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Altenburg „Untergang der Titanic“ hat im Landestheater Altenburg Premiere
Region Altenburg „Untergang der Titanic“ hat im Landestheater Altenburg Premiere
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06:19 02.07.2019
Der Opernchor mimt die Auswanderer, die auf die Titanic wollen und das Theaterspektakel auf dem Vorplatz eröffnen.
Der Opernchor mimt die Auswanderer, die auf die Titanic wollen und das Theaterspektakel auf dem Vorplatz eröffnen. Quelle: Ronny Ristok
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Altenburg

Punkt 21.45 Uhr Altenburger Zeit kracht die Titanic in den Eisberg. Ein ohrenbetäubender Lärm lässt das Landestheater erbeben, der Fußboden vibriert. Für kurze Zeit gehen die Lichter aus. Obwohl die Zuschauer eigentlich wissen, dass dieser Moment kommen wird – denn wer kennt sie nicht, die Katastrophe, in die der als unsinkbar deklarierte Luxusdampfer 1912 mit voller Kraft voraus schipperte – fährt so manchem der Schreck in die Glieder. Doch für Schockstarre bleibt keine Zeit. Denn die akustisch exzellent inszenierte Kollision ist der Auftakt zu einem äußerst ungewöhnlichen Geschehen im altehrwürdigen Haus. Dieter Sieberts „Untergang der Titanic“ in der Regie von Martin Schüler dürfte beim aktiv einbezogenen Publikum unvergessen bleiben und ist in dieser Art bis dato beispiellos: eine Mitspiel-Oper in Altenburg. Am Freitag hatte sie Premiere. Zwei weitere, ebenso restlos ausverkaufte Vorstellungen folgten am Sonnabend und Sonntag.

Miriam Zubieta als Lady Madeleine Astor und Alejandro Lárraga Schleske als Colonel John Jacob Astor Quelle: Ronny Ristok

Beispiellos beginnt es schon gegen 19.40 Uhr. Passanten bleiben neugierig stehen, zücken ebenso ihre Handys wie viele auf Einlass wartende Karteninhaber. Denn plötzlich marschieren auf dem Theatervorplatz Matrosen auf, riegeln den Aufgang zum imaginären Schiff ab, von dessen Existenz eine weißbetuchte Ehrentribüne auf den Treppenstufen kündet. Artistische Einlagen verkürzen die Wartezeit, es wird passend statt eines Programmheftes die Bordzeitung verteilt. Noch im Freien ist kurz darauf der erste Opern-Akt zu erleben.

Die Passagiere der dritten Klasse, mittellose Auswanderer, intonieren stimmgewaltig mit Akkordeon-Begleitung „Hoppdidel-dudel-didel-hopsassa, wir fahren nach Amerika“, träumen davon, Millionär zu werden. Doch schon bald müssen sie Platz machen für die wahren Millionäre, die Passagiere der ersten Klasse. Sie fahren standesgemäß in Kutschen vor, erklimmen sie die Ehrentribüne, zelebrieren die Schiffstaufe.

Die Heizer haben eine anstrengenden Job auf der Titanic Quelle: Ronny Ristok

Dann geht es an Bord, zuletzt für die Passagiere der zweiten Klasse – die Zuschauer! Die machen große Augen beim Betreten des großen Hauses, denn sie erleben eine verkehrte Theaterwelt. Sie müssen sich ihre Plätze auf der bis hoch hinaus bestuhlten Bühne suchen. Das Geschehen auf der Titanic mit seinen Geschichten in den Kojen, auf Deck, im Ballsaal, der Brücke und im Funkerraum findet hingegen im Saal und auf den Rängen statt. Ein so ungewöhnlicher wie wunderbarer Blick.

Starren entgeistert aus dem Rettungsboot auf die untergehende Titanic: Mrs. Molly (Anne Preuß) und Lady Madeleine Astor (Miriam Zubieta). Quelle: Ronny Ristok

Bis zum großen Knall. Dann heißt es aufstehen und hinauf ins Rangfoyer. Weil ja noch niemand etwas von der Katastrophe merken soll, gibt es dort musikalische Unterhaltung, Sekt und Häppchen. Passagiere der ersten Klasse mischen sich tanzend unters Publikum. Der Aufforderung zum Mittanzen kommt allerdings niemand nach. Dafür ist es einfach zu eng. Dann plötzlich wieder ein Krachen, das Licht flackert. Über Lautsprecher sind die hektischen Anweisungen auf der Kommandobrücke zu hören: „Alle Schotten dicht!“ Während die Bordkapelle Ragtime spielt, verteilen Matrosen knallrote Rettungswesten. „Der Landrat hatte eine, ich nicht“, wird sich Oberbürgermeister André Neumann später augenzwinkernd beklagen. Kennt man ja von der Titanic. Nicht alle haben eine abbekommen.

