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Altenburg „Hüttenzauber“ entführt auf Altenburger Schloss in völlig fremde Welt
Region Altenburg „Hüttenzauber“ entführt auf Altenburger Schloss in völlig fremde Welt
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17:29 06.01.2019
Hüttenzauber Sonderausstellung im Schloss Altenburg -- Kunsthütte nachempfunden Foto: Mario Jahn
Hüttenzauber Sonderausstellung im Schloss Altenburg -- Kunsthütte nachempfunden Foto: Mario Jahn Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

So mancher wird sich dessen gar nicht bewusst sein: Er hielt ein Werk des bekannten Altenburger Grafikers Otto Pech, genannt Pix, schon in seinen Händen, als selbige noch ganz klein waren.

Pix war Hütte-Gründer

Generationen haben mit dem legendären Schwarzer-Peter-Spiel und dessen so wunderbaren wie unverwechselbaren Tierzeichnungen als Kinder das erste Mal Kontakt zu ihm gehabt. Noch heute wird das Kartenspiel in Altenburg gedruckt und beispielsweise im Shop des Schloss- und Spielkartenmuseums gut verkauft – trotz all der technischen Freizeitverlockungen der Neuzeit.

Doch selbst diejenigen, die den Schwarzen Peter mit Pix verknüpfen, wissen nicht allzu viel mehr über den Künstler und vor allem über die von ihm gegründete und fast 20 Jahre geleitete Altenburger Kunst-Hütte. Dem will das Schlossmuseum mit seiner diesjährigen Weihnachtsausstellung unter dem Motto „Hüttenzauber – 100 Jahre Altenburger Kunst-Hütte“ dankenswerter Weise entgegenwirken.

100. Hütte-Geburtstag gab Ausschlag für Schau

„Das ist ein wahrer Schatz, den wir hier erstmals in diesem Umfang der Öffentlichkeit präsentieren“, jubiliert Schloss- und Kulturdirektor Christian Horn folgerichtig. Dass er gehoben wurde, ist vor allem zwei Leuten zu verdanken: dem Museologen und stellvertretenden Museumsleiter Florian Voß und ganz besonders dem Hobby-Historiker und Inhaber des Altenburger Traditions-Verlags Alexander Vogel.

Letzterer hat inzwischen so viel an Wissen, vor allem aber Gegenständlichem zusammengetragen, dass er es einer Präsentation für würdig hielt. Freilich erwies sich dies als gar nicht so einfach, denn die Ausstellungsplanung im Schloss ist schon bis 2021 festgezurrt. Am Ende wurden sich Horn und Voss mit Vogel dennoch handelseinig und verständigten sich auf die aktuelle Weihnachtsausstellung. Schließlich wurde die Kunst-Hütte an einem Jahresende (1919) gegründet, und zudem spielte das Julfest, die heidnische Form des Wintersonnenwendfestes, eine zentrale Rolle für den Gründungsmythos.

Und noch viele andere Dinge etwa wie der Hüttengeist haben mit Weihnachten zu tun. „Die Kunst-Hütte feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Das hat den Ausschlag gegeben. Deshalb haben wir uns auch entschieden, sie deutlich länger zu zeigen als bisherige Weihnachtsausstellungen“, so Horn.

In der aktuellen Weihnachtsausstellung befasst sich das Altenburger Schlossmuseum mit der Geschichte des Künstlerzusammenschlusses „Kunst-Hütte“.

Von Rübenfest bis Doppelspiegel

Bereits seit Mitte November und noch bis Mitte März kann man also mit staunenden Augen durch die Räume unmittelbar neben dem Kassenbereich, einst von Herzog Ernst I. genutzt, gehen und in eine völlig unbekannte, geschichtsträchtige, aber bislang zu Unrecht unterbelichtete Welt eintauchen. Allein 50 Ordner fanden sich zur Altenburger Kunst-Hütte in den Arsenalen des Schlosses. Doch die wichtigsten Exponate sind die insgesamt acht Hütte-Bücher, in denen das Mitgliederleben kunstvoll verziert festgehalten wurde, sowie die in aller Welt von Alexander Vogel als Leihgaben oder Schenkungen zusammengetragenen Utensilien.

Da ist unter anderem die Feuerrübe, ein Kultobjekt für das Rübenfest zur Walpurgisnacht oder der doppelseitige Spiegel, hinter dem Hütte-Mitglieder ihre Streitgespräche führten. Der Nachfahre eines Hütte-Mitglieds hat ihn Alexander Vogel erst kurz vor Ausstellungseröffnung mit den Worten überlassen. „Können Sie mal vorbeikommen, ich habe da noch etwas im Schuppen herumstehen.“ Auch fanden sich Zeichnungen für einen Nikolaus-Brunnen, der im Nikolaikirchhof erbaut werden sollte und für den schon 2000 Reichsmark gesammelt wurden. „Vielleicht ist das sogar eine Idee für den umstrittenen Brunnen auf dem Altenburger Markt“, schmunzelt Vogel.

Exponate aus der ganzen Welt

Konzeptionell werden im ersten Raum die Rituale wie Jul- und Rübenfest, die Sommersonnenwende oder das Aufnahme-Prozedere für Neu-Mitglieder erläutert und bebildert sowie als ganz besondere Attraktion eine Hütte nachgebaut, wie sie als Treffpunkt ihrer Mitglieder einst erst in einer Gaststube am Markt und später in der Nähe des Goldenen Pfluges zu finden war. „Bei den Besuchern bisher das absolute Highlight“, freut sich Horn. Im zweiten Raum dann in Vitrinen, an den Wänden oder in Fensternischen sehenswerte Zeitzeugen.

