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Altenburg Altenburger Schüler gegen Stalin
Region Altenburg Altenburger Schüler gegen Stalin
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18:08 16.01.2018
Der Nachbau des Störsenders der Altenburger Widerstandsgruppe ist im Zeitgeschichtlichen Forum zu sehen.
Der Nachbau des Störsenders der Altenburger Widerstandsgruppe ist im Zeitgeschichtlichen Forum zu sehen. Quelle: Volkmar Heinz
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Altenburg/Leipzig

Sie riskierten viel, wollten ein erneutes totalitäres Regime in ihrem Land verhindern – und bezahlten die Courage zum Teil mit dem Leben. Etwa ein Dutzend junge Männer zählte die Widerstandsgruppe, die sich im Frühsommer 1949 in Altenburg formiert hatte und Stalinismus und Willkür die Stirn bot. Knapp 70 Jahre später lebt aus dieser Gruppe nur noch einer: Jörn-Ulrich Brödel. Am Donnerstag ab 19 Uhr ist er in Leipzig Podiumsgast einer öffentlichen Diskussionsrunde im Zeitgeschichtlichen Forum.

Ein besonderes Zeitzeugengespräch soll es sein, unter dem Titel „Einige greifen der Geschichte in die Speichen“. Der Abend wird moderiert von Reinhard Bohse und mit Filmausschnitten aus der MDR-Doku „Vier Schüler gegen Stalin“ von 2005 angereichert. „Wir haben nicht nur Jörn-Ulrich Brödel als letzten Überlebenden aus der Altenburger Widerstandsgruppe eingeladen, sondern mit ihm auch seinen ehemaligen Mitschüler und Weggefährten Hartwig Albiro“, sagt Programmkoordinatorin Eike Hemmerling. Der gebürtige Meuselwitzer Albiro war Schauspieldirektor an den Städtischen Theatern Karl-Marx-Stadt/Chemnitz und einer der führenden Köpfe der Friedlichen Revolution im Herbst 1989.

Ergänzt wird die Gesprächsrunde durch den Chemnitzer Arzt und Filmemacher Klaus-Gregor Eichhorn. „Er hat sich mit der Geschichte der Altenburger Gruppe intensiv auseinandergesetzt und ist der Frage nachgegangen, was Widerstand heute bedeutet und wie wir aus der scheinbar so fremden und fernen Vergangenheit lernen können“, schildert Hemmerling.

Das Zeitgeschichtliche Forum in der Leipziger Innenstadt bietet dafür den würdigen Rahmen. Das Haus gibt mit der Dauerausstellung „Teilung und Einheit, Diktatur und Widerstand“ Einblicke in die Geschichte von Diktatur und Widerstand in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Ausstellungsstücke, aber auch historische Ton- und Videoaufzeichnungen dokumentieren die Arbeit des Staatsapparats und der Staatssicherheit oder erinnern an couragierte Menschen in der DDR, die immer wieder unter Einsatz ihres Lebens Widerstand leisteten.

Zu sehen ist dort auch der Nachbau jenes Störsenders, mit dem die Altenburger Widerständler 1949 eine Propagandasendung am Vorabend des 70. Geburtstages Stalins unterbrachen. In Brödels Wohnung in der Lessingstraße hatten die Schüler den selbst gebauten Sender in Betrieb genommen, sendeten ein Störsignal, nannten Stalin übers Mikro einen Massenmörder. Schon zuvor hatten sie Protestaktionen gestartet, unter anderem Flugblätter verteilt. Lange wurde nach ihnen gesucht – im Frühjahr 1950 erfolgt der Zugriff der Stasi. Vier der Jungen werden zum Tode verurteilt, Jörn-Ulrich Brödel sitzt jahrelang in Haft. Die Diskussionsrunde morgen wird diese Ereignisse wieder wachrufen.

Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6, Einlass ab 18.30 Uhr, Eintritt frei

Von Kay Würker