Der 2. Offizier Charles H. Lightoller (Florian Neubauer) fungiert auch als Unterhalter im Rangfoyer, um die Passagiere bei Laune zu halten. Quelle: Ronny Ristok

Und wie im Original heißt es: „Frauen und Kinder zuerst.“ Viele Zuschauer brauchen eine Weile, um zu begreifen, dass sie den Weg durchs Theaterschiff tatsächlich ohne ihren Partner finden müssen. Vorbei an eingesperrten, verzweifelten Passagieren der 3. Klasse führt der Weg vom Rangfoyer über das Theater unterm Dach bis hinunter in den Keller des Orchestergrabens, dann über die Hinterbühne. Wie jetzt weiter? Eine kleine Gruppe weiblicher Passagiere der 2. Klasse irrt orientierungslos durch die Gänge. Kein Matrose vom Rettungspersonal in Sicht. Drei rußverschmierte Heizer springen hinter einer Biegung hervor, versperren fast den Fluchtweg. Endlich gibt ein Steward, der am Boden sitzt und wie von Sinnen mit Geldscheinen um sich wirft, den entscheidenden Hinweis – vorbei am Durchhalte-Orchester im Heizhaus hinaus in die rettende Nacht.

Gerade noch rechtzeitig, um die nunmehr unvermeidliche Katastrophe zu erleben. Tragische Szenen spielen sich auf der jetzt über dem Personaleingang installierten Bühne ab, verzweifelte Schreie hallen durch die Nacht. Matrosen bewegen ein Rettungsboot, in das es fast ausschließlich die gut betuchte Klientel geschafft hat, von der sinkenden Titanic weg, während die Ertrunkenen der 3. Klasse klagend durch die Premierenzuschauer gehen.

Lebendige Inszenierung, die aber ihre Längen hat

„Untergang der Titanic“, eine große Oper mit Salonorchester, ist 1979 für die Berliner Festwochen entstanden. Die Musik stammt aus der Feder von Wilhelm Dieter Sieber. Der Dramaturg Karl Dietrich Gräwe hatte sie schon damals als Mitspiel-Oper konzipiert. Ihre Uraufführung erlebte sie an der Deutschen Oper Berlin. In Altenburg setzt Martin Schüler sie in Szene, die Dramaturgie liegt in den Händen von Felix Eckerle, die musikalische Leitung hat Thomas Wicklein. Letzterer muss mit seinen Musikern vom Philharmonischen Orchester sowohl die Rolle der Titanic-Bordkapelle spielen und zugleich für die orchestrale Begleitung des Gesangs sorgen. Für die ungewöhnliche Bühne zeichnet Gundula Marten verantwortlich, für die wunderbaren Kostüme Hilke Lakonen. Der Opernchor sowie der Kinder- und Jugendchor agieren stimmgewaltig in der Einwandererszene, begleitet vom Altenburger Akkordeonisten Werner Osten (alternierend Konstantin Iwanow). Zudem unterstützen einmal mehr rund 20 Altenburger Laiendarsteller das Theaterteam.

Das Geschehen ist schnell erzählt. Colonel Astor (Alejandro Lárraga Schleske) agiert kaltschnäuzig als Börsenspekulant, während sich seine Gattin Lady Madeleine (Miriam Zubieta) mit dem 2. Offizier (Florian Neubauer) vergnügt oder malt. Zubieta muss ihre Rolle einer Erkältung wegen zumindest die ersten drei Vorstellungen stumm spielen. Sie wird gesanglich von der Weimarer Sopranistin Christina Bernhardt gedoubelt. Die beiden Damen agieren erstaunlich lippensynchron. Warenhausbesitzer Strauss und seine Frau (Johannes Beck und Judith Christ), Geschäftsmann Guggenheim (Kai Wefer) und Mrs. Molly (Anne Preuß) mit Tochter und Zofe (Ronja Weese und Abenaa Prempeh) komplettieren das Passagier-Team der 1. Klasse, das sich die Zeit auf dem Sonnendeck mit Malerei und Shuffleboard oder einem Gläschen Sekt vertreibt. Auswanderer werden von den Matrosen (allesamt Laiendarsteller) unerbittlich von dort vertrieben. Und zwischendrin immer der windige Reporter Frank Holloway, der nach der großen Story fischt. Hier mischt sich mit Bruno Beeke der einzige Schauspieler unter das Sängerensemble.

Die überforderten Funker (Omar G. Garrido und Günter Markwarth) geben erst viel zu spät Eiswarnungen anderer Schiffe an die Brücke weiter. Zu beschäftigt sind sie mit dem Übermitteln von Botschaften gut zahlender Passagiere. Als die Aktien der Reederei durch die Spekulationen von Astor in den Keller fallen, zwingt White-Star-Line-Präsident Ismay (Janos Ocsovia) den Kapitän (Ulrich Burdack) die kürzere, aber gefährlichere Nordroute zu wählen, um pünktlich in New York anzukommen. Das Ende ist bekannt.

Die Musik Sieberts trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Große, eingehende Melodien darf man nicht erwarten. Oft dominiert der Sprechgesang, was freilich die Text-Verständlichkeit befördert. Zudem kommt die Handlung teils recht langatmig daher. Weder gibt es in der guten Stunde, in der die Zuschauer wirklich nur Zuschauer sind, spannende dramaturgische Wendungen noch Charaktere, an deren Schicksal man wirklich Anteil nimmt. Das Plus des Abends ist eindeutig die lebendige Inszenierung, immer dann, wenn das Haus verlassen und wenn das Publikum einbezogen wird.

Von Dana Weber und Ellen Paul