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Altenburg Schmölln als Anhängsel oder Fusion auf Augenhöhe?
Region Altenburg Schmölln als Anhängsel oder Fusion auf Augenhöhe?
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09:09 29.06.2019
Ex-Landrat Christian Gumprecht (l.) und sein ehemaliger Stellvertreter Hartmut Schubert sehen sich die Ausgabe der Osterländer Volkszeitung vom Juli 1994 an, als über die Kreisfusion berichtet wurde. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Der 1. Juli 1994 ist das offizielle Datum für den Zusammenschluss der Kreise Altenburg und Schmölln zu einem neuen Landkreis, der zunächst Altenburg hieß und wenige Wochen später in Altenburger Land umbenannt wurde. Aus diesem Anlass sprach die OVZ mit Christian Gumprecht (CDU) aus Altenburg und Hartmut Schubert aus Gößnitz, die beide als Kommunalpolitiker in wichtigen Positionen den damaligen Einigungsprozess erlebt und gestaltet haben, Gumprecht als Landrat des dann fusionierten Kreises, Schubert als sein langjähriger Stellvertreter.


OVZ:
Wissen Sie noch, was sie am 1. Juli 1994 gemacht haben?

Christian Gumprecht: Ich hatte alle Mitarbeiter in den Landschaftssaal und in den Lichthof nach Altenburg eingeladen, das waren ziemlich viele. Vorher haben Arbeitsgruppen festgelegt, in welchem Amt jeder anfängt. Ich hatte ja für jeden Posten zwei Bewerber.

Hartmut Schubert: Das war jedenfalls eine überraschende Veranstaltung, denn von den Leuten, die ich kannte, wusste keiner etwas davon, und was nun auf ihn zukommt. Nicht die Amtsleiterin für Soziales aus Schmölln und nicht einmal ich, dass ich kommissarisch die Abfallwirtschaft leiten soll.

War die Fusion der beiden Kreise aus heutiger Sicht richtig?

Hartmut Schubert: Dazu gibt es eine Geschichte. Wir wollten für den Kreis Schmölln für 1994 einen Haushalt aufstellen und hatten dazu Helfer aus unserem Partnerkreis, dem Enzkreis in Baden-Württemberg. Der Etat hatte riesige Löcher und die Enzkreis-Leute wiesen darauf hin, dass so ein kleiner Kreis Schmölln sich auch keinen Dezernenten Schubert leisten könne. Die Einwohnerzahl reichte einfach nicht aus.

Ist Schmölln bei der Fusion untergebuttert worden oder war diese auf Augenhöhe?

Christian Gumprecht: Auf Augenhöhe, was zum Beispiel die Stellen betrifft. Ich habe Altenburger nicht mehr als Amtsleiter weiter eingesetzt, die dann auch lange nicht mehr mit mir gesprochen haben. Die Frage hieß: Wie kann ein Landkreis bei der Erfüllung der Aufgaben äquivalent zusammenwachsen. Da war doch Schmölln mit Dr. Schubert zum Beispiel im Bereich der Abfallwirtschaft wesentlich besser aufgestellt. Das Schmöllner Gebührensystem war besser und deshalb wurde es übernommen. Auch die Mitarbeiter im Bauordnungsamt waren absolute Fachleute und ein Gewinn.

Das war die Verwaltung, und wie fand die Fusion der Regionen statt?

Christian Gumprecht: Bei der Fusion handelte es sich nur um einen Zusammenschluss der Verwaltungen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit entsteht nicht per Unterschrift, dies ist ein subjektives Empfinden.

Hartmut Schubert: Dieses subjektive Empfinden ist immer so eine Sache, vor allem beim kleineren Partner. Bei einem so kleinen Kreis Schmölln mit 30 000 Einwohnern war das Wirken der Verwaltung viel deutlicher zu spüren, als dann später im großen Kreis, wo dann alles etwas langsamer lief. Und dann war das Landratsamt Altenburg auf einmal auch viel weiter weg. Auch für Schmölln als Ort war es ein Verlust, das ist ja klar. Für die anderen Orte, wie auch Gößnitz, hat man sich schon historisch stärker zu Altenburg gehörig gefühlt.

Was zählen Sie denn zu den größten Erfolgen für das Altenburger Land seit 1994?

Christian Gumprecht: Den Bau des Klinikums mit der bewussten Entscheidung, auch den Schmöllner Standort zu erhalten, weil dort sehr starke Bindungen der Bevölkerung hin bestanden. Dazu kam natürlich die Theaterfusion mit Gera. Und viele Altenburger haben zum Beispiel die Entwicklung der Burg Posterstein als eine richtige Bereicherung empfunden, die bis dahin dort weithin unbekannt war.

