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Altenburg Auf Zeitreise in der „Druckerei zu Altenburg“
Region Altenburg Auf Zeitreise in der „Druckerei zu Altenburg“
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10:08 18.05.2019
Am Setzkasten stand Birgit Landgraf fast zehn Jahre lang täglich acht Stunden. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Mit „Eierkuchen“, „Schusterjungen“ und „Zwiebelfischen“ kennt Birgit Landgraf sich aus – dabei ist die zweifache Mutter weder Köchin noch Schuhmacherin. Doch wer grob zehn Jahre Teil eines „Arschgespanns“ war, dem macht niemand mehr ein X für ein U vor.

1981: Lehre zur Schriftsetzerin

Soviel Kryptisches zu Beginn und doch alltägliche Begrifflichkeiten aus der Welt der 54-Jährigen, in die sie 1981 eintauchte. Mit der Mittleren Reife in der Tasche begann sie als 16-Jährige ihre Ausbildung zur Schriftsetzerin beim damaligen „Druckhaus Maxim Gorki“ – heute besser bekannt als „Druckerei zu Altenburg (DZA)“. „Am liebsten hätte ich studiert, aber das wurde mir verwehrt, weil meiner Eltern nicht in der Partei und noch dazu christlich waren“, erinnert sie sich schulterzuckend.

Stattdessen machte sie ihr Faible für Sprache und ihre Liebe zum Buch zum Beruf und erlernte in zwei Jahren die hohe Kunst des Schriftsetzens. Im Bleiguss. Im Stehen. Per Hand. Acht Stunden jeden Tag. Sie reihte sich ein in das große Heer aus über 50 Handsetzern, die das Druckhaus damals beschäftigte. Dazu zig Mitarbeiter in der Gießerei, Monotype, Linotype, im Druck, in der Buchbinderei bis hin zum Versand.

1990: Vom Bleisatz zum Offsetdruck

„Nicht selten haben wir als Schriftsetzer zwei Jahre an einem Buch gearbeitet. Manche Bände für das Leibniz Archiv liefen sogar drei bis vier Jahre“, erzählt Landgraf und muss selber schmunzeln ob dieser aus heutiger Sicht unfassbar langen Zeitspanne. Für ein einziges Buch.

Mit der Wende zog auch in der Druckerei die große Unsicherheit ein und aus Bleisatz wurde fast über Nacht Offsetdruck. Oder um es farblich auszudrücken: Aus einer Welt in schwarz-weiß wurde plötzlich bunt. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Anders als im Westen hatten wir keine Zeit zum lernen, sondern alles lief nebenbei.“ Allmählich seien sie in das Vierfarbige hineingewachsen.

In den 425 Jahren ihres Bestehens gab es den ein oder anderen Umzug der Druckerei. Die OVZ auf Spurensuche an ehemaligen Standorten.

Neuanfang im Verkauf

Für Birgit Landgraf bedeutete die deutsche Einheit genau wie für die Mehrzahl ihrer Kollegen den beruflichen Neuanfang, denn ihren Job gab es plötzlich nicht mehr. Dafür aber eine Chance, die im wahrsten Sinne ein sehr positive Wende für sie brachte: „Wär der Verkauf nicht was für dich? Du kannst doch gut mit Leuten...“, bildete den Anfang ihres neuen Kapitels, das in den kommenden Jahrzehnten maßgeblich geprägt wurde von einem Mann mit für Altenburger Ohren „komischem“ Deutsch und eigenwilligem Kleidungsstil. „Ich weiß noch genau, wie Simon Tafertshofer hier rein kam mit seinem karierten Jackett und diesem bayerischen Dialekt“ – aber auch jeder Menge Wissen und Erfahrung als gelernter Drucker, der sich nicht selten mit an die Maschine stellte. „Der hatte Ahnung, war aber trotzdem nahbar und auf Augenhöhe mit seinen Mitarbeitern“, so Landgraf.

Während er „Maxim Gorki“ umkrempelte, sah sich Birgit Landgraf anderen Herausforderungen gegenüber. Statt wie selbstverständlich auch mal in eine Maschine zu krabbeln, um ein paar verirrte Buchstaben zu wechseln, stand nun Kundenakquise an. „Zu DDR-Zeiten kamen die Anordnungen von oben. Jetzt mussten wir verkaufen lernen.“

Jedes „Baby“ ist anders

Fast 30 Jahre später berät sie weitaus mehr, als das sie Produkte anpreisen müsste, denn längst hat sich die DZA sehr komfortabel in der Nische der aufwendigen Kunst- und Architekturbücher etabliert – und Birgit Landgraf zur „Hebamme“ werden lassen. „Schön bunt drucken können viele. Aber die Bücher, die bei uns entstehen, sind wie Babys – jedes ist anders und auf seine Art besonders.“

Nicht selten stehen die Künstler selbst mit an den riesigen Maschinen, deren Fietschen und Brummen den Soundtrack dieses Hauses vorgeben. Apropos Haus: Kaum, dass man das mächtige Gebäude in der Gutenbergstraße 1 betritt, heftet sich ein ,Zeitreisegefühl‘ an die Fersen, das einen mitten hinein katapultiert in die 425-jährige Geschichte.

