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Altenburg Erste Anlaufstelle für hochbegabte Kinder in Thüringen
Region Altenburg Erste Anlaufstelle für hochbegabte Kinder in Thüringen
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15:13 02.03.2019
Caroline Berlin-Thonfeld, Anja Kühn und Nancy Rehdorf (v.l.) planen die erste Anlaufstelle für Hochbegabte in Thüringen. Quelle: Lisa Gerth
Altenburg

„Hochbegabte Kinder sind in jedem Bereich hochbegabt, können alles, und schreiben in der Schule nur Einsen“ oder „Hochbegabte brauchen in der Schule keine Extraförderung, die können doch eh schon alles.“ Das sind zwei von unzähligen Vorurteilen, mit denen sich hochbegabte Kinder und deren Eltern auseinandersetzen müssen. Hochbegabung ist ein schwieriges gesellschaftliches Thema. Es geht oft mit Neid oder Missgunst einher. Akzeptanz und Wissen darüber fehlen. Die Betroffenen gelten als sozial inkompetent oder arrogant. Dabei sind Hochbegabte nicht unbedingt schlauer – sie denken anders, meist schneller und tiefgründiger.

Mütter von hochbegabten Kindern

Um auf Hochbegabung aufmerksam zu machen, haben sich Anja Kühn, Nancy Rehdorf und Caroline Berlin-Thonfeld zusammengeschlossen. Die drei Frauen aus dem Altenburger Land sind Mütter von hochbegabten Kindern und so direkt mit dem Thema konfrontiert. „Das Ganze begann für uns mit Problemen unserer Kinder im Kindergarten und in der Schule. Sie waren oft gereizt und hatten Wutausbrüche. Wenn Langeweile aufkam, machten sie Störgeräusche oder beschäftigten sich mit anderen Dingen“, sagt Anja Kühn. „Wir als Eltern waren mit der ganzen Situation überfordert und konnten uns das Verhalten unserer Kinder nicht erklären, da Zuhause deutlich weniger Auffälligkeiten da waren“, ergänzt Nancy Rehdorf.

Ratlosigkeit bei Lehrern und Erziehern

In den Bildungseinrichtungen wurden die Kinder auf ihr Verhalten reduziert und als Problem angesehen. „Das normale Schulsystem ist nicht geeignet. Die Erzieher sind ratlos und von den Lehrern wird das Thema unterschätzt. Was auch daran liegt, dass die Klassen zu groß sind und so eine individuelle Förderung nicht möglich ist“, so Nancy Rehdorf weiter. Seit 2019 wird Hochbegabung in der Ausbildung von Erzieherinnen überhaupt angesprochen.

Keine Beratungsstelle in ganz Thüringen

Erst als eine Mitarbeiterin des Jugendamtes zu Rat gezogen wurde, konnte den Familien geholfen werden. Sie vermutete Hochbegabung und schlug einen IQ-Test vor, den dann eine Psychologin durchführte. Ein überdurchschnittlich hoher IQ von über 130 der Kinder war das Ergebnis. „Das war eine Erleichterung. Wir hatten nicht mehr das Gefühl, als Eltern versagt zu haben oder dass unsere Kinder aus dem Raster fallen“, sagt Anja Kühn. Dann ergab sich jedoch das nächste Problem. In ganz Thüringen gibt es keine Beratungsstelle. „Wir waren auf uns allein gestellt und mussten erst mal herausfinden, was Hochbegabung eigentlich bedeutet“, so Anja Kühn weiter.

60 Besucher bei der ersten Infoveranstaltung

Alles Wissen, was sie jetzt haben, haben sie sich über Bücher, Webinare oder Austausch in sozialen Netzwerken selbst angeeignet. „Wir haben uns dann entschlossen, selbst aktiv zu werden und eine Anlaufstelle für Kinder, Eltern, Lehrer und Erzieher im Altenburger Land ins Leben zu rufen“, sagt Anja Kühn. Der erste Schritt dazu war eine Informationsveranstaltung im Oktober, zu der mehr als 60 Besucher kamen. „Mit so einem Zuspruch haben wir nicht gerechnet, doch das hat uns bestärkt, unsere Arbeit fortzuführen“, sagt Nancy Rehdorf.

Geplant sei eine Sprechstunde, bei der sich alle Interessierten beraten lassen können und Kontakte vermittelt werden. Außerdem soll es Elternstammtische, Spielgruppen für die Kinder, Familienberatung und Informationsveranstaltungen mit der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) geben. „Die DGhK unterstützt uns mit Referenten für weitere Info-Abende, Flyern und Erstberatungsschulungen“, sagt Caroline Berlin-Thonfeld. Die Kontakte der Mütter reichen bereits jetzt über das Altenburger Land hinaus. Eltern aus Erfurt meldeten sich, um Hilfe zu bekommen.

Hochbegabung hat viele Gesichter

Die Anzeichen für eine Hochbegabung sind unterschiedlich und können sich bei jedem Kind anders äußern. Frühes Sprechen, wenig Schlafbedürfnis, Wissensdurst, starkes Erinnerungsvermögen, aber auch Ungeduld, Bewegungsdrang oder eine geringe Frustrationstoleranz gehören dazu. Hochbegabung wird oft mit ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) verwechselt.

Um den Kindern den Alltag zu erleichtern, gehen Anja Kühn, Nancy Rehdorf und Caroline Berlin-Thonfeld mit ihnen in Therapiegruppen, ins Kinderkolleg des Mauritianums oder unternehmen Ausflüge in die Natur. „Es ist wichtig, dass die Kinder geistig gefordert werden, damit sie ausgeglichen sind. Sie müssen aber auch lernen, Kompromisse einzugehen und sich an die Regeln in Kindergarten oder Schule halten“, sagt Caroline Berlin-Thonfeld. Eine vorzeitige Einschulung kann sinnvoll sein. „Das sollte für jedes Kind individuell entschieden werden, denn nicht immer sind Hochbegabte Genies“, sagt Anja Kühn.

Ein glückliches Leben als Ziel

„Unser größtes Anliegen ist es, Schulen und Kindergärten für Hochbegabung zu sensibilisieren und Ansprechpartner für Betroffene zu sein. Außerdem wollen wir mit Klischee-Vorstellungen aufräumen“, so Anja Kühn weiter. Die Damen sind sich einig. „Wir wollen nicht, dass unsere Kinder Professoren werden. Sie sollen ein glückliches Leben führen und mit ihrer Begabung gut umgehen können.“

Die Beratungsstelle ist per Mail unter HB-altenburgerland@web.de zu erreichen.

Von Lisa Gerth

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