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Altenburg „Geliebtes Klärchen“: Eine musikalisch-dramatische Liebesgeschichte
Region Altenburg „Geliebtes Klärchen“: Eine musikalisch-dramatische Liebesgeschichte
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16:56 08.04.2019
In Kay Kuntzes Collage „Geliebtes Klärchen“ sind Jolana Slavíková als Clara Schumann und Kai Wefer als Robert Schumann zu erleben.
In Kay Kuntzes Collage „Geliebtes Klärchen“ sind Jolana Slavíková als Clara Schumann und Kai Wefer als Robert Schumann zu erleben. Quelle: Ronny Ristok
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Altenburg

Generalintendant Kay Kuntze ist ein Phänomen. Erst bringt er mit den Opern „Oedipe“ und „Die Passagierin“ große Werke auf die Bühne, und nun nimmt er die bekannteste Liebesgeschichte der deutschen Musikgeschichte, die zwischen Clara Wieck und Robert Schumann, lokalisiert sie mit Altenburg und macht aus Texten von Briefen, Tagebüchern und anderen Quellen sowie Musikstücken und Liedern eine literarisch-musikalische Collage. Die stellt er auf die Bühne in einer romantischen Leichtigkeit und Zartheit, die das Publikum anrührt. Kuntze beherrscht als Regisseur und Inszenator beides: das dramatische Pathos der Oper und die zarte natürliche und stimmungsvolle Wiedergabe romantischer Texte und Lieder.

Damit erreicht er eine Vollkommenheit, die seinem Theater und dem Publikum gut tut. Gemäß der Brechtschen Aufforderung: „Ihr ehrt eure großen Meister am besten, wenn ihr sie spielt“, nahm er den 200. Geburtstag der wohl größten Pianistin ihrer Zeit, Clara Wieck-Schumann, zum Anlass, Musik und Lieder nach Texten deutscher romantischer Dichter aus der Feder von Clara und Robert Schumann sowie verbindende Originaltexte dieser beiden und ihres Vaters und Schwiegervaters Friedrich Wieck als szenischen Liederabend auf die Bühne zu bringen.

Eine spannungsgeladene Dreiecksbeziehung

Kay Kuntze verbindet damit eine Darstellung und auch Wertung der stets spannungsgeladenen Dreiecksbeziehung zwischen Vater und Tochter, dessen Zustimmung zu einer Heirat mit dem nicht immer charakterfesten Robert Schumann er verweigert und die erst nach einem durch die beiden Liebenden erzwungenen Gerichtsurteil zustande kommt. Belastet ist auch die Ehe der beiden, für die sich der Komponist eher eine an Familie und Kinder gebundene und keine in der Öffentlichkeit als Künstlerin wirkende Frau wünscht. Und Clara fordert die emanzipatorische Gleichstellung als Pianistin und Komponistin.

Dieses Spannungsfeld kann auf der Bühne nicht voll ausgeleuchtet werden. Im Zentrum steht die Musik von Clara und Robert Schumann, und deren Interpretation gelingt beglückend. Ein Glücksfall ist die junge Sängerin Jolana Slavíková vom Thüringer Opernstudio als Clara. Sie bringt nicht nur einen schönen Liebreiz ins Spiel, sondern auch eine natürlich gegebene Stimmveranlagung für das romantische Liedgut und reiht ihre Lieder perlengleich aneinander. Sie ist der Glanzpunkt dieser Collage, glaubwürdig in jeder Phase.

Man darf wohl behaupten, das Kai Wefer nicht der geborene Liedsänger ist. Bei seiner Interpretation von Robert Schumanns Vertonung des Eichendorff-Gedichts „Mondnacht“ hielt das Publikum den Atem an und lauschte nur und lauschte ... Wie er sich mit seiner angenehmen Baritonstimme der anderen Lieder annahm, bringt die Behauptung ins Wanken. Das war mehr als erfreulich. Leider gab es leichte Defizite in der Verständlichkeit der gesprochenen Texte.

Schauspieldirektor Kressin hat mehrere Talente

Claudia Müller war in der kleineren Rolle der Marianne zu erleben. Zuverlässig und gut singend wie immer. Bleibt noch die Sprechrolle des Vaters Wieck. Kay Kuntze beauftragte damit seinen Schauspieldirektor Manuel Kressin und gab ihm damit wieder einmal die Chance für eine große Schauspielrolle. Und die nutzte Kressin für das, was er außer Inszenieren noch gut kann: spielen und wunderbar sprechen. Er gab dem Vater Wieck, was ihm angemessen war: würdevolles Auftreten und diktatorische Eleganz. Dessen pädagogischer Stil war Härte. Damit hatte er als Klavierlehrer Erfolg.

Takahiro Nagasaki vervielfältigte seinen schon hohen musikalischen Wert: Er ersetzte am Flügel ein ganzes Orchester. Er war Begleiter aller Lieder und gab Solo-Einlagen Schumannscher Stücke in brillanter Interpretation. Er ist eine sichere Bank für derartige musikalische Unternehmungen. Dirigent und Pianist in einer Person gibt es öfters. Beides zugleich in Richtung Vollkommenheit ist seltener.

Das alles spielte sich meistens bei wenig gefüllter Bühne ab, die diesmal Kay Kuntze selbst gestaltete. Musik und Text stehen im Vordergrund. In Erinnerung bleibt die Berliner Ballszene, auch wegen der glanzvollen Beleuchtung. Zeitbezogene Kostüme, darunter ein Brautkleid à la mode als Blickfang, kreierte Hilke Lakonen.

Es gab uneingeschränkt begeisterten und langen Beifall für ein Theaterereignis der besonderen Art.

Die nächsten Vorstellungen von „Geliebtes Klärchen“ am Landestheater Altenburg sind am Karfreitag, den 19. April, um 14.30 Uhr, am Sonntag, den 5. Mai, um 18 Uhr und am Donnerstag, den 9. Mai, um 14.30 Uhr zu sehen.

Von Manfred Hainich