Wo Vergangenheit auf Zukunft trifft

Stockwerk für Stockwerk finden sich überall Relikte aus den verschiedensten Epochen deutscher Druckkunst, abertausende Schritte haben ihre deutlichen Spuren auf den Fußböden hinterlassen. „Stimmt, hier sieht’s noch aus wie 1981 – mindestens!“, gibt auch Birgit Landgraf fröhlich zu. Aber dieser krasse Kontrast zwischen „antiker“ Architektur und hochmoderner Technik sei es, der viele Künstler so fasziniere. „,Die Geschichte lebt!‘, sagen viele. Und sie haben Recht.“

Von der Idee zum fertigen Druckwerk hat die Altenburgerin inzwischen schon unzählige „Babys“ begleitet, viele von ihnen so speziell, dass trotz aller Maschinen immer noch Hand angelegt werden muss. „Wir haben zum Beispiel nach wie vor eine Handbuchbinderei im Haus.“

Ein Aufwand, der sich seit Jahren niederschlägt in zigfachen Auszeichnungen bei der Wahl der schönsten Bücher in Deutschland und der Schweiz mit dem vergangenen als einem der erfolgreichsten Jahre. „Bei uns gedruckte Werke haben 10 von 19 möglichen Preisen in der Schweiz abgeräumt!“, verrät Birgit Landgraf stolz.

2019: Fast 40 Jahre in „ihrer“ Druckerei

Während sie erzählt, strahlen ihre Augen und das Herz liegt auf der Zunge. Nach fast 40 Jahren im Unternehmen hängt die engagierte Frau sehr an „ihrer“ Druckerei und all ihren Anekdoten, die man durchaus auch zu einem sehr kunstvollen Buch binden könnte: „In den 1980ern hatten wir mal Besuch aus der alten Bundesrepublik. Wie die so durch die Setzergassen liefen, sagte doch einer der Besucher zu mir: „Nicht wahr, das machen sie heute nur für uns? Der ist aus allen Wolken gefallen, als ich antwortete: Nee, das machen wir jeden Tag so. Für die Besucher war das eine Zeitreise, denn Bleisatz war dort schon lange überholt.“

All jene, die nun brennend die Auflösung zu eingangs genannten Begrifflichkeiten interessiert, werden beim am heutigen Sonnabend, den 18. Mai beim „Tag der offenen Tür“ von 14 bis 18 Uhr irgendwo in der Druckerei fündig. Fröhliches Stöbern!

Von der „Fürstlich Sächsischen Officin“ zur hochmodernen Kunstbuch-Druckerei

1594: Gründung der „Fürstlich Sächsischen Officin“ durch Herzog Friedrich Wilhelm zu Sachsen. Die Wiege der Druckerei zu Altenburg steht im Schloss Hartenfels bei Torgau.

1604: Umzug der „Fürstlich Sächsischen Officin“ über Weimar nach Altenburg.

1606: „Lotio pedum“, der erste bekannte Druck der „Fürstlich Sächsischen Druckerei zu Altenburg“, erscheint.

1661 – 1664: In der inzwischen verpachteten Hofbuchdruckerei entsteht im Auftrag des Herzogs Friedrich Wilhelm II. (Posthumus) eines der bedeutendsten Werke, die aus der Hofbuchdruckerei hervorgegangen sind, die zehn Folienbände umfassenden „Herrn D. Mart. Lutheri Seel. Gesampte Teutsche Schriften“.

1799 – 1871: Die Hofbuchdruckerei gehört der Familie Pierer, unter deren Namen sie weit über Deutschlands Grenzen bekannt wird. Das hohe Ansehen der Druckerei begründen Johann Friedrich Pierer und dessen Sohn Heinrich August Pierer. Dank der tiefen Freundschaft zum Leipziger Verleger Friedrich Arnold Brockhaus bringt der Druck des Konversationslexikons, später kurz „Brockhaus“, der Altenburger Druckerei reichlich Beschäftigung.

1872: Die Officin geht über in die „Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg“. Im gleichen Jahr entsteht das heute noch genutzte Druckereigebäude in der damaligen Hohen Straße.

1945: Vertrag mit dem „Verlag der sowjetischen Militäradministration“. Die Produktion von über 28 Millionen Büchern für den SWA-Verlag erfolgt als Weltkriegs-Reparationsleistung an die UdSSR.

1950: Ende der „Piererschen Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co.“ als Privatbetrieb.

1952 – 1990: Der VEB „Druckhaus Maxim Gorki“ konzentriert sich auf belletristische Werke der Weltliteratur. Die Altenburger sind eine von fünf wissenschaftlichen Druckereien, die für die Akademie der Wissenschaften in Berlin arbeiten.

1959: Eine moderne Monotype-Anlage kann aus England übernommen werden. Aus der ehemaligen Hofbuchdruckerei wird einer der modernsten und leistungsfähigsten Druckereibetriebe der DDR.

1990 – 1993: Umstellung von Bleisatz auf Fotosatz – von Buchdruck auf Offsetdruck.

1993: Simon Tafertshofer wird Inhaber. Unter dem neuen alten Namen „Druckerei zu Altenburg GmbH“ entsteht eine neue Philosophie: Die komplette Herstellung von Produkten wie Kunstbüchern in höchster Qualität – alles unter einem Dach.

1994: Statt großer Feier erscheint das Werk „400 Jahre Geschichte der Druckerei zu Altenburg“ von Dr. Günter Hauthal.

2017: Peer-Philipp Keller wird Teil der Geschäftsleitung. Damit bleibt das Unternehmen in Familienhand.

17. Mai 2019: Mit einem Festakt im Marstall begeht das „Druckhaus zu Altenburg“ sein 425. Jubiläum.

18. Mai 2019: DZA-Feier Teil zwei mit einem „Tag der offenen Tür“ für alle.

Von Maike Steuer

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