prozent (180 von 1619 Frauen) nach der Geburt eine Infektion, in der Placebo-Gruppe 19 Prozent (306 von 1606 Frauen). Wie die Forscher errechneten, verringerte die Antibiotika-Gabe das Infektionsrisiko um 42 Prozent. In der Antibiotika-Gruppe berichteten die Frauen auch seltener von Schmerzen und anderen Problemen im Intimbereich oder suchten seltener einen Arzt wegen entsprechender Beschwerden auf.

Berechnungen zeigten, dass je 100 prophylaktisch verabreichte Antibiotikadosen 168 Behandlungsdosen einsparen würden, berichten die Forscher weiter. Aufgrund ihrer Ergebnisse halten sie eine standardmäßige Gabe von Antibiotika bei Zangen- und Saugglockengeburten für angemessen – und fordern eine Anpassung internationaler und nationaler Leitlinien.

In Deutschland ist Situation anders

„Für Deutschland kann das Ergebnis nicht übernommen werden, da sich die geburtshilfliche Praxis von der beschriebenen unterscheidet“, sagt Maria Delius von der Ludwigs-Maximilian-Universität München, die nicht an der Studie beteiligt war. So erfolgten hier viel weniger Zangengeburten, die häufiger zu mütterlichen Verletzungen führten. Bei den in Deutschland häufigeren Saugglockengeburten komme es sehr viel seltener zu einem Dammschnitt. Dabei wird das Gewebe zwischen After und Vagina eingeschnitten, um die Geburt zu erleichtern. Verletzungen des Damms erhöhen das Infektionsrisiko.

Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Uniklinikum Erlangen, hält eine routinemäßige Antibiotika-Gabe bei allen vaginal-operativen Entbindungen ebenfalls für nicht gerechtfertigt. Aber: „Die Daten können nicht negiert werden.“ Eine mögliche Konsequenz wäre eine großzügigere Prophylaxe in bestimmten Situationen, etwa bei manchen ausgeprägten Dammverletzungen.

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Von RND/dpa

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