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Altenburg Wilde Früchte trägt das Altenburger Land
Region Altenburg Wilde Früchte trägt das Altenburger Land
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12:08 22.06.2019
Nicht nur Oase für die kurze Erholung zwischendurch, sondern auch Herberge für leckere Früchte: Streuobstwiesen – wie hier am Südbad in Altenburg – gibt es im Kreisgebiet viele. Quelle: Mario Jahn
Altenburger Land

 In die Supermarktauslage greifen kann jeder. Seine Früchte selbst vom Baum pflücken theoretisch auch. Denn sowohl im Stadtgebiet als auch in den weiten Landschaften des Altenburger Landes gibt es zahlreiche wilde Gewächse und Wiesen, die das Sammeln auf eigene Faust möglich machen. Sie zu finden, ist aber nicht immer einfach. Bevor die Haupternte-Saison naht, hat sich die OVZ schlau gemacht, was bei der Ernte beachtet werden muss, welche fruchtigen Spots die Region bereit hält und an welchen Stellen Potenzial verschenkt wird.

Ein digitaler Obst-Atlas fürs Altenburger Land

Für die Entdeckung essbarer Landschaften im Netz gibt es seit zehn Jahren eine Plattform, die einschlägige Fundorte in der Nachbarschaft sichtbar macht: mundraub.org. Ein Begriff, der in der früheren Rechtssprache den Diebstahl oder die Unterschlagung einer kleinen Menge von Nahrungsmitteln einschloss. Auf den ersten Blick ein eher missverständlicher Name für eine Initiative, die sich einen respektvollen Umgang mit der Natur und vor allem eine legale Ernte auf die Fahnen schreibt.

Entstanden aus dem Wunsch nach einem höheren Bewusstsein für die eigene Heimat und ihre wildwachsenden Schätze wächst die Community an „Mundräubern“ inzwischen kontinuierlich, sagt Kai Gildhorn, Mitbegründer der Online-Plattform. Die Idee für den inzwischen größten digitalen Obst-Atlas kam ihm und seinen Partnern in Sachsen-Anhalt. Dort stehen, laut Angaben des Magdeburger Verkehrsministeriums aus dem Jahr 2014, nämlich über 300 000 Bäume am Wegesrand, die Gratis-Pflückware versprechen. „Ein Mekka“ und damit der perfekte Ausgangspunkt, wie Gildhorn rückblickend feststellt.

Kirschen, Äpfel, Birnen und Pflaumen gibt es häufigsten

Im Altenburger Land gibt es immerhin eine Hand voll Spots, die von fleißigen Nutzern eingetragen wurden. In der Stadt ist zum Beispiel ein alter Haselbaum zwischen Pappel- und Birkenstraße verzeichnet. Auf dem Gelände am Bahnhof wächst ein Apfelbaum, dessen Früchte, laut seinem Entdecker, „wohlschmeckend und recht klein sind“.

Wie funktioniert „mundraub.org“?

Die Online-Plattform mundraub.org hat inzwischen über 70 000 Mitglieder und mehr als 50 000 eingetragene Fundorte – nicht nur in Deutschland. Das Gebiet reicht über den europäischen Raum hinaus bis in Teile Russlands. Wer sich als „Mundräuber“ registriert, kann von da an alles, was er in seiner Umgebung entdeckt in die interaktive Karte eintragen, andere Beiträge ergänzen oder aktualisieren. Bäume, Sträucher, Kräuter und Nüsse säumen das umfangreiche Handbuch.

Nutzer, die auf der Suche sind, können über die Standortsuche der Karte ihre Region anwählen. Wird man fündig, punktieren Symbole – in Form der entsprechenden Frucht – den Fundort. Der „Mundräuber“, der den Hinweis eingetragen hat, hinterlässt in der Regel eine Information zum Standort (nicht immer ganz genau), der Frucht und ein paar praktische Hinweise. Die Plattform stiftet zu jedem Eintrag noch Wissenswertes zum wilden Gewächs, wie zum Beispiel Infos über den Reifegrad, Rezepte oder Tipps für Allergiker.

