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Altenburg 18 Jahre: Michael Wolf nimmt seinen Hut als Altenburger OB
Region Altenburg 18 Jahre: Michael Wolf nimmt seinen Hut als Altenburger OB
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11:59 03.07.2018
Entspannt posiert Michael Wolf kurz vor seinem Abschied aus dem Rathaus auf dem Altenburger Markt. Dass die Innenstadt grundhaft ausgebaut wurde, ist maßgeblich sein Verdienst.
Entspannt posiert Michael Wolf kurz vor seinem Abschied aus dem Rathaus auf dem Altenburger Markt. Dass die Innenstadt grundhaft ausgebaut wurde, ist maßgeblich sein Verdienst. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Michael Wolf hat seinen Zenit überschritten. Nicht erst jetzt, sondern mindestens vor drei, vielleicht auch schon vor sechs Jahren. Wer die letzte der drei Legislaturperioden des Altenburger Oberbürgermeisters erlebte, bekommt eine Ahnung davon, warum für amerikanische Präsidenten nach zwei Amtszeiten Schluss ist. Es geht darum zu vermeiden, dass der Machtinhaber an Spannkraft verliert, gegen Kritik immun wird und zu viel Höhe bekommt. Alles Dinge, die sich in der Skatstadt beobachten ließen.

Andersdenkende hatten es nicht leicht

550 Jahre Prinzenraub im Altenburger Schloss: OB Michael Wolf wird angezogen, geschminkt und hat einen Kurzauftritt. Quelle: Mario Jahn

In seiner 18-jährigen Amtszeit, die zum 30. Juni um 24 Uhr endete, hat Wolf einiges für den Ruf des Alleinherrschers getan. Wie nah der 56-Jährige einem „König von Altenburg“ kam, zeigt vor allem sein Verhalten. Selbst Partnern gab er das Gefühl, hintenan zu stehen, weil sich der gebürtige Skatstädter gern verspätete. Diese Missachtung steigerte Wolf, wenn er dann seine Post wichtiger fand als die Ideen anderer. Böse Zungen sprechen gar von einem System, in dem Andersdenkende nicht nur die Ignoranz und den Zorn des OB fürchten mussten, sondern persönliche Nachteile. Doch durch öffentliches Herunterputzen und Verräumen von Untergebenen vergraulte Wolf mit Kritikern zugleich wertvolle Ratgeber. So machte Macht einsam – wie in einer Monarchie.

Das bewertet Wolf anders. Für den Sozialdemokraten, der seit 1990 SPD-Mitglied ist, sei es normal, Menschen, die ihm ans Leder wollten, anders zu begegnen als Partnern, erklärt er. Dass ihm politische Machtspiele als Überheblichkeit ausgelegt werden, weiß der 1,96-Meter-Hüne. Aber für ihn seien Hierarchie und Entschlossenheit besser, um durchsetzungsstark zu sein, als ständiger Wankelmut. „Wenn ich losgelaufen bin, marschiere ich – auch gegen Widerstände. Aber ich bin in der Lage, mich zu justieren.“ Extrem allergisch reagiere er jedoch auf Ungerechtigkeit. Monarchische Züge sieht er bei sich keine.

Wolf setzt sich Denkmäler aus Beton

Topfmarktumgestaltung in Altenburg beendet. Oberbürgermeister Michael Wolf setzt den letzten Granitstein. Quelle: Mario Jahn

Seine Vorliebe für Beton spricht eine andere Sprache. Mit dem Neubau des Goldenen Pflugs, den er gegen massive Widerstände durchdrückte, setzte er sich ein Denkmal. Denn die Multifunktionshalle für Sport und Kultur wird gut angenommen. Somit ist sie kein „Goldener Fluch“, wie mancher einst prophezeite. In dieselbe Kategorie gehört das Areal am Markt. Während das Stadtforum bundesweit Medien gegen den Rathauschef in Stellung brachte, betrieb Wolf den Abriss und Neubau des Komplexes vor der Brüderkirche auch als Aufsichtsratschef der Städtischen Wohnungsgesellschaft unbeirrt weiter. Wer das voll vermietete Ensemble heute sieht, kann nur von einem Erfolg sprechen.

Überhaupt ist Wolf ziemlich stolz auf den grundhaften Ausbau der Innenstadt. „Wir haben auch eine ganze Menge Gewerbegebiete fertig bekommen, damit Infrastruktur geschaffen und Altbrachen beseitigt“, bilanziert er weiter, bemerkt aber, dass das zu spät passierte. „Das hätte man schon in den 1990ern machen müssen.“ Dann wären sie jetzt vielleicht voller. Wirtschaftliche Ansiedlungserfolge hat es in seiner Amtszeit kaum gegeben. Und der größte, die Fräger Antriebstechnik, wurde wegen deren Pleite gleich zum bittersten Misserfolg.

