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Wissen Leben ohne Fitnessarmband – warum ich mich nicht elektronisch optimieren lasse
Nachrichten Wissen Leben ohne Fitnessarmband – warum ich mich nicht elektronisch optimieren lasse
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17:36 17.09.2019
Fitnessarmband mit Smartphone: Noch nie haben sich Menschen derart flächendeckend elektronisch bestätigen lassen, dass sie faule Säcke sind. Quelle: Ирина Шатилова - stock.adobe.com

Ich habe mal nachgesehen: Ich bin heute bislang 1840 Schritte gegangen. Das ist natürlich jämmerlich. 1840 Schritte – das sind 1,2 Kilometer. Peinlich. Damit kommst du nicht weit in der Leistungsgesellschaft. Ich rede mir die mickrigen Daten damit schön, dass mein Smartphone überwiegend herumliegt und selten mit mir mitgeht. Das ist gelogen. In Wahrheit verbringe ich mehr Zeit mit meinem Smartphone, als ich eine Hose trage.

Lange Zeit bin ich durchs Leben gefedert wie eine Spielerfrau über ein Charity-Golfturnier. Inzwischen aber sind Hinsetzen und Aufstehen mit Geräusch verbunden. Zum Soundtrack meines Bewegungsapparates gehört das klassische Krachen im Gebälk ebenso wie regelmäßige Entlastungsseufzer. Knochen, Gelenke und sonstige Stützutensilien der Natur fordern quasi akustisch Trost und Zuspruch ein, sobald das System eine Veränderungsabsicht in Haltungsfragen regis­triert. In sehr tiefen Sofas in ruhiger Umgebung wäge ich oft ab, ob sich das Aufstehen angesichts der zu erwartenden akustischen Irritation anwesender Mitmenschen überhaupt lohnt. Meistens bleibe ich sitzen.

Millennials bewegen sich zu wenig

Beim Versuch, zum Beispiel einen Holzklappliegestuhl unfallfrei zu verlassen, klinge ich wie Monica Seles im Halbfinale. Diese Dinger sind gebaut, um Menschen wie mich zu demütigen. Es gibt Modelle, die ich ohne fremde Hilfe nicht mehr verlassen kann. Sollte mich die Polizei irgendwann in Gewahrsam nehmen, weil ich eine Ananas geklaut oder Philipp Amthor am rechten Ohrläppchen gezogen habe, müsste man für mich keine Arrestzelle verschwenden. Es genügt, mich in einen Liegestuhl zu setzen. Ich bleibe sitzen.

Damit liege ich voll im Trend. Fitnessstudios und Outdoorläden klagen, dass die Generation der Millennials kein großes Interesse an Bewegung in freier Natur hat. Paradoxerweise tracken, checken, testen, scannen, prüfen und sammeln sie trotzdem massenhaft körpereigene Gesundheitsdaten. Es muss eine Art moderner Massenmasochismus sein: Noch nie haben sich Menschen derart flächendeckend elektronisch bestätigen lassen, dass sie faule Säcke sind.

Ja, ich weiß, es war ’ne geile Zeit: Sportlerin mit Fitnessarmband und Smartphone in reizvoller Umgebung. Quelle: yanik88 - stock.adobe.com

Maschinenlesbare Cyborgs

Ein Drittel aller Deutschen nutzt Fitnessarmbänder, Pulsuhren oder Schrittzähler-Apps. In Bürokantinen werden Schlafdauer, Ruhepuls, Bewegung, Kalorienverbrauch, Herzfrequenz und Blutdruck verglichen wie früher Hubraum und PS beim Autoquartett. „Ich habe 12.000 Schritte!“ – „Ich auch!“ – „Sticht!“. Dahinter stecken nicht nur der anhaltende Trend zur Selbstoptimierung und die leicht verbissene Freude am spielerischen Wettkampf, sondern auch die Tendenz, sich bereitwillig schleichend zu einem maschinenlesbaren Cyborg machen zu lassen, um mit den Algorithmen, die unser Leben bestimmen, mithalten zu können.

Sigmund Freud schrieb einst von den drei großen Kränkungen der Menschheit: Die Erde als Mittelpunkt des Universums? Auftritt Kopernikus. Der Mensch als Krone der Schöpfung? Auftritt Darwin. Sind wir dann wenigstens Herr in der eigenen Seele? Auftritt Freud. Nein, sagte der, unsere Psyche hat noch ganz andere Herren als das Ich.