Außerhalb des Stadtgebietes melden „Mundräuber“ zum Beispiel auf der Landstraße zwischen Gerstenberg und Knau oder am Bischofsweg in Lucka (Richtung Feld) zahlreiche Kirschbäume. Die Steinfrucht, wagt man eine ausgiebige Tour durch die Region, ziert zuhauf die Straßenränder und gehört, mit dem Apfel, der Birne und der Pflaume, zu den am weitesten verbreiteten Früchten im Altenburger Land. Diplombiologin Margitta Pluntke, die am hiesigen Naturkundemuseum arbeitet, veröffentlichte 2013 im hauseigenen Heft „Mauritianum“ eine Übersicht über alle Apfel- und Birnensorten im Altenburger Land seit 1949. Stolze 321 Apfel- und 97 Birnensorten kamen dabei herum.

Service-Bedarf in ländlichen Regionen geringer

„Es gibt sicher noch viel mehr Orte als die, die auf unserer Plattform auftauchen“, bekräftigt der mundraub-Gründer. „Sie wurden bisher nur nicht kenntlich gemacht.“ Dass die Ausbeute im Altenburger Land auf ihrer Seite verhältnismäßig klein ist, erklärt er sich so: „Wir gehen davon aus, dass der Bedarf in ländlicheren Regionen einfach nicht so hoch ist. Viele Leute haben selbst Gärten oder ähnliches, die sind auf solche Angebote nicht unbedingt angewiesen. In großen Städten gibt es dafür oft nicht genug Raum, da ist das Naturdefizit größer.“

Wildwuchs in Waltersdorf, am Haselbacher See und in Göhren

Die Eintragungen auf dem Portal sind mitunter schon einige Jahre alt. Stichprobenartig fahren wir nach Waltersdorf. Auf einem Feldweg am Ortsrand sollen Kirsche und Brombeere wachsen. Und siehe da: Kirschen ohne Ende, Brombeersträucher in der Blüte und Himbeeren und Holunder gibt es noch extra oben drauf.

Für die Kirschernte empfiehlt der Nutzer zurecht eine Leiter, da die Bäume auf einem kleinen Wall empor ragen. Am Haselbacher See gibt es Unmengen Sanddorn direkt am Radweg vom Ramsdorf nach Regis-Breitingen am Nordufer zu lesen. Der Geraer Straße folgend Richtung Kompostieranlage in Göhren stehen links und rechts des Weges Birnenbäume. Hier hat der „Mundräuber“ den Besitzer der Bäume ausfindig gemacht und die Erlaubnis zum Pflücken eingeholt.

Ein wichtiger Punkt: Eigentumsrechte. Die oberste Regel der Seite ist es, eben diese zu wahren. Bei den wenigstens Nutzern aber findet sich ein Vermerk zum Besitzer der Gewächse. Für Gildhorn ist klar: Alles, was auf offensichtlich privatem Grund und Boden steht, ist tabu. Aber ist das so einfach?

Eigentumsverhältnisse oft nicht auf den ersten Blick erkennbar

Die Besitzverhältnisse sind komplexer als vermutet. Zumindest wenn man im Idealfall davon ausgeht, sich vor der Ernte immer das Einverständnis abzuholen. Laut dem mundraub-Gründer gab es zwar noch nie Beschwerden, ganz sauber ist das im Grunde jedoch nicht.

Jana Fuchs, Pressesprecherin vom Landratsamt Altenburger Land, versucht etwas Klarheit zu schaffen. „Bäume, die zum Beispiel auf einer bebauten Fläche stehen, gehören eigentumsrechtlich demjenigen, der Grundstückseigentümer ist.“ Bäume, die am Rand von Feld- und Kreisstraßen wachsen, gehören wiederum dem Landkreis oder eben dem Eigentümer des angrenzenden Landwirtschaftsgrundstücks – so wie in Göhren.

Nach geltendem Bundesnaturschutzgesetz kann jedermann von wild lebenden Blumen, Gräsern, Farnen, Moosen, Flechten, Früchten, Pilzen, Tee- und Heilkräutern sowie Zweigen wild lebender Pflanzen aus der Natur profitieren. Bedingung ist es, dies pfleglich zu tun und nur an Stellen, die frei zugänglich sind.

