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Altenburg Lehrer vergreift sich an behindertem Schüler – Verfahren eingestellt
Region Altenburg Lehrer vergreift sich an behindertem Schüler – Verfahren eingestellt
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06:07 08.08.2019
Vor dem Amtsgericht Altenburg musste sich ein Lehrer verantworten, weil er sich an einem Schüler vergriffen haben soll. Gegen eine Geldbuße wurde das Verfahren eingestellt. Quelle: Thomas Haegeler
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Altenburg

Am Ende gab es kein Halten mehr. Emotional aufgeladen stürmte eine Mutter am Mittwochnachmittag in den Saal 112 des Altenburger Amtsgerichts. Noch bevor sie sich setzte, fragte sie alle Prozessbeteiligten, ob das ihr Ernst sei. Was sie derart in Rage versetzte, war das Unverständnis über den Minuten zuvor ausgehandelten Deal. Sie habe ihrem Sohn versprochen, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen. Es gehe hier um Wiedergutmachung, um eine Entschuldigung – und um Gerechtigkeit. „Können Sie mir sagen, wie ich das meinem Sohn erklären soll?“, fragte sie und meinte damit die Einstellung des Verfahrens gegen Auflage einer Geldzahlung. „500 Euro, das ist ein Witz!“

Lehrer akzeptiert Strafbefehl über 9000 Euro nicht

Doch der Reihe nach. Angeklagt war der Lehrer eines Altenburger Gymnasiums. Vorwurf: Körperverletzung eines Schutzbefohlenem. Laut der von Oberstaatsanwalt Thomas Riebel verlesenen Anklage soll der 46-Jährige in einer Vertretungsstunde im Dezember 2017 nach wiederholter Ermahnung einem Achtklässler das Handy weggenommen haben. Als es zur Pause klingelte, versuchte der Schüler, das Gerät wiederzubekommen. Daraufhin soll der Pädagoge sauer geworden sein, den Jungen im Genick gepackt und bis zum Sekretariat unsanft vor sich her geschoben haben. Die Folge: Schmerzen und Angst beim betroffenen Schüler.

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Erschwerend hinzu kommt, dass der Junge ein Handicap hat, behindert ist. Obwohl der Lehrer das gewusst habe, soll er den Gymnasiasten „körperlich misshandelt“ haben, so Riebel in der Anklage. Zur Verhandlung gestern Nachmittag kam es dann, weil der Angeklagte einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft über 60 Tagessätze, insgesamt rund 9000 Euro, nicht akzeptieren wollte. Zuvor hatten die Eltern den Vorfall angezeigt.

Angeklagter räumt Vorfall ein, sieht ihn aber anders

Im Kern räumte der Lehrer, der an der Schule eine herausgehobene Stellung hat, den Vorfall ein, stellte ihn aber als Folge eines tätlichen Angriffs des Schülers dar. Darüber sei der Angeklagte nach eigener Aussage so erschrocken gewesen, dass er den Achtklässler „im Hals-Schulter-Bereich“ wegschubste. „Ich habe nicht gewürgt oder zugedrückt“, las der 46-Jährige aus einer schriftlichen Erklärung vor. Sollte er dem Schüler dabei „wehgetan haben, kann ich darüber nur mein Bedauern äußern“.

Dabei wirkte er äußerst angespannt und sagte wenig später auch, dass ihn der Vorfall „stark emotional und psychisch“ belaste. Zudem habe er sich durch das Schulamt einem Disziplinarverfahren stellen müssen, „in dem mir ein Fehlverhalten attestiert“ wurde, welches „missbilligt“ worden sei. Mit dem Schüler habe er dennoch „weiter normalen Umgang“ gehabt, habe ihn sogar auf eine Klassenfahrt begleitet. Er bedauere, dass seine „affektive Reaktion mitursächlich“ für den Vorfall gewesen sei. Er habe den Jungen „zu keiner Zeit absichtlich oder vorsätzlich verletzen“ wollen.

Zeugin widerspricht Pädagogen in einigen Punkten

Die einzige Zeugin, die anschließend gehört wurde, widersprach dieser Darstellung allerdings in einigen Punkten. Die Ergotherapeutin, die den Schüler seinerzeit begleitete, sprach davon, dass sie den Jungen nach dem Vorfall „weinend und zitternd“ im Büro des Lehrers vorgefunden habe. Das habe sie in zwölf Jahren Arbeit mit Menschen mit derlei Behinderung noch nie gesehen. Zudem sei der Gymnasiast nach dem Vorfall wochenlang krank gewesen, nur mit viel Mühe wieder zum Schulbesuch zu bewegen gewesen. Auch sei er dem Lehrer, mit dem er – ebenso wie mit allen anderen – zuvor keine Probleme hatte – in der Folge aus dem Weg gegangen.

Sie bestätigte zudem den Griff des Lehrers ins Genick des Schülers, konnte zur Intensität aber nichts sagen. Einen tätlichen Angriff des Schutzbefohlenen hatte sie zuvor jedenfalls nicht gesehen. „Es gab keine körperliche Berührung“, sagte sie zum Vorspiel – und provozierendes Verhalten des Jungen gehöre nun mal zu seiner Behinderung. Daher habe sie auch nicht verstanden, warum der Angeklagte den Schüler später auf Klassenfahrt begleitete.

Verteidiger regt Deal an – Staatsanwaltschaft und Gericht folgen

Weiter erhellt wurde das Ganze aber nicht. Denn im Anschluss folgte Richter Steve Eidner dem Antrag von Verteidiger Ulf Schwerd auf ein Rechtsgespräch. In diesem verständigten sich alle – bis auf Nebenklageanwalt Alexander Streibhardt – darauf, das Verfahren gegen eine Auflage einzustellen. Daher muss der Lehrer binnen zwei Monaten zum Ausgleich 500 Euro an den geschädigten Schüler zahlen. „Zur Herstellung des Rechtsfriedens“, wie Richter Eidner sagte.

Das brachte die Mutter des Jungen wiederum auf die Palme und führte zu ihrem eingangs geschilderten Auftritt. Richter Eidner und Staatsanwalt Riebel erklärten ihr daraufhin, dass das kein Freispruch sei, das Strafgericht aber nicht über die berufliche Zukunft eines Lehrers befinden könne. Mit der Einigung erspare man ihrem Sohn und anderen Zeugen eine belastende Aussage, sagte Eidner und Riebel ergänzte: „Wir wählen den Mittelweg.“

Von Thomas Haegeler

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