Hartmut Schubert: Für mich zählt zu den großen Erfolgen die Integration nach Thüringen, weg vom Denken an den alten Bezirk Leipzig. Die Diskussion, sich an Sachsen anzugliedern, ist ja bis heute immer noch nicht ganz ausgeräumt, aber der Anschluss an Thüringen ist im wesentlichen gut gelungen, obwohl immer mal wieder die Auffassung durchdringt, wir sind ein vergessener Landstrich. Das ist aber keinesfalls so.

Was ist nicht so gut gelaufen?

Hartmut Schubert: Nach wie vor ist die Verkehrsanbindung schlecht. Das muss man so sagen, vor allem was den Altenburger Raum betrifft. Die Entwicklung der B 93 als Anbindung an Leipzig und Zwickau ist bis heute nicht gelungen. Heute hängt vieles von Straßen ab. Hier gab es zu wenig Unterstützung, auch von Sachsen, die daran wenig Interesse hatten und ihre neue Autobahn extra schön weit weg vom Altenburger Land gebaut haben. Und für Thüringen war die B 93 im Altenburger Land auch nicht das wichtigste Vorhaben.

Christian Gumprecht: Die Anbindung an Leipzig entspricht nach wie vor nicht den Erfordernissen. Wir kommen einfach nicht an die neue A 72 heran, weil es bis Borna schwierig und Frohburg blockiert ist. Die Sachsen machen hier nicht genügend Druck.

Was waren für die prägenden Ereignisse, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben?

Hartmut Schubert: Mir fällt da sofort Ryanair ein. Das war natürlich keine Erfolgsgeschichte. Es war ein Fehler, sich auf die einzulassen. Man kann aber niemandem einen Vorwurf machen, dass das mit Ryanair angekurbelt wurde, weil es damals sehr vielversprechend aussah. Aber es war schon zu Beginn alles grenzwertig, zum Beispiel, wie es zur Genehmigung gekommen ist. Oder als die Fluggesellschaft Zuschüsse haben wollte, wenn sie statt auf einer auf drei Linien fliegt. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich innerlich davon verabschiedet. Das sieht man ja auch auf anderen Flugplätzen, wo Ryanair auch nicht mehr fliegt.

Christian Gumprecht: Auf Dauer hat es die Region ausgezehrt. Aber es hat dem Selbstbewusstsein der Altenburger ungeheuer gut getan. Jeder fühlte sich auf einmal London näher als Erfurt. Das war das Positive an Ryanair.

Hartmut Schubert: Wir sind damals nach London geflogen und dann von dort zurück mit der ersten Ryanair-Maschine in Nobitz gelandet. Da standen 2000 Leute auf den Flugplatz. Das war Wahnsinn.

War es richtig, so lange am Flugplatz Nobitz festzuhalten?

Christian Gumprecht: VW ist ja damals schon von dort geflogen, als der Platz noch unter russischer Hoheit stand. Dann stand die Frage, weitermachen oder nicht? VW hat klar gesagt: Wir brauchen Nobitz. Da gab es für uns keine Alternative. Der Flugplatz war da und ihn als wirtschaftlichen Betrieb in einer kaufmännisch vertretbaren Lösung weiterzuführen, war richtig. Die Hoffnung, dort flugaffines Gewerbe anzusiedeln, ist ja bis heute sehr groß.

Hartmut Schubert: Es wäre schlaumeierisch, Nobitz im Nachhinein in Frage zu stellen. Bei der Entscheidung, machen wir dort weiter, ja oder nein, spielte immer die Hoffnung eine Rolle. Natürlich ist dort viel Geld verbrannt worden. Damit hätte man Schulen oder anderes sanieren können. Das kann man nun nicht mehr rückgängig machen. Deswegen würde ich das Festhalten am Landeplatz auch nicht als Fehler bezeichnen und den Entscheidungsträgern von damals diesen vorzuwerfen. Auch heute gibt es neue Pläne dort, wie das Industriegebiet. Und die Kosten von damals sind ja heute auch heruntergefahren worden.

Die Regionen im Altenburger Land haben sich unterschiedlich entwickelt – manche gut, mache weniger. Musste das so sein?

Hartmut Schubert: Vieles hängt von den Entscheidungsträgern vor Ort ab. Die Weichen wurden in kurzer Zeit gestellt. Da hat Schmölln mit seinem damaligen Bürgermeister Herbert Köhler Glück gehabt. In Gößnitz war dies nicht so, wo es viele Jahre im Stadtrat viel Streit gab.

