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Altenburg „Uns hat das erschüttert“: Schauspiel-Autoren im Interview
Region Altenburg „Uns hat das erschüttert“: Schauspiel-Autoren im Interview
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13:09 24.11.2019
Die Autoren Sarah Nemitz und Lutz Hübner. Quelle: Foto: Patrick Rohner
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Gera

Am Sonntag, den 24. November, hebt sich in Gera erstmals der Vorhang für „Furor“. Das Schauspiel von Lutz Hübner und Sarah Nemitz stellt die aktuelle Frage nach demokratischen Werten und Diskussionsformen. Im Interview sprechen die Autoren über die Hintergrunde des Stücks.

„Furor“ ist ein Auftragswerk für das Schauspiel Frankfurt, das dort 2018 uraufgeführt wurde. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

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Wir arbeiten mit Anselm Weber schon seit seiner ersten Intendanz am Theater Essen zusammen. Wir haben dabei eine gemeinsame Arbeitsmethode entwickelt, die uns so mit keinem anderen Regisseur verbindet. Thema, politische Analyse und Erzählmöglichkeiten werden im gemeinsamen Brainstorming immer wieder untersucht, dann erst schreiben wir das Stück. So etwas kann vom ersten Treffen bis zur Premiere auch mal drei Jahre dauern, wie im Fall von „Furor“.

Gab es einen konkreten Auslöser, der Sie zu „Furor“ bewegt hat?

Wir wollten zum erstarkenden Rechtsextremismus arbeiten und haben lange Zeit zu Rathenau recherchiert, um die Netzwerke zwischen Straßenterror und Strippenziehern zu beleuchten, die den politischen Mord als legitime Eskalationsstufe im Kampf um die Macht betrachtet haben. Irgendwann wurde uns klar, dass die Analogie nicht alles abdecken kann, was wir bearbeiten wollten, also haben wir das fertige Szenario weggeschmissen und von vorne angefangen: einfache Grundsituation, Echtzeitdrama und so dialektisch wie möglich.

Seit der Uraufführung ist einiges passiert, das Stück könnte vermutlich stetig aktualisiert werden. Wie lange haben Sie angesichts dessen daran gearbeitet?

Als die Nachricht von der Ermordung des Politikers Lübcke kam, hat uns das erschüttert. Es war klar, dass irgendwann ein solches Attentat gelingen wird, das ist ja auch Thema des Stücks. Dass es aber schon wenige Monate nach der Premiere Realität wird, dazu in Hessen, wo die Uraufführung war, erzeugt ein mulmiges Gefühl. Es war vermutlich keine Frage des Ob, sondern nur des Wann. Wir haben überlegt, ob wir nach dem Attentat eine aktualisierte Fassung machen, haben aber davon Abstand genommen, da das Stück ja vor allem Denkweisen und Mechanismen beschreibt, an denen sich nichts geändert hat.

Im Stück treffen ein enttäuschter Paketbote und ein Politiker aufeinander. Welche Aufgabe kommt daneben Nele Siebold, der Mutter, zu?

Das ist die Position, die aus Überforderung und Ratlosigkeit anfällig für rechte Positionen sein könnte, aber trotzdem noch den demokratischen Konsens vertritt und dialogfähig ist. So jemand kann unter Umständen rechtsradikal wählen, ohne es deshalb zu sein – einfach nur als Protest und Denkzettel. Sie kann aber auch, wenn sie die Politik als gerecht und sozial empfindet, jemand sein, der sich engagiert und die Radikalen, wie Jerome, wieder einfangen kann. Sie steht für die Menschen, die in erster Linie pragmatisch denken und die die Politik nicht aus den Augen verlieren darf.

Während des Stücks schlägt man sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Ist das alarmierend?

Nein, das ist Absicht. Ein Stück, in dem nur eine Figur nachvollziehbare Positionen hat, fällt für uns eher in den Bereich der Ideologie und Propaganda. Jerome etwa liegt in der Analyse seiner beruflichen Situation ja nicht grundsätzlich falsch, er zieht nur die falschen Schlüsse. Man darf nicht den Fehler machen, „Wutbürger“ grundsätzlich zu verdammen, sondern muss sich Zeit nehmen, deren Argumente anzuhören und, wenn möglich, nachzuvollziehen. Dialog ist die einzige Chance die Spaltung der Gesellschaft einzudämmen. Das beinhaltet natürlich nicht Positionen, die zu Gewalt und Mord aufrufen, da muss man klar gegenhalten. Aber alles, was hilft, dass Menschen ihre Ressentiments überdenken oder zumindest begründen müssen, ist wichtig – auch wenn es schwerfällt. Wenn man bei der Gelegenheit die eigenen Gewissheiten auf den Prüfstand stellen kann, desto besser.

„Furor“, 24.11., 18 Uhr, Bühne am Park. Um 17 Uhr findet ein Autorengespräch mit Nemitz und Hübner statt. Weitere Vorstellungen am Di. 26.11.2019, 19:30 Uhr / Do. 28.11.2019, 18:00 Uhr / Fr. 29.11.2019, 10:30 Uhr / Sa. 07.12.2019, 19:30 Uhr.

Von OVZ