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Altenburg Elke Hörügel gibt Chefinnen-Posten beim Weißen Ring Altenburg ab
Region Altenburg Elke Hörügel gibt Chefinnen-Posten beim Weißen Ring Altenburg ab
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15:38 03.02.2019
Elke Hörügel gibt nach 15 Jahren die Leitung des Weißen Rings Altenburger Land ab.
Papiermühle

Das neue Jahr hat gerade erst begonnen, doch von nachweihnachtlicher Ruhe und gediegenem Leerlauf ist zu Hause bei Elke Hörügel in Papiermühle nichts zu spüren. Das Telefon klingelt, der Papierkram türmt sich auf dem Schreibtisch. Sollte sie es sich doch anders überlegt haben und vom eigenen Rücktritt als Außenstellenleiterin des Weißen Rings Altenburg Land zurückgetreten sein?

Gerade als sie zu einer ersten Erklärung ansetzt, fällt plötzlich der Strom aus und vorm Fenster fängt ein Schneesturm an zu toben. Nichts, was die 72-Jährige aus der Ruhe bringt. Bei Kerzenschein quatscht es sich eh gemütlicher. „Fünf neue Fälle!“, sagt sie und deutet auf die Notizen und eng beschriebenen Blätter vor sich. Alles passiert in den letzten Tagen des alten Jahres und genug Anlass, um sich ans Telefon zu klemmen und nachzuhaken – eigentlich.

15 Jahre Ehrenamt in Vollzeit

Wäre da nicht ihr Entschluss, nach 15 Jahren an vorderster Front den Staffelstab weitergeben zu wollen und sich zurückzuziehen. Doch „einfach so gehen“ geht auch nicht. Elke Hörügel möchte loslassen, sich lösen von einem Ehrenamt, das es an Intensität und Umfang locker mit einem Vollzeitjob aufnimmt. Bloß kann man es nicht wie einen alten Pullover abstreifen, sondern muss es langsam abtragen, Schicht für Schicht.

„Ich dachte, die Welt wäre in Ordnung!“

Niemals hätte sie für möglich gehalten, dass sich diese Aufgabe einen derart raumgreifenden Platz in ihrem Leben erobert. Denn als sie 2003 loslegte, gehörte sie noch zu den „Heile-Welt-Anhängern“: „Was soll denn hier in Altenburg passieren? Ich dachte wirklich, die Welt wäre in Ordnung“, erzählt sie schmunzelnd von ihren naiven Anfängen.

Es sollte nicht lange dauern und der erste von mittlerweile an die 1000 Fälle landete auf ihrem Tisch: sexueller Missbrauch einer Jugendlichen. Hier. Direkt vor der Haustür. „Ich war total überfordert, denn bis dahin hielt ich sowas in unserer Gegend für unmöglich.“

Das Gesicht des Weißen Rings

Sie begann sich zu kümmern – um „ihre“ ersten Opfer von Kriminalität und darum, das Gesicht des „Weißen Rings“ im Altenburger Land zu werden. So ist sie gestrickt, diese quirlige Frau mit den blitzenden Augen, wortgewandt und charmant im Einsatz für die gute Sache. „Ich bin damals überall hingerannt und hab mich vorgestellt“, erinnert sie sich und schiebt schulterzuckend nach: „Jeder musste doch wissen, dass es uns gibt.“

So gesehen ist das stetige Telefonklingeln, der Wunsch Betroffener, mit ihr zu reden, ein ständiges Kompliment – und eine große Verantwortung.

