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Wissen Recycling: „Deutschlands Weltmeister-Titel ist für die Tonne“
Nachrichten Wissen Recycling: „Deutschlands Weltmeister-Titel ist für die Tonne“
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18:57 06.06.2019
Deutschland ist laut Plastikatlas 2019 der weltweit drittgrößte Exporteur von Plastikmüll. Quelle: Martin Schutt/dpa
Berlin

Verpackung, Kleidung, Cremes: Plastik lässt sich überall finden. Die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sind überzeugt, dass die Haupturheber für die weltweite Plastikkrise vor allem die Plastik-Hersteller und petrochemische Industrie sind. Dies wurde am Donnerstag bei der Vorstellung ihres „Plastikatlas 2019“ deutlich: Im Kampf gegen die weltweite Verschmutzung mit Plastik müsse die Politik globalen Energie- und Chemiekonzernen strengere Vorgaben machen, lautet eine Forderung der beiden Organisationen.

Bislang wurden 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert

Laut Plastikatlas wurden zwischen 1950 und 2015 weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. „Das entspricht mehr als einer Tonne pro Mensch, der heute auf der Erde lebt“, so Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Laut Plastikatlas ist Deutschland der drittgrößte Exporteur von Plastikmüll. Nicht einmal zehn Prozent des jemals produzierten Kunststoffes seien recycelt worden. „Recycling ist ein Mythos. Deutschland ist nicht Recyclingweltmeister, aber sehr gut darin, Plastikmüll zu exportieren.“

Stattdessen werden 60 Prozent des in Deutschland gesammelten Verpackungsmülls verbrannt, sagte BUND-Vorsitzender Hubert Weiger. „Und der Skandal dabei ist: Plastik gilt bereits als recycelt, wenn es ins Ausland exportiert wird. Nach dem Prinzip ‚Aus dem Augen aus dem Sinn’ exportieren wir und andere Industriestaaten unseren Plastikabfall in Drittländer und verlagern das Problem somit nur räumlich.“

Vor Ort, zum Beispiel in den Ländern Asiens, habe diese Wegwerfmentalität des Westens erschreckende ökologische, soziale und gesundheitliche Auswirkungen. Weiger: „Die notwendige Infrastruktur zur Bewältigung unserer Müllberge gibt es in diesen Ländern nicht. Der Müll wird häufig unkontrolliert verbrannt oder landet auf Deponien und in der Umwelt. Viele Menschen fristen ihr Leben unter erbärmlichen Umständen und wir leben und konsumieren weiter sorglos Plastikprodukte.“

Bundesregierung und EU arbeiten gegen die Plastikflut an

Als Maßnahme gegen die Plastikflut setzte die Bundesregierung zum Jahresanfang bereits das neue Verpackungsgesetz in Kraft. Zudem stellte Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) im November vorigen Jahres einen Fünf-Punkte-Plan vor, in dem gesetzliche und freiwillige Maßnahmen zur Vermeidung von überflüssigem Plastik vorgesehen sind. „Wir erwarten bis zum Herbst eine Strategie des Handels für weniger Plastik und weniger Verpackungen. Das hat der Handel mir beim ersten Runden Tisch zu diesem Thema zugesagt“, so Schulze.

Erst kürzlich forderte Entwicklungsminister Gerd Müller ein Verbot von Plastiktüten.
Zudem wurde auf europäischer Eben ein Verbot von bestimmten Einweg-Plastikprodukten wie Trinkhalmen auf den Weg gebracht. Schulze wertet das als Erfolg: „Mein Ziel ist nun, dass Strohhalme, Wattestäbchen und Einwegteller in Deutschland schon im nächsten Jahr aus den Regalen verschwinden.“

Der größte Teil des Kunststoffs wird laut Plastikatlas für – meist nur einmal verwendete – Verpackungen genutzt. Mehr als ein Drittel der weltweit jährlich produzierten 400 Millionen Tonnen Plastik würden dafür gebraucht. „Der BUND fordert einen Dreiklang für die Plastikwende: Verbote von Schadstoffen und Mikroplastik sowie die Bekämpfung von Plastikmüll“, sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger.

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Plastik steckt in Boden und Binnengewässern

Dass Mikroplastik in den Meeren eine große Belastung ist, ist inzwischen bekannt. Weniger verbreitet ist der Fakt, dass die Verschmutzung von Boden und Binnengewässern je nach Umgebung zwischen vier- und 23-mal so hoch ist wie im Meer. „Die industrielle Landwirtschaft nutzt gigantische Mengen an Kunststoff“, so Unmüßig.

„Wir waren vor 20, 25 Jahren erheblich weiter im Umweltdenken“, konstatierte Weiger und erinnerte an die Stärkung der Mehrwegquote im Getränkebereich. Rolf Buschmann, BUND-Experte für Ressourcen, ergänzte: „Bei großen Softdrink-Herstellern findet ein bewusster Wechsel von Mehrweg zu Einweg statt.“

Klimakrise und Gesundheitsgefahren

Neben den Umweltgefahren heize Plastik auch die Klimakrise an, sagt Unmüßig. „Von der Produktion bis zur Entsorgung entstehen im Laufe des Lebenszyklus von Plastik gewaltige Mengen an Treibhausgasen und gefährden das Erreichen der weltweiten Klimaziele.“

Hinzu kommen gesundheitliche Risiken: „Die bestehen insbesondere durch Mikroplastik und giftige Zusatzstoffe in den Kunststoffen. Vor allem Frauen, Kinder und Neugeborene sind enormen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt“, so Unmüßig.

Selbstverpflichtung oder Vorgaben?

Die Bundesregierung beschäftigt sich ebenfalls mit Mikroplastik. Auf Basis einer freiwilligen Selbstverpflichtung soll es aus Kosmetik verschwinden. Umweltverbände fordern striktere Vorgaben.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Florian Pronold, schloss weitergehende Vorgaben der Politik am Donnerstag nicht aus, wenn es eine solidere wissenschaftliche Grundlage dafür gebe. Teils sei es aber schwer, Alternativen zu finden, die nicht andere ökologische Nachteile hätten. Es gebe viele Forschungsvorhaben dazu.

Von RND/Jördis Früchtenicht/Sonja Fröhlich

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