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Wissen Verschmutzte Meere: Wie ein 66-Jähriger in Tunesien gegen den Plastikmüll kämpft
Nachrichten Wissen Verschmutzte Meere: Wie ein 66-Jähriger in Tunesien gegen den Plastikmüll kämpft
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06:01 15.10.2019
Ein Meer von Müll – hier angeschwemmt am Strand der libanesischen Hauptstadt Beirut am östlichen Mittelmeer.
Tunis/Rom/Kairo

Wie ein riesiger Hilfeschrei liegen die Flaschen, Plastiklatschen und Styroporkästen im Garten hinter dem Haus. Nur ein paar Kilometer von den Touristenstränden der Ferieninsel Djerba entfernt bilden sie ein überdimensionales SOS, das zum Himmel schreit. Aber kaum ein Tourist verirrt sich ins tunesische Zarzis, wo Mohsen Lihidheb ein privates Museum aufgebaut hat - aus allem, was das Mittelmeer so anspült.

"Im Ort denken die meisten, dass ich verrückt bin", sagt Lihidheb, "aber ich bin völlig klar - und vor allem: konsequent." Fast täglich spaziert der 66-Jährige am Strand entlang und sammelt auf, was er findet. Vor 26 Jahren habe er damit angefangen, die Strände seines Heimatdorfes abseits der Hotelburgen aufzuräumen. "Später ist es sogar meiner Frau zuviel geworden mit dem Müll im Garten", sagt Lihidheb. "Aber das ist das Gedächtnis des Meeres."

33.800 Plastikflaschen am Tag landen im Mittelmeer

Alle Mittelmeerstaaten scheitern bei der Abfallsammlung und müssen ihren gesamten Plastikzyklus überarbeiten.

Guiseppe die Carlo, Direktor des Mittelmeer-Programms beim WWF

Etwa 500.000 Plastikflaschen habe er in den Jahren gesammelt, erzählt er und holt wie zum Beweis kleine Notizbücher hervor, in denen er seine Funde aufschreibt. Doch die riesige Zahl erscheint winzig, denn laut einer WWF-Studie werden jede Minute umgerechnet 33.800 Plastikflaschen ins Mittelmeer geworfen. Das Mittelmeer gehört zu den am stärksten verschmutzten Gegenden der Weltmeere. Die Gründe dafür sind laut UN-Umweltprogramm eine hohe Siedlungsdichte, viele Touristen, hohes Schiffsaufkommen und wenig Austausch des Wassers.

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Vor allem Ägypten, Italien und die Türkei machte der WWF im Sommer für enorme Abfallmengen verantwortlich. "Alle Mittelmeerstaaten scheitern bei der Abfallsammlung und müssen ihren gesamten Plastikzyklus überarbeiten", sagte der Direktor des Mittelmeer-Programms beim WWF, Guiseppe die Carlo, bei der Vorstellung des Berichts.

Mehr als acht Millionen Tonnen Plastik landen in den Meeren

Beim Strandurlaub in Italien fällt das vielen Reisenden nicht auf - denn die Strände gehören oft zu Badeanstalten, die jeden Tag gesäubert werden. Doch das Meer von Ligurien bis Sizilien ist voller Plastik. In den Netzen von Fischern finde sich mittlerweile mehr Müll als Fische, warnte zuletzt das nationale italienische Umwelt- und Meeresschutzinstitut Ispra. Demnach landen jedes Jahr rund acht Millionen Tonnen Plastik in den Meeren, davon sieben Prozent im Mittelmeer. Der Großteil werde von Flüssen ins Meer gespült.

Mohsen Lihidheb sitzt in seinem «Museum der Erinnerungen des Meeres» im tunesischen Zarzis. Wie ein riesiger Hilfeschrei liegen die Flaschen, Plastiklatschen im Garten hinter dem Haus. Quelle: Simon Kremer/dpa

Auch Tiere sterben daran, immer wieder werden tote Wale an Italiens Küsten angespült. Im Frühjahr war es zum Beispiel ein trächtiges Weibchen mit mehr als 20 Kilo Plastik im Magen. Eine Untersuchung von mehr als 1400 Unechten Karettschildkröten (Caretta caretta) ergab laut Ispra, dass zwei Drittel der Tiere Plastik geschluckt hatten.

Schwimmen gegen die Verschmutzung der Meere

Von Ägypten aus will Omar El Galla diesem Umweltdrama nicht länger tatenlos zusehen. Am kommenden Dienstag (15.10.) will der Extremsportler auf der Sinai-Halbinsel an der israelischen Grenze ins Wasser steigen und in drei Monaten rund 900 Kilometer durch das Rote Meer schwimmen, um auf Plastikmüll aufmerksam zu machen. In Tagesetappen von zehn Kilometern will er bis zur Grenze zum Sudan schwimmen. Die Hoffnung: Politik und Unternehmen zum Umdenken beim Thema Plastik zu bewegen.

"Ich kann, glaube ich, wirklich etwas verändern", sagt der 31-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Sein acht bis zehn Kilogramm schweres Gepäck samt Satelliten-Tracker will El Galla im Wasser hinter sich herziehen. An Land folgen ihm ein Kameramann und ein Assistent, mit denen er abends ein Lager in der kargen ägyptischen Wüstenlandschaft aufschlagen will. "Es ist ein bisschen verrückt", sagt El Galla. "Wir werden sehen, wie es läuft."

Organisationen versuchen Meere zu säubern

Den bislang ersten Großversuch, die Meere vom Plastikmüll zu säubern, startete die Organisation "The Ocean Cleanup". Jetzt gebe es erste Erfolge im Pazifik, sagte der Niederländer Boyan Slat, Initiator der Organisation. Das von einem internationalen Team entwickelte System treibe Plastikmüll zusammen und sammele ihn ein.

Die Anlage besteht aus einer 600 Meter langen Röhre in U-Form. Daran ist ein drei Meter langer Vorhang befestigt, der den Müll festhalten soll. Nach ersten Schwierigkeiten funktioniert der Fänger. Noch bis Dezember soll er im Pazifik im Einsatz sein, zunächst beim Great Pacific Garbage Patch zwischen Kalifornien und Hawaii. In diesem Strömungswirbel treiben nach Schätzungen von Wissenschaftlern 1,8 Billionen Plastikteile. Dann wird evaluiert. Ocean Cleanup will eine weitere und noch größere Anlage bauen, um die Meere zu säubern.

"Das Meer vergisst nicht"

Ein Problem in Tunesien sei etwa, heißt es in einer Untersuchung der Heinrich-Böll-Stiftung, dass den Kommunen die nötigen Mittel zur Reinigung der Strände fehlten. Die Gemeinden sind auf Initiativen von Bürgern und auf freiwillige Helfer wie Mohsen Lihidheb angewiesen.

In den 90ern waren es vor allem Glasflaschen, viele aus Italien.

Mohsen Lihidheb, Müllsammler an der tunesischen Küste

In seinem Garten verwahrt er das Gedächtnis des Meeres. Dabei hätten sich seine Funde in fast 30 Jahren verändert, erzählt der alte Mann. "In den 90ern waren es vor allem Glasflaschen, viele aus Italien." Dann sei es immer mehr Plastik und Fischernetze geworden. Hinter ihm auf einem Sockel liegen auch Schädel mehrerer angeschwemmter Delfine. In einer Ecke auf dem Hof stapeln sich orangefarbene Rettungswesten. "Das Meer vergisst nicht."

RND/dpa

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