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Altenburg Ex-Vertriebenen-Kreischef Artur Netz feiert am Samstag 90. Geburtstag
Region Altenburg Ex-Vertriebenen-Kreischef Artur Netz feiert am Samstag 90. Geburtstag
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12:08 15.06.2019
Artur Netz hat viel für die Vertriebenen im Altenburger Land erreicht. Nun wird er 90. Quelle: Mario Jahn
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Sein Alter sieht man Artur Netz nicht wirklich an: Adrett gekleidet, mit akkurat gekämmtem Haar und zwar langsamem, aber festem Schritt, erscheint der Senior zum Gesprächstermin mit der OVZ. Dass er am Sonnabend tatsächlich 90 Jahre alt wird, wird erst klar, als die Sprache darauf kommt.

Geboren in einem Land, das nicht mehr existiert

Dabei, gibt Netz darauf angesprochen freimütig zu, sei es für ihn nie ausgemacht gewesen, überhaupt einmal dieses Alter zu erreichen. „Bei den Strapazen, die ich mitgemacht habe, ist das keine Selbstverständlichkeit“, sagt er, und sein Blick wird ernst. Eine Aussage, die nicht erstaunt, wenn man Netz’ Leben eingehender betrachtet – in dem er mehr erlebt hat als so manch anderer in der doppelten Zeitspanne.

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Geboren wurde Artur Netz 1929 in Neu-Elft in Bessarabien. Das Land, in dem Netz seine Kindheit verbrachte, die Schule besuchte und an das er sich noch immer gut erinnert, existiert nicht mehr. „Der südliche Teil gehört heute zur Ukraine, das nördliche Gebiet zum selbstständigen Staat Moldawien“, erklärt er. Wie für viele andere Menschen, wurde Artur Netz’ Leben im Zuge des Zweiten Weltkriegs auf den Kopf gestellt. „Der Befehl zur Umsiedlung kam 1940“, erinnert er sich. Es war der Beginn eines langen Weges, der ihn von Neu-Elft aus über Oberbayern zunächst nach Polen führte. „Dort wurde ich 1944 mit gerade einmal 15 Jahren zwangseinberufen“, berichtet Netz.

Perfide Methoden kurz vor Kriegsende

Die Hoffnung, dass der Krieg an ihm vorbeiziehen könnte, erfüllte sich nicht. „Am 10. Januar 1945, wir waren inzwischen in Celle angekommen, wurden wir kurzfristig an Panzerfaust und Maschinengewehr verpflichtet. Wir sollten englische Panzer abwehren.“ Noch heute erinnert er sich an die perfiden Methoden der Offiziere, die in den letzten Monaten des Dritten Reichs mit allen Mitteln die unaufhaltsame Niederlage abwenden wollten. „Uns wurde eingetrichtert, dass unsere Eltern von Panzern überrollt worden seien, so erzeugte man in uns eine unglaubliche Wut.“

Der aussichtslose Einsatz blieb letztlich folgenlos: Weil eine nötige Waffen- und Munitionslieferung ausblieb, wurde das Vorhaben abgebrochen. Netz landete mit einer auf dem langen Marsch nach Westen zugezogenen Beinverletzung im Lazarett. Seine Mutter traf er erst Monate später im sachsen-anhaltischen Seegrehna wieder, sein Vater kehrte erst 1946 aus der Gefangenschaft heim.

Sehnsucht nach Frieden und Selbstverwirklichung

All diese Erfahrungen, betont Artur Netz, hätten ihn fürs Leben geprägt. „Einerseits formen solche Erlebnisse den Menschen zu Hass, nähren Vergeltungswünsche. Andererseits ist da aber auch eine tiefe Liebe zu den Menschen, eine Sehnsucht nach einem friedlichen Leben“, versucht er, die Entwicklung in Worte zu fassen. Und sie weckten den Drang, es im Leben zu etwas zu bringen.

Ein Ziel, das er stets „mit Fleiß und Einsatz“ verfolgte, wie er sagt. Nach ersten Tätigkeiten in der Landwirtschaft, als Kutscher für die Rote Armee und im Braunkohlewerk in Bergwitz bei Wittenberg bot sich ihm die Gelegenheit, die verpasste Schulbildung aufzuholen. Zwei Jahren Abendkurse am Wittenberger Gymnasium folgte die Delegierung zum Studium an die Bergingenieurschule in Senftenberg, die er als Diplom-Ingenieur verließ.

