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13:34 30.04.2019
Wissenschaftslounge im Pilot: Farid Hafez, Khaldun Al Saadi, Alexander Yendell, Gert Pickel und Moderatorin Susanne Kailitz (von links). Quelle: Christian Modla
Leipzig

Ist es ein Widerspruch, dass die Angst vor dem Islam gerade dort am größten ist, wo die wenigsten Muslime leben? Oder hängt beides ursächlich zusammen? Um über „Islamophobie und Rechtspopulismus im Osten“ zu diskutieren, hat der Leibniz-Science-Campus jetzt ein illustres Podium aus Wissenschaft und Politik im Schauspiel-Restaurant Pilot versammelt. Und offenbar gehen die beiden Phänomene aus der Überschrift dieser Folge der „Wissenschaftslounge“ eine unheilige Allianz ein: „Die Populisten wären nicht so erfolgreich, wenn niemand ihre islamfeindlichen Botschaften hören wollte“, stellt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel klar. „Gleichzeitig verstärken sie die Vorurteile gegen den Islam.“

Dass die Islamfeindlichkeit in Osteuropa und auch in Ostdeutschland größer als im Westen des Kontinents ist, hat der Leipziger Soziologe Alexander Yendell mit Kollegen kürzlich in einer Studie belegt, die in der Wissenschaftswelt einigen Wirbel ausgelöst hat (wir berichteten). „Das Bedrohungsgefühl ist vor allem symbolischer Natur“, erklärt er. „Es ist die Angst davor, dass die eigene Kultur verloren geht.“ Dagegen sei die konkrete Angst vor Terrorismus eher klein. In Ländern wie Polen und Ungarn – aber auch in den neuen Bundesländern – finde Identifikation stärker als im Westen über nationale oder ethnische Zuschreibungen statt. Menschen ziehen beispielsweise ihr Selbstwertgefühl ausdrücklich daraus, „Ostdeutsche“ zu sein. „Sie fühlen sich bedroht von etwas, das sie nicht kennen und nicht differenzieren“, sagt Yendell.

„Wird die Angst denn kleiner, wenn man sich kennenlernt?“, will die Journalistin Susanne Kailitz als Moderatorin von den Diskutanten wissen. Für Khaldun Al Saadi vom Demokratie-Zentrum Sachsen und von der Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention (KORA) ist das zumindest die Aufgabe, die ihnen die sächsische Landesregierung gibt: „Ein Vertrauensverhältnis zu schaffen durch reale Kommunikation“, wie er erklärt. Um die „Ausgestaltung eines gemeinsamen Stadtlebens“ gehe es, sagt er. „Welche Rolle können Muslime in der Stadtentwicklung spielen?“

Eine Frage der Macht

Farid Hafez, Politikwissenschaftler an der Uni Salzburg, ist indes nicht sicher, ob Kontakte wirklich ausreichen, um Vorurteile zu überwinden. „Es geht um Machtpositionen“, stellt er fest und nennt das Beispiel des von Hitler hochgeschätzten jüdischen Arztes Eduard Bloch. Statt vom Einzelfall auf das Ganze zu schließen, neigen Menschen offenbar dazu, konkrete Erfahrungen als Ausnahme von der vorurteilsbeladenen angeblichen Regel zu interpretieren. In einer Studie über Wahlstrategien in den Visegrád-Staaten hat Hafez ermittelt, dass Politiker von Rechtspopulisten bis hin zu Sozialdemokraten die Islamophobie bewusst einsetzen, wenn sie sich davon Wählerstimmen erhoffen. Für den Wissenschaftler drückt sich darin eine „Krise des weißen Establishments“ aus: „die Furcht davor, die Macht zu verlieren“.

Die erforschte Tatsache, dass sich gerade Ostdeutsche häufig als „Bürger zweiter Klasse“ begreifen, verschärfe Identitätskonflikte, stimmt Pickel zu. So wird das kulturell Andere schnell zum Sündenbock. Klischees mit Hilfe persönlicher Begegnungen zu überwinden, sei da kein Allheilmittel, findet zwar auch der Leipziger Soziologe. „Aber wir haben sonst nichts.“ Bildung helfe erstaunlicherweise nicht unbedingt gegen Vorurteile, ergänzt er. Zudem kritisiert Pickel zwar die Medien für ihre unausgewogene Berichterstattung: 80 Prozent der Beiträge über den Islam seien einer Studie zufolge negativ, 15 Prozent neutral und nur 5 Prozent positiv. Doch bei einer wohlgesonnenen Veröffentlichung „hagelt es sofort Lügenpresse-Vorwürfe“, konstatiert er.

Nächste Wissenschaftslounge des Leibniz-Science-Campus „Eastern Europe – Global Area“ (EEGA) am 19. Juni in der Tageslounge Leipzig, Katharinenstraße 6, Anmeldung: www.leibniz-eega.de

Von Mathias Wöbking

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