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Wissen “Wie erste Mondlandung”: Lego sucht verzweifelt nach Plastik-Ersatz
Nachrichten Wissen “Wie erste Mondlandung”: Lego sucht verzweifelt nach Plastik-Ersatz
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11:25 20.09.2019
playing with toy blocks PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xmissenergyx Panthermedia08207991 Quelle: imago images / Panthermedia

Ein sanfter Druck. Ein weicher Klick. Dann sitzt er fest zwischen seinen Brüdern. Ein Zehntelmillimeter Platz links, einer nach rechts. Das Zauberwort heißt "Clutch Power". Es ist seine Haftkraft, die einen Legostein einzigartig macht. Lose genug, damit Kinder ihn leicht lösen können. Aber fest genug, damit Ritterburgen und Hochhäuser nicht zusammenstürzen. Die Liste der physikalisch-technischen Anforderungen an einen Legostein ist lang: Er muss formbeständig, glänzend, ungiftig, farbecht, lebensmittelecht und über Jahrzehnte bei Hitze oder Kälte einsetzbar sein, dazu präzise per Spritzguss gefertigt, auf den Zehntelmillimeter genau. Ein sauber "einzapfbarer" Legostein mit integrierten Kupplungsröhren und Haftnoppen ist ein Hightech-Gadget.

50 Milliarden Legosteine produziert der Weltkonzern aus Billund pro Jahr. Der Grundstoff ist seit 1963 derselbe: Legosteine bestehen aus dem erdölbasierten Kunststoff Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymere (ABS). Oder wie Laien sagen: aus Plastik. Das ist ein Problem. Denn der größte Spielzeugkonzern der Welt hat sich bis 2030 Nachhaltigkeit verordnet. Spätestens dann sollen Bausteine und Verpackung aus einem nachhaltigen Material gefertigt werden, das am Ende nicht mikroskopisch zermahlen in Ozeanen und Blutbahnen landet. Die Frage lautet bloß: Aus welchem?

Partnerschaft mit Shell gekündigt

Lego sucht den Superstein. Dafür hat der Konzern im Jahr 2015 rund 130 Millionen Euro in ein eigenes Forschungszentrum investiert. Es war auch eine Flucht nach vorn, denn kurz zuvor hatte Greenpeace die mehr als 50 Jahre andauernde Kooperation von Lego mit dem Ölkonzern Shell massiv kritisiert. In einem 8,7-Millionen-mal angeklickten Youtube-Video mit dem Titel "LEGO: Everything is NOT awesome" ließ Greenpeace zu Klaviermusik eine idyllische Legolandschaft samt Ölplattform zu dräuender Klaviermusik in schwarzem Öl versinken. Die Kampagne funktionierte: Lego kündigte die Partnerschaft mit Shell auf - und versprach, bis 2030 "grün" zu werden.

Mehr als 100 Mitarbeiter suchen im "Lego Sustainable Materials Centre" nach dem Stein der Weisen: ökologisch und erdölfrei, aber mit genau denselben Eigenschaften wie seine Geschwister. Doch nach vier Jahren Baustoffsuche haben sie noch keinen tauglichen Ersatz für Plastik gefunden. Mehr als 200 Materialmixe haben die Legoforscher bisher ausprobiert, schrieb jüngst das "Wall Street Journal" (WSJ). Aber nichts habe funktioniert. Legosteine auf der Basis von Maisstärke seien zu weich, Steine auf Weizenbasis seien nicht farbecht. Andere Materialien bröckeln, sind zu hart, verformen sich. Oder sie werden zu schnell biologisch abgebaut - das widerspricht dem Lego-Prinzip der Unverwüstlichkeit. Chemische Zusatzstoffe sind ebenfalls tabu.

"Es ist wie bei der ersten Mondlandung", sagte Tim Guy Brooks, der Lego-Verantwortliche für Nachhaltigkeit, dem "WSJ". "Als Kennedy versprach, Amerika wolle einen Mann auf den Mond schicken, existierte ein Großteil der dafür erforderlichen Technologien noch gar nicht. Wir müssen das jetzt erfinden."

