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Altenburg Um die Ostsee auf dem Fahrrad
Region Altenburg Um die Ostsee auf dem Fahrrad
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04:06 21.08.2018
Nach 7500 Kilometern wieder zu Hause: Die Ostsee-Umrunder Ralf Eichhorn (l.) und Siegfried Bauer kamen am Freitag wieder in Kriebitzsch an – und haben seitdem viel zu erzählen.
Nach 7500 Kilometern wieder zu Hause: Die Ostsee-Umrunder Ralf Eichhorn (l.) und Siegfried Bauer kamen am Freitag wieder in Kriebitzsch an – und haben seitdem viel zu erzählen. Quelle: Mario Jahn
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Kriebitzsch

Sitzen zwei Männer in der Kneipe. Sagt der Eine: „Ein Mal um die Ostsee radeln. Das wär’s!“ Sagt der Andere: „Lass uns das machen - in zehn Jahren, wenn ich in Rente bin!“ So oder ähnlich muss es sich zugetragen haben, damals im Frühjahr 2008, als Ralf Eichhorn und Siegfried „Siggi“ Bauer mit Freund Horst bei einem Bierchen zusammensaßen. Mit am Tisch: Ralf’s Ehefrau Petra, die das Gerede der Männer anfangs nicht ernst nahm. „Ich war dabei, als die Idee geboren wurde und hab’s als Spinnerei abgetan.“

Weit gefehlt, denn aus dem Hirngespinst entwickelte sich im Laufe der Jahre mit jedem angesparten Urlaubstag mehr auf dem Konto ein handfester Plan. Und dann ging es tatsächlich los...

Am Maifeiertag verabschiedeten sich die beiden Freizeitradler von Freunden und Familie. Vor ihnen 7500 Kilometer durch neun Länder und „die unendliche Freiheit“, wie Ralf Eichhorn schwärmt. Plötzlich hatte sich das Leben des Bauingenieurs auf eine einzige Baustelle reduziert. „Gleich zu Beginn ist mir mein altes Handy runter gefallen. Danach kamen keine Mails von Arbeit mehr an und ich hatte Ruhe“, merkt er grinsend an.

Von Kriebitzsch aus startete das Duo gen Polen, wo die Drahtesel nach nicht mal einer Woche zu lahmen anfingen.

„Tag 6, Gorzow, Polen: Heute hat uns bzw. mich das Pech verfolgt. Erst Ladekabel vom Handy und somit vom Navi kaputt, dann erster Plattfuß und ein paar lockere Speichen. Nachdem wir den Schlauch gewechselt hatten, ging’s weiter bis zur nächsten Tankstelle, um Luft nachzupumpen, und dort brach dann noch mein Ständer ab. Zu guter letzt fiel noch der Tacho aus“, schreibt der 53-Jährige auf seinem Reiseblog.

Zwei, die sich verstehen: Ralf Eichhorn und Siegfried Bauer posieren fürs Selfie vor einem Wasserfall bei Tallinn. Quelle: Ralf Eichhorn

Täglich postete er unter radostsee.blogspot.com neue Fotos und Erlebnisse und nahm so das ganze Dorf mit auf sein großes Abenteuer – das entspannter verlief, als es viele vermutet hätten, wie Eichhorn erzählt: „Uns wurde prophezeit, dass wir uns nach spätestens 100 Kilometern mit der Luftpumpe duellieren.“ Doch statt gegeneinander, kämpft sich das Duo gemeinsam immer weiter gen Norden. Auf Polen folgte mit Kaliningrad Russland Teil eins, Litauen und Lettland.