Anzahl der Streuobstwiesen in der Region schwer überschaubar

Zum Beispiel auf Streuobstwiesen. Prominentes Beispiel der Stadt ist die kleine, aber feine Wiese am Südbad. Knapp 40 Bäume wachsen dort, die vorwiegend Äpfel tragen. Auch wenn viele der Bäume recht mitgenommen aussehen, tragen die Äste massig Früchte. Essbar und saftig sind die Kernfrüchte aber erst im September.

Wie viele Streuobstwiesen es in der gesamten Region gibt, ist schwer zu sagen. Das Landratsamt verfügt als Untere Naturschutzbehörde zwar über ein Register der Region. Dennoch machen die vielen kleinen Flächen und die unzähligen nicht registrierten Privatgrundstücke absolute Zahlen nur schwer möglich. Anja Rohland von der Naturforschenden Gesellschaft Altenburg bestätigt das. „In anderen Gebieten gibt es viel größere Flächen, die sich besser erfassen lassen.“

Nabu und Landschaftspflegeverband kümmern sich

Die Streuobstwiese gehört heute zu den geschützten Biotopen. „Ist sie also einmal angelegt, bleibt sie auch“, so Rohland. Das war nicht immer so. In den 1950er- bis 1970er-Jahren galt sie als höchst unrentabel und wurden vielerorts gerodet, um Monokulturen oder Beton daraufzusetzen. Naturschützer und Landwirte schlugen Alarm, um die Zukunft der artenreichen Mischkulturen zu sichern.

Mindestens zehn hochstämmige Obstbäume muss eine Wiese beherbergen, um per Definition auch eine Streuobstwiese zu sein. „Kaum größer als so mancher Garten.“ Es gibt unzählige Spots im Altenburger Land, da ist sich Rohland sicher. Genug Früchte wären für alle da. „Die nachhaltige Bewirtschaftung ist das Problem.“ Vielen Wiesen seien verwildert, der Baumbestand verkümmert.

In der Region hat der Nabu viele Flächen gepachtet, auch der Landschaftspflegeverband Altenburger Land hat sich vielen der wilden Obstgärten angenommen. Letztere werden durch den Kreis und Förderprogramme, wie die Natur- und Landschaftspflege Thüringen (Nalap), unterstützt.

Die Nalap fördert auch das Engagement von Privatleuten bei der Bewirtschaftung, das wüssten nur die wenigsten, sagt Rohland. Es ginge bei der Pflege vor allem um den Baumschnitt und das Rasen mähen oder Beweiden der Wiese. Und natürlich die Ernte im Herbst, „um das Obst auch in eine gewisse Wertekette zu bringen“. Doch das klappt bei weitem nicht immer.

Das Angebot in der Region ist da und nah. Der Supermarkt aber oft ein Stückchen näher.

Streuobstwiese versus Obstplantage

Streuobstwiesen sind wie Obstplantagen von Menschenhand geschaffen. Mit dem Unterschied, dass sie auf Mehrfach- beziehungsweise Mischnutzung angelegt sind. Auf Obstplantagen wird wirtschaftlich effektiv bebaut, heißt sortenarm. An den Bäumen auf den Wiesen gedeiht unterschiedlichstes Obst und die Wiese kann parallel als Weidefläche genutzt werden. Der Nabu Altenburger Land pflegt seine ökologischen Flächen zum Beispiel durch das Grasen von Schafen und Ziegen, die in regelmäßigen Abständen versetzt werden.

Außerdem wächst dort alles ganz natürlich –also wenig Dünger und keine Pestizide. Durch ihre Diversität sind Streuobstbestände ein essenzieller Teil der mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Über 5000 Tier- und Pflanzenarten sowie über 3000 Obstsorten finden ein Zuhause auf den Biotopen. Der Naturschutzbund (Nabu) schätzt den bundesweiten Bestand von Streuobst auf etwa 300 000 Hektar.

Von Lisa Schliep

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