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Altenburg Suche nach Kinderarzt mit der Lizenz zum Gipsen führt immer wieder in die Notaufnahme
Region Altenburg Suche nach Kinderarzt mit der Lizenz zum Gipsen führt immer wieder in die Notaufnahme
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08:12 28.04.2019
OVZ-Mitarbeiterin Maike Steuer und ihr fünfjähriger Sohn Oskar haben eine kleine Odyssee hinter sich, nachdem der Junge sich in den Ferien am rechten Arm verletzte. Quelle: Foto: privat
Altenburg

Sie könnten so entspannt sein, die freien Tage rund um Ostern. Die Kinder haben Ferien, die Erwachsenen oft Urlaub. Doch wehe, wenn die schöne heile Welt Brüche bekommt – im Wortsinn. Dann macht die Medizin-Landschaft des Landkreises deutlich, was Einsamkeit bedeutet. Alle Wege führen in die Notaufnahme des Altenburger Klinikums, auch wenn man diese stark frequentierte Anlaufstelle eigentlich meiden will.

Das Drama in drei Akten nimmt seinen Lauf am Ostersonntag. Wir Erwachsenen haben gerade auf dem Freisitz eines Restaurants Platz genommen, da heult mein Sohn Oskar plötzlich laut auf. Gestürzt ist er, wie schon so oft in seinem fünfjährigen Leben. Und doch klingt sein Gebrüll dieses Mal nach mehr als bloß einer Schramme. Sein rechter Ellenbogen hat Bekanntschaft mit dem Kopfsteinpflaster gemacht. Passiert im Bruchteil von Sekunden.

Notaufnahme, die Erste

Weil die Schmerzen auch am Nachmittag einfach nicht weniger werden wollen, muss Hilfe her. Notaufnahme? Lieber nicht. Die OVZ-Berichte über wachsenden Andrang sind noch vor Augen: Mehr als 20 000 Menschen suchen dort jährlich Hilfe, mit längeren Wartezeiten ist deshalb zu rechnen. Doch am Sonntagnachmittag hat der Bereitschafts-Kinderarzt des Landkreises bereits geschlossen, verrät die Übersicht der Kassenärzte. Also fahren wir mit dem flügellahmen Adler doch in die Notaufnahme. Und warten ... Drei Stunden später trägt mein Kind Gipsschiene.

Hier könnte diese Geschichte enden, wäre da nicht der Hinweis: „Lassen Sie das am Dienstag noch mal checken.“

Also noch mal los – diesmal soll’s aber nicht die Notaufnahme sein. Kinderchirurg Dr. Andreas Just in Altenburg ist der Mediziner meiner Wahl, er kennt sich aus mit gebrochenen Kinderarmen. Doch Überraschung: Wir stehen vor verschlossener Tür. Er ist im Urlaub – leider findet sich diese Botschaft erst am Aushang an der Tür. Und die Vertretung? In Leipzig. Patienten mögen sich an die Kinderchirurgie im Kinderzentrum am Johannisplatz in der Messestadt wenden, wird mitgeteilt. Gut 50 Kilometer Fahrt für Noch-mal-drüber-gucken?

Notaufnahme, die Zweite

Ein Anruf bei Oskars Kinderärztin bringt ebenfalls nichts – auch sie nutzt die Ferien für Ferien. Kurzer Anruf auf der Kinderstation im Krankenhaus: Ja, die könnten sich kümmern. Also wieder in die Notaufnahme zum erneuten Wartemarathon. „Eigentlich sind wir nicht für die Nachsorge der Gipsschiene beim Kind zuständig ...“, heißt es dort. Das leuchtet ein, es ist ja kein Notfall. Aber wo sollen wir sonst hin?

Ein Anruf bei „der Nummer, die hilft!“ von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) unter der 116 117. „Guten Tag! Sie rufen außerhalb der Einsatzzeiten des Bereitschaftsdienstes an. Dieser beginnt um 14 Uhr“, informiert mich eine freundliche Computerstimme. „Richtig so“, bestätigt KV-Pressesprecher Veit Malolepsy. Denn Bereitschaft wird nur außerhalb der regulären Öffnungszeiten von Arztpraxen geregelt. Aber eben nicht, wenn der eigene Arzt nur Urlaub macht und damit auch vormittags zu hat. Überhaupt, weist Malolepsy hin, hätten wir in Altenburg doch echt Glück, überhaupt einen Kinderchirurgen zu haben und mit 200 Prozent noch dazu den höchsten Versorgungsgrad bei Kinderärzten in ganz Thüringen. Außerdem: „Im Zweifel kann der Patient seine Lage auch als schwerwiegender einschätzen und den Rettungswagen rufen“ – der uns wieder in die Notaufnahme brächte, bloß von der anderen Seite.

Im Klinikum knacken wir auch am Dienstag die Wartezeit-Marke von drei Stunden, weil die echten Notfälle vorgezogen werden müssen. Eigentlich, erinnere ich mich, sollten am Klinikum schon 2017 direkt vor Ort Notdienstpraxen angesiedelt werden, wo Menschen ohne dringenden Behandlungsbedarf allgemeinmedizinisch weiterversorgt werden können. Sogenannte Portalpraxen. Realisiert ist das bislang nicht. „Zu dieser Thematik ist unser Klinikum im Gespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung“, erklärt Sprecherin Nina Gilg später auf Nachfrage.

Immerhin: Nach erneutem Röntgen und frischer Gipsschiene ist es geschafft. Dachte ich. Am Mittwochmorgen ist Oskars rechte Hand dicker als die andere und ich bin hellwach. Offenkundig drückt der Gips die Armvene ab.

Schon wieder Notaufnahme? Ich versuche es erneut zu verhindern. Der Kinderchirurg meines Vertrauens hat bis zum Ferienende Urlaub. Das gilt auch für mehrere andere, „normale“ Kinderärzte in Altenburg. Doch die hätten uns ohnehin nicht helfen können, erfahre ich kurz darauf, denn ein „normaler“ Kinderarzt gipst nicht. Denn dafür bräuchte es eine Art Zusatzqualifikation, hieß es. Und prompt folgt der gut gemeinte Hinweis: „Fahren Sie doch in die Notaufnahme!“ Ich komme ich mir vor wie in einem Sketch von Loriot.

Notaufnahme, die Dritte

Immerhin: Bei Besuch Nummer drei geht es überraschend fix. Und das Klinikum hat auf OVZ-Nachfrage auch ermunternde Worte parat: „In unserer Notaufnahme findet in jedem Fall schnellstmöglich eine Erstversorgung der Patienten statt und ist zu jeder Zeit gewährleistet“, sagt Sprecherin Nina Gilg. Auch das nötige Fachpersonal – etwa für gebrochene Kinderarme – stehe zur Verfügung: „In unserer Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie unter Leitung von Chefarzt Dr. Sören Schoen stehen spezialisierte Unfallchirurgen mit langjähriger Erfahrung in der Kindertraumatologie zur Rundum-Absicherung der ärztlichen Versorgung bereit.“ Die pflegerische Betreuung erfolge durch die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin unter Leitung von Chefärztin Kerstin Ehrentraut.

Trotzdem bleibt für Oskar und mich als Moral von der Geschicht’: Wenn schon Knochen brechen, dann möglichst nicht in den Ferien.

Von Maike Steuer

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