Der Katharinenpalast in Sankt Petersburg war ein Muss für die Radler. Quelle: Ralf Eichhorn

„Tag 28: Dieser Blog gebührt heute nur meiner lieben Frau. Danke für dein Verständnis und für die letzten 25 Jahre. Wir werden dafür den 26. feiern. 26 größer/gleich 25“, schreibt er am 28. Mai und begießt seine Silberhochzeit mit Siggi und einem Bierchen in Riga. Wobei die Radler ihrer Vorliebe für das gleichnamige Mischgetränk immer erst erklären mussten: „Radler kannte nirgendwo jemand. Fanden wir lustig!“

Nichts ging mehr im schwedischen Nationalpark. Die beiden mussten umkehren und drum herum fahren. Quelle: Ralf Eichhorn

Während die grobe Route von Anfang an feststand, sorgten Wetter und natürliche Begebenheiten öfter mal für spontane Planänderungen. „Manchmal waren 40 Kilometer schwerer als 100 Kilometer, wenn Gegenwind herrschte oder es steil bergauf ging.“ Und im schwedischen Nationalpark hätten sie sich völlig festgefahren, weil Wander- nun mal keine Radwege seien. Nur um kurz darauf mit der Polizei Bekanntschaft zu machen. „Wir sind aus Versehen auf der Autobahn gefahren, weil das nicht ausgeschildert war. Da haben sie uns runtergeholt“, berichtet der Vater zweier Söhne grinsend. Doch statt Knöllchen gab’s ein Selfie mit den Beamten und eine Anekdote mehr auf dem Reisekonto.

Sommer an der Ostsee. Auch um Mitternacht wird's nicht wirklich dunkel. Quelle: Ralf Eichhorn

Auch ihre Gepäck hatten die Radler bereits in Estland „angepasst“ und unnütze Dinge, wie Taschenlampen oder hohe Schuhe auf die vorzeitige Heimreise geschickt. „Wir hatten viel zu viel mit. Taschenlampen braucht hier kein Mensch. Denn es wird ja nie wirklich richtig dunkel“, so Siggi.

Auch am nördlichsten Punkt der Ostsee in Töre klebt nun ein Stückchen Kriebitzsch. Quelle: Ralf Eichhorn

Was hingegen ganz rege zum Einsatz kam und nun Schilder und markante Punkte rund um die Ostsee markiert, war ein Schwung Aufkleber des Kriebitzscher Wappens – ein Geschenk von Bürgermeister Bernd Burkhardt zur Abfahrt im Mai.

„Tag 64: Nach vielen Bergen und fast 100 km erreichten wir, geschafft, unser Ziel, den Campingplatz in Töre. Mit Töre haben wir den nördlichsten Punkt der Ostsee und somit auch unserer Reise erreicht. Ab jetzt geht’s ’bergab’ wieder Richtung Heimat.“

Unterwegs durch riesige Wälder, an menschenleeren Steilküsten entlang, immer wieder Seeblick beim Aufstehen und „gefühlt 500 Sonnenuntergängen“, trafen sie oft auf andere Fahrradtouristen aus aller Welt. „Viele zog es zum Nordkap. Fünf Tage weiter hoch und wir wären auch dort gewesen“, weiß Eichhorn.

Einen echten Elch bekam nur Siegfried zu Gesicht. Ein einziges Mal. Quelle: Ralf Eichhorn

Die Tierwelt hingegen gab sich schüchterner als erwartet. „Ihr werdet Elche, Rentiere, ja vielleicht sogar Bären sehen, haben sie gesagt. Aber nichts war’s“, beschwert sich Ralf. „Ich habe einen Elch gesehen“, hakt Siggi sofort ein. „Das kommt davon, wenn man immer voraus fährt.“

Wie sie da so mit sonnengebräunten Gesichtern, um einige Kilos leichter und mit einem seligen Lächeln auf den Bierbänken vorm Gemeindeamt in Kriebitzsch sitzen und das Erlebte Revue passieren lassen, reißt die Schar der Schulterklopfer und Gratulanten nicht ab. 109 Tage waren sie unterwegs. Für Siggi eine einmalige Sache. Ralf hingegen fällt direkt ein neues Ziel ein: „Irgendwann mal bis Gibraltar...“

Von Maike Steuer