Nicht jeder Fall hat ein Happy End

Ein ganzer Schrank voll Aktenordner ist stiller Zeuge ihrer langjährigen Tätigkeit. Jeder steht für eine traurige Geschichte, die mit Hilfe von Elke Hörügel und ihren inzwischen zehn Mitarbeitern wieder grader gebogen werden sollte. Denn ein Happy End, das weiß sie, wird es gerade bei betroffenen Kindern und Jugendlichen nur selten geben. „Wir sind für die Opfer da. Wir begleiten, glauben ihnen, schauen, wo wir unterstützen können und zeigen einen möglichen Weg auf, der oft den Gang zum Anwalt oder Psychologen beinhaltet.“ Manche Menschen bräuchten „nur“ ein paar Monate Begleitung. Das Schicksal anderer beschäftigte sie über Jahre. „Wenn junge Menschen betroffen sind, klappt’s selten. Das mit dem neuen Weg...“

Eine Tatsache, die sie akzeptieren lernen musste – und dieses Gefühl der Ungerechtigkeit und Ohnmacht auszuhalten, wenn am Ende eines Prozesses für ein abscheuliches Sexualverbrechen an Minderjährigen der Täter mit einer Bewährungsstrafe davon kam: „So manches Mal hätte ich heulen können. Lass es nicht zu nah an dich ran, funktioniert da nicht.“

Ausgezeichnet und nimmer müde

Ihr größter Rückhalt und Verbündeter lebt seit über fünf Jahrzehnten mit ihr unter einem Dach: ihr Mann Willi. „Meine Familie stand immer hinter mir. Mein Mann hat mich so gut es ging bei meinem Ehrenamt als auch zu Hause unterstützt“, ist sie sich bewusst. „Auch wegen ihm zieh ich diesen Schlussstrich.“ Sie lächelt, er lächelt, verlässt den Raum, um ihr ein Glas Wasser zu holen, sogleich sie flüstert: „Ich kann mir aber durchaus noch was anderes vorstellen, denn bloß zwei Mal die Woche Fitness und fertig, das bin nicht ich. Ich hoffe, mein Mann hört das jetzt nicht.“

Für ihren unermüdlichen Einsatz, Aktionen wie am 22. März als „Tag der Kriminalitätsopfer“ und das stetige Trommeln und Sammeln von Geldern für den rein aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanzierten Verein, ist Elke Hörügel mehrfach ausgezeichnet worden. 2016 folgte sie gar der Einladung des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck zum Neujahrsempfang in Berlin. „Aber ohne meine Mitarbeiter, dieses tolle Team, das wir sind, hätten wir es nie so weit gebracht. Dafür bin ich sehr dankbar!“ Apropos Team: „Neue Gesichter sind jederzeit herzlich willkommen!“

„Niemand wollte in meine Fußstapfen treten“

Nicht minder beeindruckend ist das Erbe, das sie hinterlässt: „Aus meinen eigenen Reihen wollte es keiner machen, weil die wissen, wie viel Arbeit das ist und immer mehr wird. Im Gegenteil: Als klar war, dass ich gehe, wollten einige mit mir aufhören“, schüttelt sie lachend den Kopf. Sie könne es verstehen, dass keiner in ihre Fußstapfen treten wolle. „Muss er aber auch gar nicht, denn jeder ist anders!

Nach dem „Nachfolger-Aufruf“ in der OVZ hätten sich drei Frauen beworben, zwei davon mit dem Zeug zur Außenstellenleiterin, so ihre Einschätzung. „Aber bis die soweit sind, alle notwendigen Seminare und Schulungen absolviert haben, vergeht eine ganze Weile. Ideal wäre es, wenn sich beide reinteilen und eine Stellvertreterin wird.“

Verabschiedung am 12. März

Bis 12. März hat die Realität noch Zeit, sie einzuholen. Dann wird Elke Hörügel im Landratsamt von Landrat Uwe Melzer offiziell verabschiedet.

Wer sie kennt, weiß: Bis zum nächsten Wiedersehen an anderer Stelle in neuer Funktion wird es nicht lange dauern. Bis dahin schippert Elke Hörügel im Frühjahr erstmal mit ihrem Mann auf einem Kreuzfahrtschiff durch warme Gefilde. Und zwar länger als zehn Tag am Stück – mehr war seit 2003 nie möglich.

Von Maike Steuer

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