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Altenburg Olaf Strassmann berichtet über sein Leben
Region Altenburg Olaf Strassmann berichtet über sein Leben
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05:14 16.05.2019
Zeitzeuge Olaf Strassmann und Buchautor Christian Repkewitz zu Gast im Spalatingymnasium. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Olaf Strassmanns Kindheit und Jugend lag im tiefen Schatten. Der 1932 in Zechau-Leesen Geborene erfuhr am eigenen Leib schon als Kind, was es hieß, als Halbjude unter der Naziherrschaft aufzuwachsen.

Erste Repressalien schon als Kleinkind

„Erstmals bewusst wurde mir das, als ich als Fünfeinhalbjähriger unbedingt ins Freibad wollte, meine ältere Schwester diesem Wunsch aber nicht nachkommen wollte“, erzählt der heute 87-Jährige. „Sie deutete nur auf ein Schild am Kassenhäuschen, dass ich lesen sollte. Aber ich konnte ja noch nicht lesen, weshalb sie mir das orgelesen hat.“ Was drauf stand, hat sich bei Olaf Strassmann bis zum heutigen Tage in seiner Erinnerung regelrecht eingebrannt: „Für Hunde und Juden ist der Eintritt verboten“.

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Diese kleine Episode trägt Strassmann, der seit Ende der 1940er-Jahre in Israel lebt, gleich zum Beginn der jüngsten Auflage vom Colloquium Spalatinum am Dienstag im Christlichen Spalatingymnasium in der fast auf den letzten Platz mit Acht- und Neuntklässlern gefüllten Aula vor. Ja, Olaf Strassmann ist einer der letzten Zeitzeugen, die als Juden – oder wie im Falle der Strassmanns als sogenannte Halbjuden – schon als kleine Kinder unter den Repressalien der Nazis leiden mussten.

Zeitzeuge will seine Geschichte erzählen

Und der 87-Jährige, das merkt man ihm deutlich an, will seine Geschichte auch erzählen. Er erzählt sie in einer angesichts der am eigenen Leib und seiner Familie erlittenen Repressalien schon etwas skurril wirkenden, lockeren Art im Plauderton und eigentlich ohne einen Hauch von Verbitterung. Zechau-Leesen, Rositz und dann Altenburg: Seine Kindheit verlebte Strassmann fast durchweg in der Region. Letzter Wohnort der Familie war die Brauhausstraße in Altenburg.Altenburg war, ist und bleibt meine Heimat“, legt sich der Zeitzeuge kategorisch fest. Trotz der Tatsache, wie grausam das Schicksal der Familie mitgespielt hat.

Als 16-Jähriger 1938 gerade in Altenburg eingeschult, endete diese Zeit schon kurz später, als sämtliche jüdischen Schüler die öffentliche Schule verlassen mussten. Olaf kam ins Internat nach Leipzig, wo er drei Jahre an einer jüdischen Schule lernte und lebte. „Mehr als drei Schuljahre waren für uns allemal nicht vorgesehen“, meinte der Zeitzeuge wieder in diesem Plauderton, als rede er über das Wetter. Dann ging es retour nach Altenburg, wo Klein-Olaf unter anderem in einer Mineralwasserfabrik am Roßplan arbeitete. Die drei älteren Brüder waren da schon in Sicherheit. Wenige Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnten sie gen Palästina ausreisen.

Zuhörern stockt der Atem

Die rund 60 anwesenden Schüler und deren Lehrer im Spalatingymnasium hingen bei Strassmanns Erzählung förmlich an dessen Lippen. Kein Wunder, wenn lange zurück liegende Geschichte plötzlich ein Gesicht bekommt, wenn ein Zeitzeuge das erzählt, was er erlebt hat.

Olaf Strassmann entkam der Welle der Deportationen nicht. Mit nicht einmal zehn Jahren kam er ins Ghetto nach Theresienstadt. „Das ist ein schwarzes Loch, an das ich keine Erinnerung mehr habe“, sagt der 87-Jährige am Dienstag dazu.

Altenburg bleibt Heimat

Nach Kriegsende ging er zurück nach Altenburg, ehe Strassmann 1948 nach Israel auswanderte. Altenburg behielt er im Herzen. Seit der Wende kommt er jedes Jahr an die Orte seiner Kindheit zurück. Um sich zu erinnern und leider immer weniger werdende alte Bekannte und einstige Lieblingsorte aufzusuchen, wie das Café Volkstädt. Aber auch, um seine Lebensgeschichte zu erzählen, die als Buch erscheinen soll. Autor ist Christian Repkewitz, der seit 2004 das Schicksal der jüdischen Gemeinden im Kreis erforscht.

Von Jörg Wolf

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