Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Altenburg Selina gelingt in Meuselwitz ein neuer Weg ins Leben: „Ohne WG hätte ich’s nicht geschafft“
Region Altenburg

Spendenaktion „Ein Licht im Advent“: Selina gelingt in Meuselwitz ein neuer Weg ins Leben

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:03 12.12.2020
Lesen ist Selinas Lieblingsbeschäftigung. Sie mag vor allem Fantasy – wie „Die Meisterin“ von Trudi Canavan.
Lesen ist Selinas Lieblingsbeschäftigung. Sie mag vor allem Fantasy – wie „Die Meisterin“ von Trudi Canavan. Quelle: Mario Jahn
Anzeige
Meuselwitz

In stillen Momenten entflieht Selina in eine Fantasiewelt zwischen den Zeilen. Sie taucht ab in das Leben des Bettlermädchens Sonea, das gegen die mächtige Gilde der schwarzen Magier aufbegehrt und seine eigenen magischen Fähigkeiten entfaltet. Eine wundersame Welt voller Abenteuer, aufgeschrieben von Trudi Canavan in „Die Meisterin“. Selina verschlingt gerade den dritten Band.

Magische Fähigkeiten hatte die 15-Jährige nie – gemeistert hat sie trotzdem schon so einiges. Sie hat in der Schule aufgeholt, schmiedet Berufswünsche, tanzt seit diesem Jahr bei den Energy Diamonds in Altenburg. „Ich bin zufrieden, wie es in den letzten Jahren gelaufen ist“, sagt Selina. „Ich hätte das nicht geschafft, wenn ich nicht hierher gekommen wäre.“

Seit sechseinhalb Jahren in der WG

Hierher – damit meint sie ihr Zuhause auf Zeit, das sie seit inzwischen sechseinhalb Jahren bewohnt. Die Wohngruppe des Innova Sozialwerks in der Meuselwitzer Mühlgasse. Zusammen mit sieben anderen Kindern hat die Jugendliche hier eine sichere Bleibe, wird von Erziehern betreut und hat dabei vor allem Selbstständigkeit gelernt. „Es ist manchmal ein bisschen schwierig mit so vielen anderen in einem Haushalt. Es haben ja alle unterschiedliche Interessen. Aber irgendwie ist es auch schön, in Gemeinschaft zu sein.“

Unerwartete Zäsur

Dabei war für Selina der Anfang alles andere als leicht. Die Nachricht, von der Oma weg zu müssen, bei der sie zuletzt wohnte, kam für sie völlig unerwartet. „Ich habe es erfahren und gleich am nächsten Tag nach der Schule musste ich weg“, erinnert sich Selina. Raus aus der Heimatstadt Altenburg, umziehen in das ihr unbekannte Meuselwitz, zu fremden Mitbewohnern in einem fremden Haus. Ein herber Einschnitt für die damals Neunjährige. „Ich empfand das als bedrückend. Ich war ja die Jüngste hier und wurde auch so behandelt. Die Größeren durften dann in meinem Beisein bestimmte Fernsehsendungen nicht mehr sehen und waren darüber nicht amüsiert.“

Selina fand schnell eine Freundin in der Wohngruppe

Allerdings: Sie habe in der Wohngruppe auch sofort eine Freundin gefunden. Und nach ein paar Monaten, schildert Selina, hatte sie sich eingelebt. Inzwischen gehört die 15-Jährige hier zu den Ältesten, hat so manches Kind kommen und wieder ausziehen sehen, hat Kinder mit ähnlichen Lebensgeschichten kennengelernt und manche Freundin – wenn die zurück in ihre Familie konnte – wieder aus den Augen verloren.

Selina wird in der Mühlgasse bleiben, bis sie 18 ist. Das weiß sie schon. Eine Rückkehr zur Oma oder zur Mutter, zu der sie nur wenig Kontakt hat, steht nicht an. Sie sei ohne Groll auf ihre Familie und ohne Hader über ihren Lebenslauf, sagt Selina, wenngleich sie sich manchmal frage, was genau da vor Jahren aus der Bahn geraten ist. „Ich schaue lieber nach vorn“, betont die Regelschülerin. „Ich habe angefangen, mich für eine Ausbildung im Einzelhandel zu bewerben. Ich möchte beruflich in Richtung Mode gehen, Kunden beraten, am liebsten hier irgendwo in der Nähe.“

Regelmäßige Ausflüge und eine Woche Urlaub

Selina weiß längst, was sie will. Das Erzieherteam in der Wohngruppe habe ihr dabei geholfen. Vor ihrem Einzug hier habe sie oft die Schule vernachlässigt. „In der WG bekam ich dann viel Unterstützung, zum Beispiel bei den Hausaufgaben. Ich konnte auch an Schulwandertagen teilnehmen, was vorher nicht ging.“ Selina schätzt zudem die regelmäßigen Ausflüge mit der Gruppe – zum Bowling, ins Kino, mal Essen gehen und in den Sommerferien eine Woche Urlaub. Für die 15-Jährige sind das ganz besondere Momente.

Wenn sie Zeit für sich allein braucht, zieht sie sich in ihr Zimmer zurück. Sie hat es sich nach ihren Vorstellungen gestaltet – mit Bildern an der Wand, einem Spiegel und zusätzlichen Bücherregalen. Lesen ist Selinas großes Hobby. Später, sagt sie, möchte sie auch selbst eine Familie gründen. Und vielleicht liest sie ihren Kindern dann vor: Geschichten von kleinen Mädchen mit magischen Fähigkeiten.

Hier ist erklärt, wie Sie spenden können.

Von Kay Würker