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Wissen „Nachtlicht der Erde“: Eine Liebeserklärung an den Mond
Nachrichten Wissen „Nachtlicht der Erde“: Eine Liebeserklärung an den Mond
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10:59 16.07.2019
Fantasievoll und mächtig: In vielen Geschichten steht der Mond im Fokus. Quelle: George Peters/iStock
Hannover

Wenn Kinder schlafen, tröstet sie ein Licht. Ein kleines Lämpchen am Bett, das sie in seliger Sicherheit wiegt: Sie schlummern nicht allein im Dunkel der Nacht. Etwas ist da. Und wacht über ihre Träume. Ihr Nachtlicht.

Wenn die Sonne sinkt, steigt der Mond empor. Eine Kugel aus Staub und Stein, die alle 27 Tage, sieben Stunden und 43,7 Minuten einmal um die Erde schwebt. 4,5 Milliarden Jahre ist sie alt, 384400 Kilometer entfernt und mit 3476 Kilometern Durchmesser ein Viertel so groß wie die Erde und ein Einundachtzigstel so schwer. Ein „kleines Licht, das die Nacht regiert“, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte.

Der Mond. Das Nachtlicht der Erde. Mit einem Kilometer pro Sekunde schwebt er totenstill durch den Orbit, reflektiert das Licht der Sonne 400 .000-mal schwächer, als die Sonne scheint. Und entfernt sich jedes Jahr 3,8 Zentimeter von der Erde. Das sind knapp 200 Meter in 5000 Jahren.

Silberspiegel der Tageswirklichkeit

Das sind die kalten, geophysikalischen Fakten. Sie verraten wenig über den sinnlichen Zauber dieses Himmelskörpers, der sein silbrig-fahles Licht in wolkenlosen Nächten auf Häuser, Bäume und Haut legt wie eine kühle Decke. Seit Jahrtausenden fasziniert der Mond die Menschen als Symbol für die Nachtseite des Lebens, als betörender Silberspiegel der Tageswirklichkeit.

Bei Mondlicht gelten andere Gesetze. Dann sind die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit aufgehoben. Dann regiert der Instinkt. Im bleichen Schein einer Vollmondnacht wird der Mond zum kosmischen Tor in eine andere Welt, zum irdischen Außenposten am Rande des Göttlichen. Und manchmal zum einzigen Mitwisser von heimlichen Liebesräuschen, Morden, Träumen.

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Der Mond im Wandel der Bedeutungen

Der Mond ist Utopie und Dystopie zugleich, eine perfekte Projektionsfläche für Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte der jeweiligen Zeit. Mal „schweflige Hyäne“ (Christian Morgenstern), die als kosmische Leiche durch die Unendlichkeit gleitet. Mal Strafkolonie wie in der alten Sage vom „Mann im Mond“, der Brennholz sammelnd die Sonntagsruhe störte. Und seit dem 19. Jahrhundert, als die Landschaftsromantiker nach dem Abklingen der mittelalterlichen Gottesfürchtigkeit die Natur als Heiligtum entdeckten, gilt die „mondbeglänzte Zaubernacht“ als Inbegriff für idyllische Seelentiefe. Der Mond als „Gedankenfreund“ (Ludwig Tieck) ist Zentralgestirn aller Weltschmerzler und Tagflüchtlinge.

„Ich hasse die gelangweilte Trägheit der Sonne“, sagt die Heldin Juliette im Roman „Ich fürchte mich nicht“ der US-Autorin Tahereh Mafi. „Sie ist ein arrogantes Wesen. Der Mond verschwindet nie. Er ist immer da, zuverlässig, schaut herunter, kennt unsere hellen und dunklen Momente, wandelt sich unentwegt, so wie wir. Jeden Tag zeigt er sich in anderer Form. Manchmal schwach und schwindend, manchmal kraftvoll und leuchtend. Der Mond versteht, was es heißt, ein Mensch zu sein. Unsicher. Allein. Gezeichnet von Kratern der Unvollkommenheit.“

Der Mond in Zahlen

Der Mond: „Ein Zuhörer. Ein Freund.“

Wenn die Sonne im Christentum als wärmende Lichtbringerin des Göttlichen verehrt wird, dann ist der Mond dem Menschlichen viel näher. „Jeder ist ein Mond und hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt“, schrieb Mark Twain. Hinter dem alten Werwolf-Aberglauben steht die Vorstellung, der Vollmond bringe das Dunkle, das Tierische im Menschen zum Vorschein. Sein schummrig-fahles Licht lässt Raum für Fantasie. Die Welt erscheint grauer und reicher zugleich, weil die Intensität seines Lichts gerade nicht genügt, um die farbempfindlichen Rezeptoren der Netzhaut zu aktivieren. Gleichzeitig wirkt die Sichel wie eine Wiege des Lebens, ein Sinnbild für das Werden und Vergehen. Und: Im Deutschen ist die Sonne eine Frau und der Mond ein Kerl. Das Sinnliche von „La Luna“ geht ihm völlig ab. Er ist ein herber Kumpan.

