Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Altenburg Ein Licht im Advent: Computer sind sein Leben
Region Altenburg Ein Licht im Advent: Computer sind sein Leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:31 04.12.2018
Rainer Stötter ist Computerexperte und wird die neuen Arbeitsplätze mit betreuen. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Wenn Rainer Stötter erzählt, haben die Worte Zeit, sich zu entfalten. Bedächtig formuliert er seine Sätze, überlegt, macht Pausen, findet die passenden Worte.

Er ist jetzt 54, seit 18 Jahren Einwohner Altenburgs, aber längst nicht so lange hier zu Hause, gefühlt. Denn das mit dem Ankommen, sich in der neuen Heimat wohlfühlen, ist bei ihm so eine Sache.

„Ich war immer etwas anders als andere, sehr zurück gezogen, wenig kommunikativ“, erinnert er sich und nippt an seinem Kaffee. Das sei schon von klein auf so gewesen. Warum? Darauf bekam er erst Jahrzehnte später eine Antwort.

Computer „verstehen“ ihn

Den Computern war sein Charakter egal und die Sprache(n), die sie verstanden, für Rainer Stötter herrlich logisch.

„Als Programmierer kann man alle bis in ihre Einzelteile zerlegen und jede funktioniert nach einem bestimmten System“, erzählt er.

So trat das Medizinstudium, welches er nach dem Abitur begann, schnell in den Hintergrund und machte Platz für seine große Passion.

So können Sie spenden

Sie möchten ein oder mehrere Projekte der LVZ-Aktion „Ein Licht im Advent“ unterstützen? Hier erfahren Sie, wie Sie spenden können.

Er betrieb nebenbei einen kleinen EDV-Laden, verwaltete Netzwerke, programmierte, ließ sich als eben solcher anstellen, nur um irgendwann die Abteilung für Forschung und Entwicklung eines großen Unternehmens zu leiten.

Je mehr Arbeit sich auf seinem Schreibtisch türmte, desto besser: „Zu dieser Zeit habe ich eigentlich 24 Stunden sieben Tage die Woche gearbeitet.“

Was wie Selbstausbeuterei klingt, war für ihn vielmehr Selbstschutz, denn sein Alltag ließ keinen Raum, „um mich mit den Dingen zu beschäftigen, die mich eigentlich quälen.“

Immer schon ein bisschen anders

Das Problem mit dem Schlafen zum Beispiel oder eben dieses unbestimmte Gefühl, irgendwie anders als andere Menschen zu ticken. Ein Eigenbrötler, dem es gleichzeitig große Freude bereitet, anderen Menschen zu helfen.

Widersprüche wie diese, harte Brüche in seinem Leben gleich einem Schalter am Computer, den man einfach umlegt, ziehen sich durch Rainer Stötters Biografie.

Im Jahr 2000 zieht es ihn und seine damalige Freundin nach Altenburg. Eher zufällig, „weil ich die Stadt von zwei Besuchen kannte und die Wohnung in der Nähe vom Schloss schön war.“

18 Flaschen Bier am Tag

Der Umzug markierte den Beginn einer „trostlosen Zeit“ mit „mehreren seelischen Erschütterungen“, die ihn nachhaltig veränderten.

Während seine Freundin 2003 zurück in die bayerische Heimat ging, hatte Bier bereits einen wichtigen Platz in seinem Leben eingenommen und drängte mit zunehmender Flaschenanzahl immer mehr in den Mittelpunkt. „Der Konsum wollte organisiert werden und ein soziales Umfeld, das sich daran hätte stören können, hatte ich hier nicht“, erzählt er ganz sachlich.

Erst als 18 Flaschen nicht mehr den gewünschten Effekt hatten, aber noch mehr Bier trinken allein schon wegen der Menge an Flüssigkeit nicht ging, Spirituosen für ihn aber keine Option waren, suchte er im Jahr 2006 seine Ärztin auf – wegen seiner Schlafprobleme.

„Die hat mir einen Vogel gezeigt, weil ich sie um stärkere Schlafmittel gebeten habe.“ Nichts, was Mediziner verschreiben, wenn man drei Jahre zuvor einen Suizidversuch unternommen hat.

Diagnose: Schizophrenie

Auf Anraten der hinzugezogenen Psychiaterin lässt er sich zum Entzug in die psychiatrische Klinik einweisen, trinkt von jetzt auf gleich keinen Tropfen mehr und ist am Tiefpunkt seines Lebens angekommen. Nicht, weil ihm der Alkohol fehlte, sondern das „Warum?“ eine Antwort hatte: Schizophrenie.

