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Altenburg Wo Malvenblätter, Okraschoten und grüner Weizen „wachsen“
Region Altenburg Wo Malvenblätter, Okraschoten und grüner Weizen „wachsen“
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04:27 09.07.2019
Soryos Yakoub betreibt seit drei Jahren seinen Laden für internationale Feinkost in Altenburg. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Ganz ohne Koffer packen und stundenlange Fliegerei um den halben Erdball können Altenburger seit September 2016 in Altenburg auf Weltreise gehen. Ein Schritt über die Ladenschwelle der Burgstraße 7 genügt, und schon heftet sich eine gehörige Portion Urlaubsstimmung an die Fersen. Willkommen in „Palmyra“, der Welt von Soryos Yakoub.

Mehr als nur einkaufen

Vor drei Jahren ganz klein in der Johannisstraße 40 gestartet, zog es ihn mit seiner internationalen Feinkost rasch ein Stück die Straße runter in größere Räumlichkeiten. Was sich auf diesen 72 Quadratmetern in Regalen und Truhen dicht an dicht versammelt, kommt einer Rundreise durch die Küchen dieser Welt gleich.

Säckeweise Reis, zig verschiedene Sorten Bohnen, Linsen oder verschiedene Varianten der dem Spinat wohl nicht unähnlichen Malvenblätter. Okraschoten in klein, groß, gefroren oder getrocknet, Karotten- und Auberginenmarmelade, ausgefallene Sirups – wer einmal anfängt zu stöbern, bewegt sich nur noch im Schneckentempo durch das Geschäft oder postiert sich am besten direkt neben dem 40-Jährigen hinter der Kasse. Denn beim aramäischen Syrer aus Aleppo mutiert jeder schlichte Bezahlvorgang zu einem landeskundlichen Ausflug, vermischt mit persönlichem Smalltalk.

Fünfsprachig und sehr persönlich

„Na geht’s gut?“, fragt er eine Kundin auf syrisch, nur um auf Deutsch in bester Fußballkommentatorenmanier fortzufahren: „Diese Bohnen werden über Nacht eingeweicht und am nächsten Morgen mit etwas Öl und Sesampaste gebraten. Sehr gesund. Das ist grüner Weizen. Das Vimto, ein fruchtiger Sirup.“ Dazwischen flicht er begrüßende Worte an Neuankömmlinge in den unterschiedlichsten Sprachen. Ob arabisch, aramäisch, persisch, kurdisch oder eben auf deutsch – „ich bin da flexibel und komme klar“, sagt er grinsend.

Wegen der Familie nach Altenburg

Ursprünglich in der Gastronomie zu Hause und 2004 eher zufällig in Calw im Schwarzwald gelandet, zog er zwölf Jahre später in die Skatstadt, „weil ich hier Familie habe“ – und ungeachtet der Warnungen anderer, in Altenburg sei es schwierig für Ausländer. „Das kann ich so nicht bestätigen“, betont er. Im Gegenteil: „Ich hätte ehrlich nicht gedacht, dass mein Laden hier so gut läuft“, gibt er zu. „Und zwar von Anfang an!“

Derweil packt eine junge Mutter ihre Fundstücke auf die Theke: Eine Tüte getrockneter Zitronen, syrische Kartoffelchips in kleinen Tüten für den Sohnemann im Buggy und mehrere Packungen typisch arabisches Fladenbrot. „Die Zitronen kocht man zusammen mit Fleisch, Knoblauch und anderen Gewürzen, diese Chips laufen wie verrückt und das Brot gehört zu jeder Mahlzeit dazu“, sprudelt Soryos Jakoub.

Entsprechend muss drei Mal pro Woche für frischgebackenen Nachschub gesorgt werden – aus Leipzig, wo viele seiner Kunden früher hinfuhren, um sich mit allem zu versorgen, was die Gerichte ihrer Heimatländer ausmacht oder gutbürgerlicher deutscher Kost eine andere Facette zu verleihen.

Von Kopfschütteln bis schlichtweg begeistert

Benannt nach der weltberühmten und leider durch den Krieg in Syrien inzwischen fast vollständig zerstörten Stadt „Palmyra“, wächst das Sortiment des Ladens öfter auch auf Kundenwunsch. „Manche Altenburger entdecken im Urlaub ein neues Produkt für sich und fragen mich nach ihrer Rückkehr, ob ich das habe oder es bestellen könnte“, erzählt er schmunzelnd.

Apropos Altenburger: Da gäbe es die Ablehnenden, die durch’s Schaufenster starren, den Kopf schütteln und einfach weiter gehen, die etwas Schüchternen, die dann die Neugier zum ersten Schritt mit anschließendem Stöbern verleitet, aber vor allem Menschen wie Christine Willgerot. Auf dem Weg zum Garten sackt sie an diesem Vormittag noch schnell Mini-Gurken und ein dickes Bund Petersilie ein. „Mir gefällt das hier einfach“, sagt sie, schnappt sich ihr Gemüse und ist schon wieder zur Tür raus. Bis zum nächsten Ausflug nach „Palmyra“...

Von Maike Steuer

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