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Altenburg Ein Assistenzhund für Emilia
Region Altenburg Ein Assistenzhund für Emilia
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14:14 13.04.2019
Wünschen sich tierische Unterstützung in ihrem Leben: Anna Koslowski und Tochter Emilia. Quelle: Maike Steuer
Altenburg

Wenn Emilia ihre Mama Anne Koslowski anlacht, ist für einen Moment die Welt in Ordnung. Dann treten die Sorgen, die jeden Tag das Leben des Duos bestimmen, kurz in den Hintergrund. „Mama, da!“, sagt Emilia und deutet auf den kleinen Sandkuchen, den sie gerade mit einem Förmchen fabriziert hat. Sie ist groß für ihr Alter, ein aufgewecktes Mädchen mit strahlend blauen Augen und unbändiger Energie, das im September schon drei Kerzen auf der Geburtstagstorte auspusten kann.

Auf dem Stand einer Einjährigen

Welchen Kuchen sie am liebsten isst, über welche Geschenke sich ihre Tochter wohl am meisten freuen würde, muss die Mama raten. Denn der Wortschatz ihres Wirbelwinds begrenzt sich auf etwa fünf Begriffe. „Bei Emilia wurde eine tiefgreifende Entwicklungsstörung diagnostiziert. Aktuell ist sie ungefähr auf dem Stand eines zwölf Monate alten Kleinkindes“, erklärt Anne Koslowski.

Wäre es einfach nur dieses „langsamer“, das das Tempo ihres Alltags vorgäbe, die 25-Jährige könnte bestens damit leben. Nicht jedoch mit dem Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen, auf einem Pulverfass zu hocken, welches auch mal mitten in der Nacht hochgehen kann. „An durchschlafen ist nicht zu denken. Wobei sie heute immerhin erst um sechs Uhr aufgewacht ist. Ein guter Tag...“

Emilia rennt weg. Ständig.

Sie hat den Satz noch nicht ganz vollendet, da rennt ihre Kleine plötzlich los. Raus aus dem Sandkasten, quer über die Wiese Richtung Straße. Noch so eine Emilia-typische Eigenheit, weshalb Mama konstant auf dem Sprung sein muss.

Dabei entwickelte sich ihr Mädchen zuerst ganz normal, konnte sogar schon relativ früh mit zehn Monaten laufen. Doch mit anderthalb Jahren passierte plötzlich nichts mehr. Während Emilias fast gleichalte Cousine immer mehr Wörter lernte, ein Krippenkind wurde und die Windel irgendwann nicht mehr brauchte, schien irgendjemand bei Emilia den Pausenknopf gedrückt zu haben.

„Ich bin mit ihr zum Ohrenarzt, weil ich zuerst dachte, sie hört mich vielleicht nicht richtig“, erinnert sich die Mama. Doch ihr Gehör war intakt, ihr Stoffwechsel hingegen nicht, wie Ärzte viele Untersuchungen später eingrenzen konnten. „Stoffwechselerkrankung mit autistischen Zügen“ lautete die vorläufige Diagnose – welche genau, kann (noch) niemand sagen. Ein Zustand, der Anne Koslowski sehr belastet. „Ich möchte endlich wissen,was genau sie hat. Diese Unsicherheit macht mich fertig“ – und die ständige und alleinige Verantwortung für ihr Mädchen.

Keinen Moment Pause

Der Kindsvater brach den Kontakt ab, weil er kein „besonderes“ Kind wollte. Die Oma wohnt zwar mit den Beiden zusammen in Altenburg-Südost – und kann doch nur bedingt helfen, weil Emilia sich weigert, von ihr allein gehütet zu werden. „Aber immerhin komme ich zum essen und duschen, weil meine Mutter so lange aufpasst.“

Auf der Suche nach einem Ausweg, einer Chance auf ein bisschen Normalität und ja, auch ein Stück Raum für sich, las die zierliche Frau auf Facebook von Kati Zimmermann und ihrer „Akademie für Assistenzhunde“, wo tierische Begleiter für Menschen mit ganz unterschiedlichen körperlichen und psychischen Einschränkungen ausgebildet werden – auch für Autisten. „Je mehr ich darüber recherchierte, desto mehr wünschte ich mir so einen Hund für Emilia“, erzählt sie. Denn während ihr kleine wie große Menschen so viel Angst machen, dass sie irgendwann ausrastet, weil ihr alles zu viel wird, haben Tiere die umkehrte Wirkung. „Letzten Oktober haben wir vier Wochen auf den Hund eines Nachbarn aufgepasst. Da ist sie freiwillig mit vor die Tür zum Gassi gehen und auch mal allein bei Oma geblieben. Wegen dem Hund“, ist Anne überzeugt.

30 000 Euro werden gebraucht

Würde es da nicht reichen, einen Vierbeiner mit sanftem Wesen und liebem Charakter ein Zuhause zu geben, der Emilia ein treuer Begleiter sein kann und viel weniger als 30 000 Euro benötigen würde, die ein ausgebildeter Assistenzhund kostet? „Auf gar keinen Fall!“, betont Trainerin Kati Zimmermann. „Ein normaler Familienhund könnte diesen Job nicht übernehmen, weil er gar nicht wüsste, was er zu tun hat.“

Meint konkret: Ihm fehlen die 256 Stunden Ausbildung, in denen er auf seine spätere Aufgabe detailliert vorbereitet wird und die ihn – nach erfolgreicher Prüfung – aus Sicht der Krankenkasse zum „anerkannten Hilfsmittel“ machen. Wobei: „Übernommen werden die Kosten bislang nur für Blindenhunde“, bedauert die Expertin. Dabei sei so ein Hund für Kinder wie Emilia oft wie ein Brückenbauer, ein Mittler zwischen den Welten. Bester Kumpel und Beschützer in einem.

Deshalb versucht Anne Koslowski nun alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, um das Geld für Emilias Hund irgendwie zusammen zu bekommen. „Ich habe bereits verschiedene Stiftungen angeschrieben, stehe mit dem Altenburger Lions Club in Verbindung und bin für jeden Euro dankbar, der uns ein Stück näher zum Ziel bringt.“

Einfach mal Eis essen gehen

Ihr ganzen Hoffnungen für eine entspanntere Zukunft hängen an diesem Hund. Auf lange Sicht würde die Alleinerziehende liebend gern ihr eigenes Leben wieder vom Abstellgleis runter holen, eine Ausbildung im sozialen Bereich beenden, arbeiten gehen, Dinge mit ihrer Tochter erleben, die für anderen Familien selbstverständlich sind. Und sei es nur ein simples Eis essen gehen – ohne Geschrei, aber mit Hund.

Falls Sie die kleine Familie unterstützen möchten, können Sie per E-Mail an anne-koslowski@web.de mit Anne Koslowski direkt Kontakt aufnehmen.

Von Maike Steuer

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