Das Holzrelief „Odin“ beispielsweise machte Vogel in Kanada ausfindig, nachdem der Sohn von Hütte-Mitglied Ludwig Voigt zuerst nach Afrika und später in den Norden Amerikas ausgewandert war. Eine andere Metallplatte ist um die halbe Welt gereist, bevor Vogel sie in Norwegen ausfindig machte. Die Eigentümer hat er schon nach Altenburg eingeladen und durch die Ausstellung geführt.

Skurille Namen für die „Viecher“

Was der 41-Jährige auch sonst ab und an gern macht. Dabei weiß er viel Wissenswertes zu berichten, beispielsweise von einem Verein der „Hüttenfreunde“, der sich gegründet hatte, um die Künstler generell, vor allem aber in Zeiten zu unterstützen, in denen nicht unbedingt Kunst gekauft wurde. Oder von jenem Bericht in der deutschen Ausgabe der „New York Times“ vom Ende der 1920er-Jahre, in dem die Altenburger Kunst-Hütte als „die dunkelste Sekte der Welt“ bezeichnet wurde. „Das hat Otto Pech so maßlos geärgert, dass er ein Protokollbuch einführte, in dem alle Rituale und Bräuche beschrieben und so für die Nachwelt verständlich werden“, weiß Vogel.

Besonders stolz ist der Verleger zudem auf die Tafel mit den Namen der in Summe über die Jahre rund 50 Hütte-Mitglieder sowie deren Spitznamen, die sie sich als „Hütte-Viecher“ gaben und mit denen sie angesprochen wurden – sie reichen von Hummel über Holzwurm, Blimchen, Schmallerich, Lichtwurm bis zu Karnickel. Bei manch einem fehlt das Foto, das Geburts- und/oder das Sterbejahr. Aber gerade jetzt konnte mit Hilfe von interessierten Ausstellungsbesuchern einiges schon ergänzt werden.

Bewusste Entscheidung für andere Präsentation

Und dennoch fremdeln die Altenburger in diesem Jahr mit ihrer Weihnachtsausstellung im Schloss. Erstens hat sie zumindest auf den ersten Blick herzlich wenig mit diesem Fest zu tun, zweitens gab es keine traditionelle Eröffnung mit Kaffee und Stollen, sondern nur eine Pressekonferenz schon Mitte November.

„Das war bewusst so gewählt, denn die eigentliche Eröffnung war unser Hüttenzauber am 8. Dezember“, begründet Christian Horn die Entscheidung für diese besondere Veranstaltung, zu der man nicht nur die Exposition besichtigen, sondern auch im Schlosshof einen zauberhaften Adventssonntag erleben konnte. „Außerdem konnten mit dem Spielzeug aus vergangenen Zeiten in den Vorjahresausstellungen oft eh nur die Eltern und Großeltern etwas anfangen, weil sie sich an ihre Kindheit erinnert fühlten. Ich habe bei Führungen hingegen schon sehr interessierte und wissbegierige Kinder erlebt“, pflichtet Alexander Vogel bei.

Die Altenburger Kunst-Hütte

Gegründet zur Jahreswende 1919 war sie eine verschworene Gemeinschaft, die Rituale pflegte, die den Bräuchen der Freimaurer nicht unähnlich waren, und die Kunst mit Leben verwob.

Gegenseitige Hilfsbereitschaft wurde großgeschrieben unter den Mitgliedern. Dies waren Künstler, Intellektuelle, Menschen mit und ohne Einfluss, die sich als schaffende Zwerge sahen. Deshalb nannten sie sich auch entsprechend „Hütte-Viech“

Gründer und Kopf der Gruppe war der Altenburger Grafiker Otto Pech, auch Pix genannt. Der von ihm initiierte Verband bestand bis 1938. In dem Jahr löste sich die Kunst-Hütte offiziell auf, offenbar um dem bürokratischen Kleinkram einer Vereinigung zu entgehen. Ihre Existenz richtig eingestellt hat sie indes erst mit dem Tod von Otto Pech im Jahr 1950.

Die künstlerischen Einflüsse der Gruppe waren vielfältig. Jugendstil und Symbolismus sind in den grafischen Arbeiten und Plastiken offensichtlich. Viele der jetzt ausgestellten Objekte dienten als Requisiten oder waren Teil der Raumausstattung des langjährigen Treffpunktes.

Das Werk von Otto Pech selbst wurde 1989 noch zu DDR-Zeiten zum Kulturschutzgut erklärt.

Ein Buch ist möglich

Für ihn ist Forschung und Recherche ohnehin noch lange nicht abgeschlossen. „Vieles befindet sich noch in Privatbesitz. Manch einer weiß gar nicht, welch Schatz da womöglich auf dem Dachboden lagert. Ich beschäftige mich seit rund zehn Jahren mit dem Thema. Und es lässt mich nicht mehr los“, bekennt Vogel. Und auch Florian Voß, der als Leiter der Spielkartensammlung im Schloss eigentlich „nur“ von Berufs wegen mit Otto Pech zu tun hatte, ist mittlerweile vom Hütte-Fieber infiziert. Die beiden haben noch viel vor. Alexander Vogel plant als nächstes die Herausgabe eines Buches, um die Altenburger Kunst-Hütte über die Ausstellung im Schloss hinaus im kollektiven Gedächtnis zu halten und ihr ein Denkmal zu setzen.

Begleitprogramm: Themenführung zur Sonderausstellung am 3. und 10. Februar, jeweils um 14 Uhr. Hütte-Abende im Bachsaal mit Hüttenpunsch am 24. Januar, 13. Februar und 23. März, jeweils um 18 Uhr. Die Ausstellung ist noch bis zum 13. März zu den Öffnungszeiten des Schlossmuseums zu sehen. Kontakt: Schlossmuseum Tel. 03447 512712 oder Alexander Vogel Tel. 03447 8966025.

Von Ellen Paul