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Altenburg Runder Geburtstag: Bäckerei Strobel in Altenburg wird 100
Region Altenburg Runder Geburtstag: Bäckerei Strobel in Altenburg wird 100
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11:23 01.06.2019
Seit knapp sieben Jahren ist Romy Strobel die Herrin im Haus. Im elterlichen Betrieb hat sie ihre Berufung gefunden.
Seit knapp sieben Jahren ist Romy Strobel die Herrin im Haus. Im elterlichen Betrieb hat sie ihre Berufung gefunden. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Romy Strobel sitzt am Küchentisch und grinst. „Ganz ehrlich: Als Kind war das alles hier für mich ziemlich langweilig“, gibt sie freimütig zu. Ein Glück, dass sich diese Sichtweise über die Jahre ins Gegenteil verkehrt hat – könnte doch die inzwischen von ihr in vierter Generation geleitete Familienbäckerei sonst in diesem Jahr nicht 100. Geburtstag feiern.

Ein Einstieg mit Erfolg

Seit dem 1. Oktober 1919 werden aus dem Geschäft auf dem Altenburger Markt Backwaren verkauft. „Mein Urgroßvater hat damals die beiden Häuser hier auf dem Markt gekauft“, weiß Romy Strobel zu berichten. Gemeinsam mit seiner Frau Frieda war der Bäckermeister aus dem Zwickauer Raum in die Skatstadt gekommen, wollte hier ganz neu starten. „Die beiden haben sich von Altenburg viel versprochen, davon zeugt schon, dass sie den Kauf auf Raten finanziert haben“, fügt Vater Rainer an. Ganz offensichtlich mit Erfolg: Das Ladengeschäft etwa sei bereits in den 1920ern von einem Tischler ausgebaut worden, Fenster und Auslage sind heute noch erhalten. In den 1930er-Jahren standen sogar gleich mehrere umfangreiche Modernisierungen an. Nicht nur wurde ein neuer Backofen installiert – eine Tradition, die sich fortan über alle Generationen gehalten hat – die Backstube war nun auch ebenerdig. „Das war damals ganz modern“, betont Rainer Strobel.

Tradition mit langer Geschichte: Seit einem Jahrhundert werden bei der Bäckerei Strobel Brote und Brötchen gebacken und verkauft. Der Betrieb auf dem Altenburger Markt hat im Lauf der Zeit so manche Höhen und Tiefen erlebt.

Unglück am Neujahrstag

Dass jede Erfolgssträhne einmal einen Dämpfer erhält, musste Familie Strobel dann wenige Jahre später erfahren. Zwar hatte auch Sohn Gerhard den Bäckerberuf ergriffen und von der Wanderschaft etwa aus Dresden viele alte Rezepte mit nach Altenburg gebracht. Wie so viele seiner Generation zog auch er jedoch in den Krieg, geriet in Gefangenschaft und kehrte erst 1949 aus Sibirien zurück. Zu allem Unglück stürzte auch Unternehmensgründer Paul Strobel Anfang 1943 in der Kammer und verunglückte tödlich. „Notgedrungen sind seine Frau und Tochter Johanna eingesprungen und haben mit den Gesellen das Geschäft am Leben gehalten“, beschreibt Rainer Strobel die dunkle Zeit. Johanna Strobel wuchs mit der Aufgabe, wurde 1946 die erste Bäckermeisterin Thüringens – und heiratete, passend zum elterlichen Betrieb, schließlich einen Konditormeister aus Coburg.

Ein Fels in der Brandung

Überhaupt waren es über die Jahre immer wieder die Frauen im Hause Strobel, die den Betrieb wortwörtlich am Laufen hielten. „Mein Vater Gerhard hatte aus der Gefangenschaft Asthma mitgebracht, war viel auf die Hilfe meiner Mutter angewiesen. Sie war über all die Jahre ein wichtiger Rückhalt im Betrieb“, blickt Rainer Strobel zurück. Und auch wenn sein Vater nicht voll in der Backstube anpacken konnte: Wenn es um die Zukunft seiner Kinder ging, war er der Fels in der Brandung. „Ich wollte Abitur machen, sollte dafür allerdings im Anschluss drei Jahre zur NVA. Da ist mein Vater in der Elternversammlung aufgestanden und hat gesagt: ,Ich war sechs Jahre in Gefangenschaft, damit sind drei Jahre für meine Söhne gleich mit abgedient, die gehen höchstens anderthalb Jahre!’ Danach hat niemand wieder danach gefragt“, kann sich Rainer Strobel noch heute das Lächeln nicht verkneifen.