Goethe schwärmte in Neapel von der „unbeschreiblichen Herrlichkeit einer Vollmondnacht“, die in ihm ein Gefühl „von Unendlichkeit des Raums“ wecke. In Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ ist der Mond „gleich einem Silberbogen“ eine mächtige Kraft mit berauschender Wirkung auf Elfen, Träumer, Tänzer. Ein Zuhörer. Ein Freund. Joseph Conrad sah im aschgrauen Mondlicht „etwas Gespenstisches; es besitzt die ganze Leidenschaftslosigkeit einer körperlosen Seele“. Wilhelm Busch floss es „sanftschaudernd durch die Seele“, wenn er nur das Wort hörte: Mond.

Die Mondreise als ultimative Illusion

Die Mondreise war die ultimative Illusion. Der französische Satiriker Cyrano de Bergerac plante schon 1657 einen Raketenflug zum Mond, hinein in eine Welt „wie diese hier, der die unsrige als Mond dient“. In seiner „Reise zum Mond“ ist die Ordnung der alten Erde vollständig verdreht: Alte Menschen richten sich nach den Jungen, Bäume sind Philosophen, Vögel sprechen, und als wichtigstes Zahlungsmittel dienen nicht etwa Geldmünzen, sondern selbst geschriebene Gedichte. Ein friedlicher Ort auch voller schwülstiger Verlockungen mit Mondfrauen, die bereitwillig ihre Brüste zeigen, wie eine französische Schrift von 1784 fantasierte.

„Tim und Struppi“ flogen Jahre vor der Nasa zum Mond, ebenso wie der Maikäfer Herr Sumsemann in „Peterchens Mondfahrt“ oder Snoopy von den „Peanuts“. Münchhausen kletterte auf einer Bohnenranke hinauf. Und Jules Verne erzählte schon 1869 die Geschichte dreier Mitglieder des Baltimore Gun Clubs, die sich mittels einer 275 Meter langen und 1,80 Meter breiten Kanone aus Aluminium zum Mond schießen ließen. Drei Astronauten in einer Kapsel, die ins Nichts rast, veröffentlicht exakt 100 Jahre vor der Mondlandung. Es steckt viel Prophetisches in Vernes Klassiker.

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Apollo-11-Mission ließ Zauber verblassen

Kurz: Der Mond war stets alles, was man in ihn hineinträumte. Er wachte über das, „was, von Menschen nicht gewußt / Oder nicht bedacht, / Durch das Labyrinth der Brust / Wandelt in der Nacht“, wie Goethe in seinem Gedicht „An den Mond“ schrieb.

Der ganze Wahnsinn der Apollo-11-Mission war deshalb auch eine große Kränkung. Sie beraubte den Mond seines Zaubers, reduzierte ihn auf ein lebloses Nichts im Nirgendwo. Als mystisch umflortes Sehnsuchtsobjekt ist er entzaubert. Auch deshalb hält sich hartnäckig die Theorie, wir seien niemals dort gewesen. Verschwörungstheorien entstehen, wenn der feste Glaube an die natürliche Ordnung der Dinge erschüttert wird. Sie lösen beängstigende und überkomplexe Situationen auf, indem sie sie in einen klaren, vertrauten Kontext einbetten. Der Mond nur ein banaler Haufen Steine? Der Kosmos nur toter Raum? Das kann nicht sein. Das wurde im Studio inszeniert.

50 Jahre Mondlandung

Laune kommt von Luna

Hat er Macht über uns? Studien zeigen, dass es bei Vollmond weder mehr Geburten noch mehr Suizide, Verkehrsunfälle oder Operationspannen gibt. Auch tapsen nicht mehr schlafwandelnde Mondsüchtige auf Dachfirsten herum. Der Mondforscher Bernd Brunner („Mond und Mensch“) nimmt an, dass der Glaube an die Mondsüchtigkeit ein „kulturelles Fossil“ aus einer Zeit ist, als der Mond das einzige Licht in einer nachts stockfinsteren Welt war.

Doch dass er die Statik des irdischen Daseins beeinflusst, ist unbestritten. Das Wort „Laune“ kommt von „Luna“. Sichtbarer Beweis sind Ebbe und Flut. Einst hefteten Ärzte gar Magnete an die Körper ihrer Patienten, um die Körpersäfte mit „künstlichen Gezeiten“ in den Griff zu bekommen. In jüngster Zeit blühen die Mondmythen wieder. Je abgeklärter eine Gesellschaft, desto bunter die okkulten Sinnsystemangebote der Mondindustrie, vom Vampirroman bis zum Mondkalender, der den perfekten Zeitpunkt zum Haareschneiden kennt.

Mir selbst gehört ein Stück Mond. Es ist nicht Mondgestein, das ist teurer als Platin. Es ist ein Grundstück. Es liegt im Areal B14.Q.Delta und hat die Nummer 309/49. Bis zum Beweis des Gegenteils ist dieser Flecken Mond mein Eigentum. Es ist ein gutes Gefühl, einen Teil von etwas zu besitzen, dem keine Raumfahrtmission, kein profilierungssüchtiger Staatenlenker und kein Astronaut jemals sein letztes Geheimnis wird entreißen können.

Von Imre Grimm/RND

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