Christian Gumprecht: Es gibt die Person des Bürgermeisters als Macher, zweitens die günstige oder ungünstige Lage zur Autobahn. Und drittens hat Schmölln für seinen Verlust der Kreisstadt sehr viel Geld bekommen.

Hat die Stadt Altenburg ihre Potenziale ausgeschöpft?

Hartmut Schubert: Eigentlich nicht. Zum Beispiel hat man sich nicht rechtzeitig um eine ordentliche Verkehrsanbindung gekümmert. Man hat viel auf Historie und Denkmäler gesetzt und weniger auf Gewerbeansiedlungen.

Christian Gumpecht: Altenburg hat Zeit bei wichtigen Verkehrsprojekten, wie der Ortsumfahrung, verschenkt und musste erleben, dass durch den Sitz des Straßenbauamtes Ostthüringen in Gera eben in Gera mehr verbaut wurde. Außerdem besaß Altenburg aufgrund seiner Größe und Struktur mehr Probleme als Schmölln. Und viele hingen auch sehr lange der gescheiterten Idee nach, sich Sachsen anzugliedern.

Das Ranking des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung weist das Altenburger Land auf Platz 262 in Deutschland aus. Warum liegt der Landkreis immer so weit hinten?

Christian Gumprecht: Viele große Unternehmen haben ihre Sitz woanders und zu wenig Bindung an die Region, die wesentlich geringer als woanders ist. Damit findet auch wesentlich weniger Unterstützung für die Region statt. Zweitens, und das trifft vor allem auf Altenburg zu, haben wir eine große Sogkraft durch Leipzig. Der Zuzug von jungen Leuten dorthin ist gigantisch. Darunter leiden wir. In Leipzig wohnen und in Altenburg arbeiten. Das tun zum Beispiel 70 Prozent der Ärzte des Altenburger Krankenhauses. Wenn die Baulandpreise in Leipzig nicht mehr bezahlbar sind, müssen wir in der Lage sein, hier genügend Bauland auszuweisen.

Hartmut Schubert: Das Hauptproblem ist, und das sieht man auch beim Burgenland oder dem Landkreis Leipzig, dass die Region einen riesigen Strukturwandel durchmachen muss. Braunkohle und Wismut haben die Region geprägt, eine starke Landwirtschaft, wo sehr viele Menschen gearbeitet haben, jetzt aber nicht mehr. Ein solcher Wandel zieht sich über Generationen hin. Aber wir stehen ja so schlecht auch nicht da und haben eine hervorragende Lage zwischen Leipzig, Chemnitz und Zwickau.

Zur Person: Christian Gumprecht

Christian Gumprecht wurde 1990 zum Landrat im Kreis Altenburg gewählt und trat im selben Jahr in die CDU ein. 1994 wurde er in dieser Funktion für den neuen Kreis Altenburger Land bestätigt, verlor allerdings die Landratswahl 2000. Danach war der Diplomingenieur für Elektrotechnik vier Jahre bei der Landesentwicklungsgesellschaft beschäftigt und zog 2004 für die CDU in den Thüringer Landtag ein, dem er bis 2014 angehörte. Dort wirkte er im Innen- und im Sozialausschuss.

2009 wählte ihn die CDU-Fraktion als Sprecher für Gesundheit, Familie, Soziales und Verbraucherschutz. Er gehört seit Jahren dem Kreistag an, amtiert seit 2015 als dessen Vorsitzender und wurde am 26. Mai wiedergewählt. Der 68-Jährige wohnt in Kotteritz, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Zur Person: Hartmut Schubert

Hartmut Schubert bewarb sich 1990 als Umweltdezernent für das Landratsamt des Kreises Schmölln und war fortan für Landwirtschaft, Veterinärwesen und Umweltschutz zuständig. 1995 wurde der promovierte Chemiker zum ersten Stellvertreter des Landrats gewählt, zuerst von Landrat Christian Gumprecht (CDU) und ab 2000 von dessen Nachfolger Sieghardt Rydzewski (SPD, dann parteilos).

2004 zog Schubert für die SPD als Abgeordneter in den Thüringer Landtag ein. 2009 wurde der Gößnitzer Staatssekretär im Sozial- und ab 2014 im Finanzministerium. Außerdem gehörte er viele Jahre dem Kreistag an, wurde am 26. Mai aber nicht wieder gewählt.

Schubert ist Stadtrat in Gößnitz, der 59-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Von Jens Rosenkranz

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