Was wir nun erleben, ist eine Art vierte Kränkung: Der neue Gott ist die Mathematik, und mit sich bringt er das Gefühl, den Maschinen unterlegen zu sein, wenn wir nicht auch so flüssig und berechenbar funktionieren wie ein Amazon-Algorithmus. Statt sich künstliche Intelligenz also nutzbar zu machen, passt der Mensch umgekehrt – verführt von Annehmlichkeiten wie Fitnessarmbändern und der Aussicht auf Gesundheitsprämien – sein eigenes Verhalten an, bis es maschinenlesbar wird. Unsere Datenölspur aber nimmt uns alles Mysteriöse. Das Smartphone – die „tragbare Gestapo“, wie der Soziologe Harald Welzer schrieb – macht uns zu willigen Entblößern unserer selbst. Nicht mehr nur beim Surfen im Netz, sondern auch beim richtigen Surfen.

Das Ideal ist der geheimnislose Mensch

In einem Neun-Minuten-Video namens „The Selfish Ledger“ entwirft Google die düstere Vision vom Menschen als biophysikalischem Rechenprozess. Nicht nur seine Gene, sondern sein gesamtes Verhalten könnten eines Tages sequenziert werden. Der neue Fetisch heißt Transparenz. Und das Ideal der Stunde ist der geheimnislose Mensch: berechenbar, steuerbar, beeinflussbar. Nicht von Verboten genervt, sondern sanft verführt. Es ist das Modell Julia Klöckner. Ein Drittel derjenigen, die Fitnessarmbänder nutzen, ist bereit, seine Daten auch der Krankenkasse zur Verfügung zu stellen, wenn diese im Gegenzug für Wohlverhalten Prämien verteilt. Das Motto: Wer joggt, gewinnt.

Nur ist es nicht jedem gegeben, Freude beim Joggen zu empfinden. Mir ist die digitale Selbstvermessung fremd. Außerdem nimmt man durch Fitnessarmbänder nicht zwingend ab. Für eine aktuelle Studie hielten fast 500 junge Übergewichtige eine Langzeitdiät ein und wurden zum Sport angeregt. Ein halbes Jahr später bekam die Hälfte von ihnen auch noch Fitnessarmbänder. Sie sollten die Gruppe motivieren, noch mehr abzunehmen. Unterm Strich aber speckte die Gruppe mit Armbändern 3,5 Kilogramm weniger ab als die Vergleichsgruppe. Studienautor John Jakicic hatte dafür im „Tagesspiegel“ folgende Erklärung: „Es könnte sein, dass die Leute denken: Ich war jetzt so aktiv, also kann ich auch einen Cupcake essen.“

Tod durch Schneidersitz

Einen alternden Körper an die Kandare zu nehmen, ist hart. Ich habe mal versucht, im Schneidersitz an einem Seminar teilzunehmen. Daraus resultierten zwei wichtige Erkenntnisse. Erstens kann ich nach 20 Minuten nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob mein Körper wirklich über Füße verfügt. Und zweitens kann ich die Position Schneidersitz nur noch über Umwege wieder verlassen: durch seitliches Rollen in eine liegende Position vor dem Ausklappen der Beine. Sonst komme ich nicht mehr hoch. Tod durch Schneidersitz. Und wenn ich dann tatsächlich stehe, sehe ich minutenlang aus wie Quasimodo beim Wassertreten.

Ich verzichte schon deshalb auf ein Fitnessarmband, weil ein rundlicher Mensch mit Fitnessarmband immer ein bisschen nach Tod und Verzweiflung aussieht. Wie Peter Altmaier mit Radlerhose.

Zischend wie ein Lastwagen

Kennen Sie das Zischen, das Lastwagen machen, bevor sie an der Ampel losfahren? Das ist die sich lösende Luftdruckbremse. Offensichtlich gibt es technische Übereinstimmungen zwischen meinem Körper und einem großen Lastwagen. Ich möchte dieses Zischen nicht für Gesundheitsbehörden, Krankenkassen oder meinen Hausarzt in meiner digitalen Patientenakte dokumentieren. Ich zische lieber privat.

Von Imre Grimm/RND

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