Ganz große Würfe liegen länger zurück

Nicht immer erfreut war Wolf bei der täglichen OVZ-Lektüre. Quelle: Mario Jahn

Ganz ungetrübt freut sich der begeisterte Kleingärtner hingegen über die „enorme Menge an Fördermittel“. Allein für den Städtebau flossen in seiner Amtszeit über 100 Millionen Euro in Kirchen, Plätze, Schulen, Einzeldenkmale oder Kreisverkehre. Dass es in Altenburg noch genug Ecken gibt, wo nichts passiert, liegt am Denkmal-Reichtum und vielen auswärtigen Besitzern. „Aber auch im Kleingartenwesen haben wir viel geschafft, sind bundesweit einzigartig“, sagt der frühere Handballer, der sich heute mit Squash fit hält. „Und die Sportstätten haben wir auf ein super Niveau gebracht.“

Doch die Strahlkraft der Bauten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wolfs ganz große Würfe Jahre her sind. Das gilt auch für Veranstaltungen, wie die Prinzenraub-Festspiele, die Deutschland-Tour der Radsportler oder das Bundestrachtenfest, die der verheiratete Vater von fünf Kindern gern als Erfolg verbucht.

Am Ende kommen Starrsinn und Rechtsbrüche

„Ich brauche mehr Geld“, sagte Wolf zum damaligen Ewa-Chef Anton Geerlings (l.), der mit Millionen-Gewinnen der Garant für viele Investitionen in Altenburg war. Quelle: Mario Jahn

Natürlich ist auch jüngst noch einiges entstanden oder wurde saniert, wie etwa ein Teil der Schlossfassade. Aber es war bei Weitem nicht mehr so viel und so bedeutsam wie zuvor. Vor allem in den letzten zwölf Monaten machte Wolf eher mit Starrsinn und Rechtsbrüchen Schlagzeilen, wie der Garagen-Streit, das Ignorieren des Wildtierverbots auf dem Festplatz oder die Kompetenzüberschreitung bei Abrissgenehmigungen zeigen.

Ziemlich ambivalent ist sein – neben der Akquise von Fördergeldern – größtes Verdienst für die Skatstadt: das Absenken der Schulden von 43 auf 13 Millionen Euro – auch wenn sie inzwischen wieder etwas angewachsen sind. Dem gegenüber steht aber, dass der Sparkurs zulasten der Verwaltung ging. Sie wurde krank gespart, ist nah an der Handlungsunfähigkeit – vor allem im Baubereich.

Geschickter Verhandler als mit Zahlenfaible

Wolfs Wort hatte bei vielen Gesprächspartnern Gewicht. Quelle: Mario Jahn

Doch Wolf konnte auch anders, erwies sich oft als geschickter Verhandler. So auch bei der Theaterfinanzierung. Den Fortbestand der Häuser in Altenburg und Gera als produzierendes Fünf-Sparten-Theater bis ins nächste Jahrzehnt hat die Region dem Aufsichtsratschef zu verdanken, der die Kulturbastion zudem aus ihrer schwersten Krise – dem Beinah-Bankrott unter Intendant Matthias Oldag – führte. Leistungen wie diese basieren darauf, dass Wolfs Wort nicht nur gilt, sondern Gewicht hat. So kam es letztlich auch dazu, dass die Tourismusvermarktung im Altenburg Land über die Kreisumlage finanziert wird, statt nur von einigen Kommunen auf freiwilliger Basis.

Die Vorliebe für Zahlen und Strukturen hat aber weniger mit Wolfs naturwissenschaftlicher Ausbildung zu tun als vielmehr mit seinem breiten Interesse und seiner Detailversessenheit. „Mathe war nicht mein Lieblingsfach“, gibt der Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, der bis zu seinem Amtsantritt für Siemens und SAG arbeitete, zu. „Man kann ein Amt führen, indem man repräsentiert und schlaue Sätze sagt.“ Das sei aber nie seine Sache gewesen. „Manchmal muss man ins Detail gehen.“ Dies sei zugleich eine Schwäche, weil dadurch manchmal zu viel bei ihm landete. „Ich bin gern in der Macherrolle“, sagt Wolf, der über fast alles in der Verwaltung Bescheid wusste. „Gestalten macht Spaß.“

