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Altenburg Musik statt Mobbing: Bonhoefferschüler setzen auf gemeinsame Projekte
Region Altenburg Musik statt Mobbing: Bonhoefferschüler setzen auf gemeinsame Projekte
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17:03 07.12.2019
Erste Probe fürs Weihnachtsmärchen: Die Klasse 10a der Dietrich-Bonhoeffer-Schule trainiert für den Bühnenauftritt. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Die ganze Klasse ist in Bewegung. Sie sollen laufen, nicht im Kreis, sondern durcheinander, aber achtsam ohne zu rempeln. Dabei auf Kommando das Tempo wechseln. Und laut Silben rufen, mit raumgreifenden Bewegungen. Gar nicht so einfach. „Sprecht deutlich, schaut nach vorn, nicht nach unten. Und mehr Körperspannung bitte!“ Klare Worte von Theaterfrau Susanne Toth. Die Botschaft kommt an: Die Schüler strecken den Rücken, schauen sich in die Augen. Und was gerade noch zaghaft wirkte, unentschlossen, mutlos, bekommt immer mehr Esprit und Ausdrucksstärke. Nicht bei allen, aber bei so einigen in dieser Klasse 10a der Dietrich-Bonhoeffer-Schule.

Miteinander steht im Vordergrund

Selbstbewusstsein entwickeln, das ist eines der Ziele des Theaterprojektes der Zehnten. Susanne Toth nutzt die Ethikstunde für die erste Probe. Kein Zufall: Ihre Arbeit hat mit Ethik viel zu tun. „Das Miteinander steht hier im Vordergrund. Auch wer keine Hauptrolle spielt, ist am Stück beteiligt, bringt sich ein, und sei es als Geräusche-Macher, der für die akustische Atmosphäre sorgt.“

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Noch sind die Rollen nicht verteilt – es geht zunächst ums Training. Aber die Klasse zieht schon gut mit. Susanne Toth ist für die Jugendlichen keine Unbekannte. Bereits vor einem Jahr war sie an der Bonhoefferschule, um mit den Schützlingen von Klassenleiter Knut Kielmann ein Stück einzuüben. Damals waren’s die Känguru-Chroniken, diesmal hat sich Kielmann die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ausgesucht. „So geben wir den Schülern europäisches Kulturgut mit“, erklärt er. Insbesondere denen, die in den vergangenen Jahren mit Migrationshintergrund an die Schule gekommen sind. Die gesamte Schülerschaft soll das Stück am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien zu sehen bekommen.

Mobbing-Image soll nicht stehen bleiben

Kevin Aust hat sichtlich Spaß am Theater. „Man kann aus sich rausgehen. Und es ist mal was anderes als Unterricht“, sagt der 15-Jährige. Es sei auch ganz hilfreich, selbstbewusstes Auftreten zu üben, ergänzt Klassenkameradin Justine Schachtner. Aber den Jugendlichen geht es auch um die Botschaft nach außen, wenn sie auf die Bühne steigen. „Die Schule hat leider ein negatives Image“, konstatiert der 17-jährige Sebastian Gräfe – etwa mit Blick auf den Kampf gegen Mobbing in den vergangenen Monaten. „Das soll so nicht stehen bleiben. Wir möchten zeigen, dass es hier voran geht. Die Schule hat coole Angebote.“

Sebastian Gräfe, Justine Schachtner und Kevin Aust (von links) üben auch zusammen in der Gitarren-AG. Quelle: Mario Jahn

Und bald, so der Wunsch, auch eine gestaltete Fassade, die genau das ausdrückt: eine Bonhoefferschule mit Profil und Charakter. „Das Motiv sollte einzigartig und auffällig sein“, sagt Sebastian. Und am besten so bunt wie die Schulgemeinschaft.

So können Sie spenden: Hier wird’s erklärt

Mobbing sei in der 10a ohnehin kein Thema. „Wir vertragen uns hier ganz gut“, versichert Kevin. Die Auseinandersetzungen, sind sich die Schüler einig, seien eher ein Problem in den unteren Klassen, aber auch dort habe sich jetzt viel zum Positiven entwickelt. Vielleicht auch, weil die Großen auf die Kleineren achten, sei es als Streitschlichter, bei der Hofaufsicht – oder bei der Hausaufgabenhilfe, „wo wir Fünft- und Sechsklässlern Nachhilfe geben“, wie Wali Naeem erzählt.

Vertrauen aufbauen – mit einem Klassensatz Gitarren

Knut Kielmann übt mit den Schülern das akkordische Gitarrenspiel. Quelle: Mario Jahn

Nicht zuletzt sind es Angebote wie die von Knut Kielmann, die die Schüler zusammenbringen. Am frühen Nachmittag sind Justine, Kevin und Sebastian erneut im Klassenzimmer, diesmal zur Gitarren-AG, an der auch Schüler aus unteren Klassen teilnehmen – mit und ohne Migrationsgeschichte. Der Musiklehrer bringt ihnen Akkorde bei, damit sie gemeinsam musizieren können. Ein Klassensatz Gitarren, gesponsert vom Rotary Club, macht’s möglich. „Es geht dabei nicht allein um Musik“, sagt Kielmann, der auch Vertrauenslehrer ist. „Vertrauen aufbauen, das funktioniert am besten über gemeinsame Projekte, bei denen alle was zusammen bewegen.“

Wenn die 10a am 20. Dezember die Weihnachtsgeschichte aufführt, werden auch die Gitarren erklingen. Das Lied ist passend gewählt: Give peace a chance.

Von Kay Würker