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Wissen Virales Video: Warum Mantarochen nicht um Hilfe bitten
Nachrichten Wissen Virales Video: Warum Mantarochen nicht um Hilfe bitten
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16:21 19.07.2019
Gigantisch und neugierig: Mantarochen können eine Spannweite von bis zu sieben Metern erreichen und zwischen 40 bis 80 Jahre alt werden. Quelle: picture alliance / imageBROKER
Hannover

Dass Tiere Menschen um Hilfe „bitten“ ist auf der einen Seite traurig, da sie eben verletzt sind, auf der anderen Seite aber auch ziemlich faszinierend: Denn oft kommt ein solches Schauspiel nicht vor. Umso mehr gehen solche Szenen – von einer Kamera eingefangen – im Internet dann viral. So wie bei diesem Beispiel, Anfang der Woche.

Was ist zu sehen? Ein drei Meter großer Mantarochen schwimmt langsam auf Taucher zu und lässt sich von Angelhaken, die unter seinen Augen steckten, befreien. Ein Filmteam konnte die Rettungsaktion am Ningaloo Reef an Westaustraliens Korallenküste festhalten. So euphorisch einen das Video auch stimmen mag: Sind Mantarochen wirklich so intelligent, zu wissen, dass Menschen sie von Schmerzen befreien können?

Schmerz aushalten, damit er aufhört? Nicht bei Tier und Kind

„Diese süße Story muss ich leider kaputt machen“, sagt Vera Schlüssel. Die Zoologin arbeitet als Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn und beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Erforschung von Haien und Rochen. Seit 11 Jahren konzentriert sie ihre Forschung auf die kognitiven Fähigkeiten von Knorpelfischen, zu denen auch Mantarochen zählen. Warum es nicht sein kann, dass der Mantarochen aus dem Video gezielt bei die Menschen um Hilfe ersuchte, erklärt sie so: „Tiere wissen nicht, dass es erst einmal richtig schmerzen muss, damit es besser wird. Das wissen nicht mal Kinder.“

Die Expertin ist dementsprechend der Meinung, dass die Angelhaken unter den Augen des Rochens nicht sonderlich schmerzhaft waren. Wären sie das gewesen, wäre er nämlich eher weg von den Tauchern als auf sie zu geschwommen. „Ich glaube nicht, dass der Rochen große Schmerzen hatte, die Haken haben ihn vielleicht gestört, aber das Rausziehen wird nicht schmerzhaft gewesen sein. Sonst wäre der Rochen längst verschwunden.“

Ein ähnliches Muster zeige sich bei Haustieren: Hatten sie einmal Schmerzen beim Tierarzt, sei es ziemlich schwierig die Tiere wieder in eine Arztpraxis zu bekommen. „Da können Sie jedes Tier und übrigens auch jedes Kind beobachten: Sie bleiben nicht sitzen und sagen: Bitte noch mal, danach ist es ja besser.’“

Lesen Sie hier:
Studie: Hunderte Haie und Rochen in Plastik verheddert

Mantarochen sind zutraulich

Was den Anschein der Kontaktaufnahme in dem Video außerdem begünstigt, ist die Zutraulichkeit der Mantarochen. Schlüssel hat diese Zutraulichkeit mit Süßwasserstechrochen getestet: „Wenn man sich kontinuierlich mit den gleichen Rochen beschäftigte, musste man nur die Hand ins Wasser halten und sie kamen angeschwommen oder fraßen einem aus der Hand.“ Doch das sei mit allen Tieren möglich, ergänzt Schlüssel und sieht diese Zutraulichkeit somit nicht als Zeichen von hoher Intelligenz. „Die Taucher im Video erzählten ja, dass sie den Rochen häufig sehen. Da kann es schon sein, dass der Rochen auf sie zu schwimmt. Er weiß, von ihnen geht keine Gefahr aus“, erklärt Schlüssel das zutrauliche Verhalten. „Außerdem sind Rochen sehr neugierig.“

Das Fazit der Expertin: Der Manta-Rochen hat die Menschen nicht um Hilfe gebeten – wir Menschen interpretieren sein Verhalten nur so.

Auch das vergleichsweise große Gehirn der Mantarochen, bedeute nicht automatisch, dass sie klüger sind als andere Fische. „Mantarochen haben ein ziemlich großes Vorderhirn, dort werden zum Beispiel Gerüche verarbeitet. Es könnte also sein das Mantarochen einen besonders guten Geruchssinn haben.“ Auch das Ortsgedächtnis werde im Vorderhirn verarbeitet, Mantarochen könnten sich so möglicherweise besser orientieren und Orte wiedererkennen. Aber nur weil ihr Gehirn groß sei – es wird übrigens so groß wie eine menschliche Faust – seien Mantarochen nicht automatisch „Superbrains“.

Wenn auch nicht hochbegabt: Gewisse Cleverness vorhanden

Damit will Schlüssel den Tieren nicht ihre Cleverness absprechen – gewisse Fähigkeiten hätten Mantrarochen und Fische im Allgemeinen schon. „Fische erinnern sich an Menschen, sie können uns ganz genau unterscheiden. Außerdem haben alle, wie wir Menschen auch, eine ganz eigene Persönlichkeit. Fische sind viel cleverer und spannender als man denkt.“ Von Intelligenz will die Expertin aber trotzdem eher nicht sprechen.

„Dafür müsste man Intelligenz erstmal definieren können. Hat überhaupt mal wer geguckt ob ein Manta intelligenter ist als ein anderes Tier?“ Es sei schlichtweg nicht wissenschaftlich bewiesen, dass ein Mantarochen intelligenter ist als andere Tiere.

Nichtsdestotrotz ist Schlüssel über jede Art der Aufmerksamkeit für Fische erfreut. „Ich bin zwar immer ein bisschen die Spielverderberin, weil die Menschen süße Storys über hilfesuchende Tiere gerne lesen, aber wissenschaftlich gibt es das einfach nicht. Dennoch freue ich mich über positive Geschichten über Fische.“ Getreu dem Motto: Was selber Schutz sucht, muss geschützt werden, machen Mantarochen wohl vieles richtig – ob absichtlich oder nicht.

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Von Alice Mecke/RND

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