„Diese Diagnose tat richtig weh, denn plötzlich hatte ich alles verloren, worauf ich stolz war und woraus mein Leben bis zu dem Zeitpunkt bestand.“

Er habe dieses weit verbreitete Stigma des „Wahnsinns“ völlig auf sich übertragen, sich selbst als wertlos aber auch als gefährlich für Andere eingestuft. „Ich dachte, ich bin selbst Schuld an meiner Erkrankung. Mein Selbstwertgefühl ging gegen Null. Ich habe resigniert, war unsicher und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.“

„Fast bewegungsunfähig“ über Jahre

Gleichzeitig half ihm das neu gewonnene Wissen um seine psychische Erkrankung, die sich bis in die Kindheit zurückverfolgen lässt, manche Vorwürfe aus seinem näheren Umfeld neu zu bewerten: „Ich wurde oft als ,faul’ hingestellt und ja, ich beziehe Grundsicherung, denn kein Arbeitgeber geht mehr das Risiko ein und stellt mich an.“

Gerade in der EDV-Branche gäbe es harte Deadlines und Verträge müssten erfüllt werden, komme was wolle. Eine Garantie, die Stötter jedoch nicht geben kann, weil schwere Depressionen ihn hinterrücks überfallen und ihn immer wieder über Wochen, Monate oder gar Jahre „fast bewegungsunfähig“ machen – dominierendes Symptom seiner Form der Schizophrenie.

„Die Depression ist immer verbunden mit suizidalen Gedanken, aber ich habe gelernt, damit umzugehen, sie ,nebenbei’ ablaufen zu lassen, ohne ihnen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.“

Lichtblick am Horizont

Dass er inzwischen so offen über sein Leben mit der Krankheit reden kann, sich in zahlreichen Verbänden und Selbsthilfevereinen intensiv engagiert, ja sogar mit „Einblicke e.V.“ selbst eine „echte“ Selbsthilfegruppe von Betroffenen für Betroffene gegründet hat und vor allem in einer eigenen Wohnung ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen kann, wurzelt stark in der Carl-von-Ossietzky-Str. 19, dem Begegnungstreff und Hauptsitz der Horizonte gGmbH.

„Als ich damals aus der Klinik kam, kam ich im ,Marianne-Bucky-Haus’ unter, denn ich hätte nicht allein wohnen können.“

Drei Jahre lebte er im sozial-therapeutischen Wohnprojekt der Horizonte – in regem Kontakt mit deren therapeutischem Leiter Reinhard Strecker.

„Herr Strecker hat mir Mut gemacht und die Hoffnung für mich getragen, als ich selbst keine hatte“, sagt er in seiner ruhigen, überlegten Art. Und doch spürt man, wie viel ihm diese Unterstützung bedeutet.

Ehrenamtlich gegen das große Schweigen

Inzwischen hilft er ehrenamtlich anderen, ist hier seit vielen Jahren Klientenfürsprecher – und bald auch einer von zwei Ansprechpartnern für die neuen Computerarbeitsplätze.

Dass „Ein Licht im Advent“ deren Installation ermöglichen möchte, sieht er als große Bereicherung für das Haus: „Für die Menschen, die herkommen, ist dies ein Zufluchtsort, ein Asyl. Die Meisten haben zu Hause kein Internet, die begnügen sich mit fernsehen.“

Umso schöner sei es, dass sie bald mal was ausdrucken könnten, mailen, nach bestimmten Informationen suchen, mit der Außenwelt kommunizieren könnten. „Dabei möchte ich sie unterstützen.“

Die nötige Kraft dafür ist seit Februar 2018 zurück, als nach einer jahrelangen, depressiven Phase die „positiven Gedanken plötzlich wieder da“ waren. Wie lange sie bleiben, weiß Rainer Stötter nie.

Wohl aber, dass er diese „gute“ Zeit bestmöglich ausschöpfen wird – immer mit dem Ziel: „Öffentlichkeit für Menschen mit seelischen Handicaps zu schaffen, Vorurteile abzubauen und Menschen dazu zu bewegen, über diese Themen zu reden“.

Von Maike Steuer

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Oberbürgermeister André Neumann (CDU) hat Altenburgs City-Managerin Katharina Schenk gegen Kritik aus dem Stadtrat verteidigt. Der Rathauschef startete am Donnerstagabend einen regelrechten Werbeblock für Katharina Schenk, deren Arbeit von Volksvertretern zum Teil scharf angegriffen wurde.

30.11.2018

Der Tourismusverband Altenburger Land hat sich neu konstituiert. Auf einer Versammlung in dieser Woche wurde Altenburgs Ex-Oberbürgermeister Michael Wolf erneut zum 1. Vorstandsvorsitzenden gewählt. Seine Stellvertreter sind Oberbürgermeister André Neumann und Landrat Uwe Melzer (beide CDU).

30.11.2018

Die Kartellbehörde prüft derzeit den Verkauf der Altenburger Käserei an einen französischen Konzern. Das Unternehmen Eurial – einer der größten Milchverarbeiter in Frankreich und Tochter der Agrial Genossenschafts-Gruppe – möchte das Familienunternehmen „Rotkäppchen Peter Jülich“ übernehmen.

30.11.2018