Blick in die Vergangenheit: Schaufenster und Auslage sind noch original aus den 1920ern. Quelle: Mario Jahn

Unter den Augen der Obrigkeit

Trotzdem – leicht war es für den Handwerksmeister im Arbeiter- und Bauernstaat DDR nicht immer. „Man war zwar als Bäcker geduldet, wurde aber stetig beäugt. Urlaub musste auf dem Amt angemeldet werden und wurde dort gewährt oder abgelehnt“, beschreibt er die Situation. Auch an anderer Stelle machte die Obrigkeit ihren Einfluss geltend: „Als ich 1979 den Betrieb übernommen habe, wurde im Gewerbeschein ausdrücklich vermerkt, dass ich nicht an Großabnehmer abgeben durfte.“ Als Strobel einmal eine neue Maschine anschaffte, mit der Äpfel für seinen beliebten Apfelkuchen einfacher und zügiger geschnitten werden konnten, wirkte sich das auf den Preis aus. „Er stieg von 35 auf 44 Pfennig pro Stück. Prompt wurden wir vom Rat des Kreises zu einer Strafzahlung verdonnert, weil wir vom vorgesehenen Preis abgewichen waren.“

Allerdings, das ist Rainer Strobel sehr wichtig, war der Zusammenhalt innerhalb der Bäckerzunft in der DDR dafür umso enger. „Alle Zutaten, auch seltenere, haben sich immer irgendwie organisieren lassen. Und die Produktauswahl war zwar geringer, dafür wurde aber mehr produziert.“ Von seinem legendären gefüllten Streuselkuchen gingen mitunter acht Bleche pro Tag über die Theke.

Die Wende wird zum Stresstest

Der große Einbruch kam – wie in so vielen Betrieben in den ostdeutschen Bundesländern – nach der Wende. Dabei sei in den ersten Monaten nach Maueröffnung und Wiedervereinigung noch alles rosig gewesen, teilweise sogar besser, weiß Romy Strobels Mutter Marion zu berichten. „Wir haben im ersten Jahr fast ohne Pause gearbeitet, die Leute haben uns etwa die Stollen förmlich aus der Hand gerissen. Teilweise haben wir den Laden bereits um 16 Uhr geschlossen – einfach, weil wir nichts mehr hatten.“

Allerdings: Auch die plötzlich verfügbare Westware wurde bei den Kunden immer beliebter. „Nahezu jeden Tag war hier Markt. Und irgendwann hatten wir abends plötzlich Ware übrig“, beschreibt Marion Strobel die Situation. Die durch die Umstellung auf Westgeld nötige Preiserhöhung – von sieben Pfennig Ost auf zwanzig Pfennig West pro Brötchen – tat ihr Übriges, die Kundschaft wurde weniger.

„Wir haben wirklich überlegt, ob wir gehen oder bleiben. Am Ende sind wir aber sehr traditionsbewusst und es unseren Kunden schuldig – also blieben wir“, so Marion Strobel. Statt aufzustecken wurde investiert: 1992 wurde der gesamte Betrieb renoviert, auch die Lehrlingsausbildung wurde intensiviert. „15 Stück seit der Wende“, wie Rainer Strobel betont.

Neben Brötchen und Brot werden auch so manche Leckereien verkauft. Quelle: Mario Jahn

Ungeplante Staffelübergabe

Und auch die vierte Generation machte sich langsam bereit, in die elterlichen Fußstapfen zu treten. „Nach der Realschule wusste ich erst nicht, was ich machen soll. Irgendwann hat mich mein Papa mitgenommen zum Konditor nach Meuselwitz. Dort habe ich ein Praktikum gemacht – und gemerkt, wie viel Spaß der Beruf doch machen kann“, skizziert Romy Strobel ihren Weg. Die Leidenschaft war geweckt – und Strobel legte los. Zügig folgte nach der Lehre der Gesellenbrief, den Bäckerfacharbeiter gab es obendrauf. „Ab 2000 habe ich dann in Heidelberg meinen Konditormeister gemacht.“

Die Ausbildung öffnete neue Wege, Stationen auf Usedom und sogar Kanada folgten. Nach der Rückkehr war Romy Strobel eigentlich klar: „Selbstständig werde ich nicht.“ Es kam anders, den Familienbetrieb musste sie schneller übernehmen, als ihr lieb war: Im Dezember 2012 schlug das Schicksal erneut zu. „Mein Vater hat zuerst ganz normal gearbeitet, aber es ging ihm nicht gut. Irgendwann sackte er dann auf seinem Stuhl zusammen.“ Die Diagnose: Schlaganfall. „Lange wussten wir nicht, wie es weitergehen soll. Aber wir wollten nicht zuletzt die Mitarbeiter nicht im Stich lassen“, betont Romy Strobel.

Geburtstagsfeier mit den Kunden

Seit knapp sieben Jahren ist die 41-Jährige nun selbst am Ruder. Und das nach wie vor mit Erfolg, auch wenn sich der Markt verändert hat. „Klar, der Trend geht immer weiter zu bewussterer Ernährung. Aber gerade wir Bäcker können das den Kunden am ehrlichsten verkaufen – schließlich können wir unsere Arbeit direkt vor Ort zeigen.“ Und nicht zuletzt trage die Kundschaft die bisherigen Entwicklungen alle mit.

Entsprechend optimistisch blickt Romy Strobel in die Zukunft. „So lange es sich trägt, wollen wir weiter machen“, betont sie ausdrücklich. Zunächst soll aber das große Jubiläum im Zuge des Bauernmarkts am 5. Oktober mit den Kunden gefeiert werden. Einige Überraschungen habe man sich bereits einfallen lassen, wolle aber noch nicht zu viel verraten – um den Spaß nicht zu verderben, lächelt Strobel verschmitzt.

Von Bastian Fischer