Büsche und Bäume auf Zuckerrohrbasis

Bisher sind nur zwei Prozent aller neu hergestellten Legosteine aus Naturmaterialien: Die biegsamen grünen Bäume, Büsche und Blätter in den Lego-Sets bestehen seit 2018 aus Ethylen, das aus Bioethanol auf der Basis von nachhaltig angebautem Zuckerrohr aus Brasilien gewonnen wird. Für das gerade erschienene "Lego Baumhaus"-Set bedeutet das: 185 von 3036 Legosteinen sind aus nachhaltigem Material, also gerade einmal sechs Prozent. "Es ist ein großer erster Schritt", sagt Brooks. Zufrieden ist er nicht: "Wir können nicht behaupten, wir inspirieren und fördern die Baumeister der Zukunft, wenn wir gleichzeitig den Planeten zerstören."

Lego Store in der Fußgängerzone Hohe Strasse in der Innenstadt Köln, NRW, DeutschlandLego Store in the Pedestrian zone high Road in the Inner city Cologne NRW Germany Quelle: imago/Ralph Peters

Nicht nur Lego sucht nach "grünem" Plastik. Von den 360 Millionen Tonnen Plastik, die pro Jahr weltweit produziert werden, sind weniger als ein Prozent pflanzenbasiert. Acht große Konzerne haben sich 2013 unter dem Dach des World Wildlife Fund (WWF) in der "Bioplastic Feedstock Alliance" zusammengetan, um pflanzliches Plastik zu entwickeln, darunter Coca Cola, Nike, Unilever, Ketchup-Hersteller Heinz, Ford, Nestlé und Danone. Sie alle haben dasselbe Problem: Sie können sich nicht als ökologische Vorzeigemarken präsentieren, so lange sie ihre Produkte in Plastik verpacken. Oder so lange - wie bei Lego - ihr Hauptprodukt gar komplett aus Plastik besteht. Coca Cola hat zwar schon eine Plastikflasche aus Biomasse entwickelt - aber sie ist zu teuer für die massenhafte Herstellung. Auch IKEA sucht nach Plastikersatz. Bisher besteht aber nur ein einziges Produkt aus organischem Kunststoff: der Gefrierbeutel "ISTAD".

Kein Weltkonzern kann es sich leisten, nicht "grün" zu sein.

Es ist ja auch ein Paradoxon: Als Plastik entwickelt wurde und auf den Markt kam, löste es genau die Probleme, die Naturstoffe mit sich brachten: Es war dauerhaft, stabil, günstig, variabel einsetzbar. Nur eine Komponente fehlte. Und die steht heute weit oben in der Prioritätenliste: Nachhaltigkeit. Ironischerweise wurden die ersten Legosteine ab 1949 noch aus dem Biokunststoff Celluloseacetat hergestellt. Die Basis dafür war Cellulose – der Baumwollgrundstoff aus Zuckermolekülen. Ungeklärt ist auch, ob für Bioplastik verwendbare Lebensmittel wie Soja, Weizen oder Mais nicht dringender für die Ernährung gebraucht würden oder wie viel Anbaufläche die massenhafte globale Bioplastikproduktion verschlänge.

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Kein Weltkonzern kann es sich leisten, nicht "grün" zu sein. Schon gar keiner, der Spielzeug produziert. Lego geht es nach einer Umsatzkrise mit Jobabbau und neuem Chef 2017 wieder gut, die Erlöse stiegen 2018 im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent auf 4,9 Milliarden Euro. Die "Harry Potter"- und "Star Wars"-Sets verkaufen sich blendend, das Chinageschäft boomt. Der ökologische Fußabdruck des Konzerns aber ist riesig: 1,1 Millionen Tonnen CO2 produziert die Firma pro Jahr. Das entspricht umgerechnet 5,4 Milliarden gefahrenen Autokilometern in einem Mittelklasse-Benziner.

Auf der anderen Seite haben Legosteine einen enorm langen Lebenszyklus, werden über Generationen verschenkt, vererbt, verkauft. Heutige Steine lassen sich noch exakt auf jene von 1958 stecken - passt. Legosteine sind, anders als Strohhalme, Kaffeebecherdeckel oder Trinkflaschen, selten Plastikmüll. Auf Erdöl basieren sie dennoch. Es ist ein Teufelskreis: Die neuen, ökologischen Legosteine sollen biologisch abbaubar sein. Aber bitte nicht zu schnell.

Von Imre Grimm/RND

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