Er will kein Abwickler sein

Michael Wolf bekommt die Schlüssel von Vize-Bürgermeister Rolf Bräunig in Altenburg im Dienstzimmer im Rathaus, weil sein Vorgänger Johannes Ungvari dafür nicht zur Verfügung stand. Quelle: Mario Jahn

Deshalb hat die Gefahr, das nicht mehr zu können, auch dazu beigetragen, dass sich Wolf nun verabschiedet. Er will kein Abwickler sein. „Wir konnten extrem viel erhalten“, sagt er und muss lediglich auf das geschlossene Nordbad, zwei inexistente Sportplätze (Plateau, Oberzetzscha) und ein Minus von zwei Bibliotheksstandorten und einem Jugendclub verweisen. Dennoch beschlich ihn das Gefühl, alles durchboxen zu müssen, was neben den knapperen Finanzen auch an seinem immer angespannteren Verhältnis zu Teilen des Stadtrats, der Verwaltung und politischen Mitstreitern liegt. Weil er weder seine Erfolge noch seine Ehe aufs Spiel setzen wollte, entschied er sich im Herbst 2017, nicht mehr anzutreten.

Weil in diese Entscheidung nur wenige eingeweiht waren, brüskierte Wolf damit die SPD. Ein sicheres Zeichen, wie weit er sich auch von vielen Genossen entfernt hat. Dennoch gehört Wolf noch immer zu den wenigen Politikern im Kreis, die aus dem Stegreif frei und pointiert reden können. Zudem konnte er sich fast immer auf seinen politischen Instinkt verlassen, der neben seinen Nehmerqualitäten, der Liebe zur Heimatstadt sowie seinem Macht- und Gestaltungswillen, der Hauptgrund für 18 OB-Jahre ist. Und vielleicht sagte ihm auch dieser sechste Sinn: Hör’ auf. Weil er insgeheim weiß, dass ihm inzwischen die Kraft fehlt, den Wandel Altenburgs weiter voranzutreiben.

Politischer Instinkt trügt Wolf selten

Oberbürgermeister Michael Wolf zeigt 2003 das Plakat für die Deutschland-Tour der Radrennfahrer, die in Altenburg Station machte. Quelle: Mario Jahn

Sein politisches Gespür ließ den Whiskey-Liebhaber jedenfalls nur zweimal im Stich: Als er sich beim ersten Besuch des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer im Kulturhof Kosma in die erste Reihe setze und bei einer Demonstration des Bürgerforums auf dem Roßplan fünf Euro spendete. Das brachte ihm in der Flüchtlingskrise selbst den Vorwurf des Populismus’ ein. Zu seinem Verhalten in dieser Frage steht Wolf aber bis heute.

Ansonsten merkt der Ex-OB an, dass es manchmal cleverer gewesen wäre, etwas mehr „runterzuschlucken“, anstatt Vorgänge im Landratsamt, in Erfurt oder Berlin lautstark zu kommentieren. Daher hat er sich in puncto Stadtpolitik zumindest selbst einen Schwur abgenommen: raushalten. Im Kreistag möchte sich Wolf aber weiter einbringen. „Ich werde nicht ganz verschwinden“, sagt er und hebt den leicht drohenden Unterton mit einem Lächeln auf. Das gilt auch für einen Teil seiner Vereinsaktivitäten: Kleingärten, Tourismus und Kultur stehen auf der Liste ganz oben.

Als Privatmensch bleibt er aktiv – und unangepasst

So jubelte Michael Wolf nach seinem Wahlsieg 2000. Quelle: Mario Jahn

Pläne für die Zukunft hat Wolf also schon – und dafür auch noch genug Energie und Geld. Zudem wird der Naturliebhaber demnächst noch öfter als sonst mit Hund Tobi beim Gassi-Gehen rund um den Großen Teich zu sehen sein. Auch für seine Frau Daniela, der er künftig verstärkt im Ratskeller helfen möchte, und die übrige Familie bleibt mehr Zeit.

Seine mitunter entwaffnende Schlagfertigkeit und die Vorliebe für markige Sprüche zeigte der 56-Jährige jedoch von Anfang an. „Wo ist der Wolf?“, fragte er auf einem Wahlplakat anno 2000. „Her mit dem Wolf“, stand auf einem anderen. Nun ist er weg, der Wolf. Zumindest von der Spitze der Stadtverwaltung. Der Mensch aber bleibt – unangepasst, wie sein Whatsapp-Status verspricht.

Von Thomas Haegeler