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Altenburg Prozess um Kindesmissbrauch: Altenburger gesteht teilweise und stimmt Deal zu
Region Altenburg Prozess um Kindesmissbrauch: Altenburger gesteht teilweise und stimmt Deal zu
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11:10 18.09.2018
Verteidiger Helge Klein (vorn rechts) erklärt dem 23-jährigen Angeklagten, was der Deal, den er mit der 2. Strafkammer des Landgerichts Gera, der Staatsanwaltschaft und den Vertretern der Nebenklage verhandelt hat, bedeutet.
Verteidiger Helge Klein (vorn rechts) erklärt dem 23-jährigen Angeklagten, was der Deal, den er mit der 2. Strafkammer des Landgerichts Gera, der Staatsanwaltschaft und den Vertretern der Nebenklage verhandelt hat, bedeutet. Quelle: Thomas Haegeler
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Altenburg

Tränen, erschütternde Details und ein Deal waren die Zutaten des zweiten Prozesstages um schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Gera. Bevor es am Montag aber emotional wurde, gab es ein an der Sachlage orientiertes Rechtsgespräch. Darum hatte Helge Klein, Verteidiger des wegen 92 Fällen angeklagten Altenburgers, gebeten. An dessen Ende stand die Absprache, die dem 23-Jährigen bei einem weitreichenden Geständnis eine drei- bis vierjährige Haftstrafe nach Jugendstrafrecht sowie die Unterbringung in der Psychiatrie in Aussicht stellt.

Gericht will Angeklagtem helfen und Opfer schützen

„Es sieht so aus, wie es aussieht“, erklärte der Vorsitzende Richter, Berndt Neidhardt, dem Angeklagten die Lage. „Dass drei Mädchen lügen, gibt es nicht.“ Die Kammer erkenne, dass er im Tatzeitraum von Mitte 2013 bis Anfang dieses Jahres heranwachsend war, bei ihm Reifedefizite vorliegen und er laut Gutachten wohl nur bedingt schuldfähig ist. „Sonst hätten Sie noch viel, viel mehr zu erwarten.“ Damit verfolge das Gericht zwei Ziele. „Dass Ihnen geholfen wird und Sie irgendwann als normales Mitglied der Gesellschaft leben können.“ Und: „Es hat einen Sicherungseffekt.“ Schließlich geht es um „drei Mädchen und es gab vorher schon mal so eine Sache“.

23-Jähriger früher schon wegen pädophiler Neigungen in Behandlung

So wurde deutlich, dass der 23-Jährige, der in der Psychiatrie sitzt, früher schon einmal wegen sexueller Kontakte zu Kindern in Behandlung war. Offenbar wussten das seine Mutter und sein Stiefvater, der zwischenzeitlich verstorben ist. Außer einer Andeutung des Stiefvaters haben sie aber nichts unternommen. Im Gegenteil. So war der Angeklagte über Jahre alle paar Wochen immer wieder mit seinen Nichten unbeobachtet in der mütterlichen Wohnung, wenn sie dort übernachteten, und hielt mit dem jüngsten seiner Opfer sogar Mittagsschlaf.

Altenburger schämt sich – und streitet die schwersten Vorwürfe ab

Nachdem Anwalt Klein seinem Mandanten die Konsequenzen erklärt hatte, vergrub der Angeklagte sein Gesicht in den Händen, bekam einen roten Kopf und fing an zu weinen. Offenbar aus Scham ließ er sein Geständnis von seinem Verteidiger vorbringen. Es umfasste aber nur 17 der 92 angeklagten Taten, die – enthemmt durch reichlich Bier – von unsittlichen Berührungen bis zum vaginalen Eindringen mit dem Finger reichten. Die schwersten Vorwürfe – Oralsex mit einer Fünf- bis Sechsjährigen und das Reiben des Penis an ihrem Po – bestritt der Altenburger vehement, lautstark – und wieder unter Tränen.

Über die Hälfte der Vorwürfe eingestellt – auch der des Oralverkehrs

Erst als Richter Neidhardt und Staatsanwältin Sylvia Reuter deutlich wurden, dass das für den Deal nicht reiche, räumte der Beschuldigte etwa die Hälfte der Taten ein. „Ich gebe alles zu – außer das eine“, sagte er und kam damit durch. Denn die Kammer stellte die übrigen Vorwürfe mit Verweis auf die wegen der gestandenen Taten zu erwartende Strafe ein. Dazu gehörte auch der Oralverkehr.

Mädchen leiden bis heute unter den Taten

Welche Schäden die Mädchen, denen das Gericht eine Aussage ersparte, davongetragen haben, erklärten ihre Mütter. So berichteten die Schwester, die Stiefschwester und die Ex-Schwägerin des Angeklagten, der diese keines Blickes würdigte, von psychosomatischen Schmerzen, Verletzungen im Intimbereich, Ritzen der Arme, Psychotherapien, Essstörungen und gestörtem Beziehungsverhalten der heute 7- bis 17-Jährigen. „Ich verstehe nicht, wie man das machen kann“, sagte die Mutter des jüngsten Opfers unter Tränen. Es sei „die Hölle“ gewesen, von ihrer Tochter von den Übergriffen erfahren zu haben.

Mutter des Angeklagten droht offenbar Zeuginnen und Opfern

Zu einer solchen will die Mutter des Angeklagten den Opfern und ihren Familien offenbar auch deren Leben machen. Zumindest sprachen die Zeuginnen alle von verbalen Drohungen, belästigenden Anrufen und von der Verstoßung aus der Familie. Diese Vorwürfe nannte die Frau, die zu ihrem Sohn hält und erneut im Zuschauerraum saß, „eine Lüge“. Erörtert wurde das aber nicht, obwohl es, wie die Vertreter der Nebenklage anmerkten, eine unzulässige Prozessbeeinflussung sei. Nächste Woche soll ein Urteil fallen.

Von Thomas Haegeler