1965 war Artur Netz im Arbeitsleben angekommen – und konnte sich seinen ersten Trabi leisten. Quelle: Mario Jahn

Schicksalsträchtige Nacht

Weitere Stationen, etwa im Braunkohlewerk Ammendorf und im Tagebau Lochau, folgten, bevor es ihn 1965 als Tagebauleiter in den Großtagebau Goitzsche bei Bitterfeld verschlug. „Meine Aufgabe war es dort, ein festes Kollektiv zu schmieden, einen Musterbetrieb zu entwickeln.“ Das Vorhaben gelang und wurde mit dem Nationalpreis für Technik ausgezeichnet – der Weg nach oben stand für Artur Netz noch weiter offen. Sein nächster Arbeitsort sollte sich jedoch als Schicksalsstätte erweisen.

„1975 wurde ich mit Produktionsbefehl des Ministeriums ins Braunkohlenkombinat Regis versetzt“, beschreibt Netz die Situation. Die ersten Jahre verliefen gut – bis ihn am Silvesterabend 1982 ein Anruf aus dem Kombinat erreichte. „Die Anlage stand lichterlohin Flammen, ich habe den Anruf zuerst gar nicht für voll genommen.“ Die Nachricht erwies sich als wahr, insgesamt wurden in dem Feuer 22 Millionen Mark vernichtet.

Verhöre bei der Kripo

Doch es war nicht der materielle Schaden, der Artur Netz noch heute schmerzt, sondern der Umgang der Obrigkeit mit dem Vorfall. „Eine Woche lang wurden wir nach dem Brand von der Kripo in Leipzig verhört, ich sollte Beweise für die Brandursache zurückziehen, was ich verweigert habe. Ich staune noch heute über meinen Mut“, beschreibt er die dunkle Zeit. Courage, die ihm dennoch nichts nutzte. „Mit Beschluss des Politbüros wurde ich im Januar 1983 abberufen. Ich wurde am Ende zwar von Verantwortung freigesprochen, konnte meinen Arbeitsplatz aber nicht halten.“ Zwar habe die Führung noch versucht, ihn nach Russland „zu locken“, ihm allerlei Annehmlichkeiten versprochen, „aber auch das habe ich aus Wut abgelehnt“. Netz hielt sich über Wasser, ging nach der Wende 1990 in den Vorruhestand.

Kampf in Bonn

Mit dem Fall der Mauer fand Artur Netz eine neue Aufgabe, die ihm weit über die Kreisgrenzen hinaus Beachtung einbrachte. „Ich habe 1990 den Kreisverband des Bundes der Vertriebenen gegründet, den ersten in Thüringen“, berichtet er nicht ohne Stolz. Die Vereinigung war über die Jahre bis zu ihrer Auflösung 2014 nicht nur Anlaufstelle für zahlreiche andere Heimatvertriebene, die es in die Region verschlagen hatte. „Das ist auch meinen Mitstreitern, etwa Helga Steinert, zu verdanken gewesen.“ Auch auf bundespolitischer Ebene hinterließen die Mitglieder und Netz selbst ihre Spuren. „Ich war damals als Vertreter von Thüringen im Bonner Bundestag, habe dort mit anderen eine Woche um den Lastenausgleich für Heimatvertriebene gerungen.“ Mit Erfolg: Am Ende gab es für einen nicht unerheblichen Teil der Betroffenen immerhin 4000 D-Mark.

Eine neue Liebe zum Lebensabend

Auch privat hat Artur Netz, trotz mancher Schicksalsschläge, wieder sein Glück gefunden. Seine beiden Söhne, freut er sich, sind den Fußstapfen des Vaters gefolgt und ebenfalls als Ingenieure tätig. Und nachdem seine Lebensgefährtin 2010 plötzlich verstarb, fand er noch einmal eine neue Liebe – und in Lucka ein neues Zuhause. „Vor allem den Menschen hier bin ich sehr dankbar, dass sie mich so herzlich aufgenommen haben“, möchte er ausdrücklich betont wissen.

Seinen 90. begeht der Jubilar auf Reisen, groß gefeiert werden solle dann nach seiner Rückkehr. Dann steht auch seine jetzige Frau im Mittelpunkt: Sie wird wenig später 88.

Von Bastian Fischer