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Bad Düben Mit Kantors Trabi zur Montagsdemo: Als Dübener im Herbst 1989 in Leipzig mitprotestierten
Region Bad Düben Mit Kantors Trabi zur Montagsdemo: Als Dübener im Herbst 1989 in Leipzig mitprotestierten
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12:26 09.10.2019
Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989: Tausende warten auf dem Karl-Marx-Platz auf das Ende des Friedensgebetes. Auch Bad Dübener waren bei der anschließenden Demonstration von mindestens 70 000 Menschen auf dem Leipziger Ring dabei. Quelle: Martin Naumann
Bad Düben

Am Anfang dieses Beitrags steht die Frage: Soll man das alles aufschreiben? Lohnt es, die Kopfbilder vom Herbst 1989 noch einmal abzuspulen, die einen zwar selbst bis heute bewegen und dem Leben eine ganz andere Richtung gaben – aber schon den eigenen Kindern manchmal schwer zu erklären sind. Soll man es also lieber gut sein lassen, schließlich gibt es heute andere Probleme?

Persönlicher Rückblick auf den Herbst 1989: LVZ-Redakteur Olaf Majer, der die Montagsdemos damals als 16-Jähriger in Leipzig erlebte. Quelle: André Kempner

Nein, ich will diesen historischen Herbst 1989 nicht dem Vergessen und der Umdeutung preisgeben. Deshalb mein ganz persönlicher Rückblick: Weil heute Geschichtsvergessene darüber fabulieren, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Weil heute im Namen des sakrosanten Klimaschutzes einige meinen, die einst so hart erkämpfte persönliche Freiheit müsse man einschränken und die Demokratie aussetzen, weil nur so die Welt zu retten sei. Und weil es nicht nur Leipziger waren, sondern auch Bürger aus der NVA-Garnisonsstadt Bad Düben mit gleich zwei Armeekasernen, die den Mut zum aufrechten Gang hatten und bei den Montagsdemos mitprotestierten.

Eine Mitschülerin sagte: „Komm doch mit“

Mein Weg nach Leipzig begann im Grunde schon kurz nach den Sommerferien 1989 – den letzten in der Polytechnischen Oberschule „Wilhelm Pieck“ in Bad Düben. Mit 16 Jahren war nur noch die 10. Klasse mitsamt den Prüfungen zu absolvieren – bevor es in die Lehre ins Chemiekombinat nach Bitterfeld gehen sollte. Abitur und Journalistik-Studium waren damals undenkbar: Diese Tür ging erst ein Jahr später nach der Wiedervereinigung völlig überraschend auf. Meine damalige Dübener Mitschülerin Ines, die als einzige in der Klasse weder FDJ-Mitglied war noch Jugendweihe mitgemacht hatte, berichtete in diesen Spätsommertagen Unglaubliches aus Leipzig. Gemeinsam mit ihren Eltern war sie seit September dabei, als erstmals Teilnehmer der Friedensgebete in der Nikolaikirche den offenen Protest auf der Straße wagten. „Du musst das gesehen haben, komm doch mit“, warb sie im vertrauten Kreis der wenigen „Kirchen-Schüler“ unserer Klasse.

Eine Bayern-Fahne zum 17.Juni brachte Ärger

Doch bei aller Neugierde: Die Angst war da. Immer mal wieder war ich schon in den Jahren zuvor mit Kleinigkeiten angeeckt. Zum Beispiel sorgte eine selbstgenähte FC-Bayern-Fahne, die ein Jugendfreund und ich aus dem Schlafzimmerfenster meiner Eltern im Karl-Marx-Ring hingen, für mächtig Ärger. Wir hatten sie ausgerechnet am 17. Juni 1987 gehisst: „Meine“ Bayern waren gerade Meister geworden – und natürlich haben wir nicht daran gedacht, dass durch den blutig niedergeschlagenen Volksaufstand am 17. Juni 1953 dieser Tag für die DDR-Staatsmacht ein „Hochrisiko-Tag“ war. Die Bayern-Fahne rief also erst mal den ABV (Abschnittsbevollmächtigten) auf den Plan, der meine überraschten Eltern (sie hatten unseren Fahnen-Streich noch gar nicht entdeckt) barsch zurecht wies. Nach ein paar ähnlichen Aufsätzigkeiten von mir war mein Vater schließlich auch fällig für eine Aussprache beim Parteisekretär in seinem Betrieb.

Honecker-Witze nach der Chorprobe

Den Anstoß, die Fahrt nach Leipzig zu wagen, kam dann aus der Dübener Kurrende. Seit der zweiten Klasse sang ich in diesem christlichen Kinder- und Jugendchor mit. Meine damals beste Freundin, ein rothaariges kesses Mädchen namens Annett, nahm mich einfach mal mit zur Probe. Sie ging dann wenig später mit ihren Eltern in den Westen – ich war tieftraurig, mein Trost aber war der Chor, der zu meiner zweiten Familie wurde. Immer Freitags war Gesamtchorprobe im Lutherhaus und das beste waren die Pausen, in denen die neuesten verbotenen Honecker-Witze die Runde machten. Oder Verabredungen für die nächste Dorf-Disko klar gemacht wurden.

Der Dübener Kurrende-Kantor Lothar Jakob mit den Bläsern aus dem Posaunenchor, Mitte der 1980er Jahre. Einige von ihnen fuhren dann im Herbst 1989 auch mit Kantors Trabi zu den Montagsdemos nach Leipzig. Quelle: privat

Ein Platz in Kantors Trabi war noch frei

Doch Ende September 1989 war es anders – die ersten Sänger waren bereits mit unserem immer noch jungen Kantor Lothar Jakob in Leipzig bei der Montags-Demo gewesen. Am 2. Oktober wollte er wieder fahren und es war noch ein Platz in seinem Trabant Kombi frei. Es wurde mein Platz. Welch eine Aufregung: Am Nachmittag ging es los, auf der B2 (damals Fernstraße F2) nach Leipzig. Meine erste Erinnerung: Unter der Autobahnbrücke am Stadtrand standen Autos, einige Männer standen auffällig unauffällig davor. Notierten sie bereits unser Kennzeichen, machten sie Fotos? Ein bedrückendes Gefühl machte sich im Trabi breit.

Montagsdemo am 2. Oktober: Der Bann war gebrochen

Als wir schließlich im Zentrum ankamen, war der Nikolaikirchhof bereits voll und wohl auch abgeriegelt – wir gingen jedenfalls zum Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) zurück und warteten. Bis die Gruppen aus der Kirche nach dem Ende des Friedensgebets auf uns zukamen. Ein unwirkliches Bild: Ein Menschenstrom bildete sich, einige gingen mit Kerzen in der Hand. Dazu die Rufe „Wir bleiben hier“, „Keine Gewalt“ und „Gorbi, Gorbi“ . Rund 20 000 sollen es gewesen sein. Wir zogen in der Dunkelheit mit, kamen aber nicht sehr weit. Der Demo-Zug stockte irgendwo weit vor uns. Das Gerücht machte die Runde: Da vorn steht Polizei, die lassen uns nicht durch. Schließlich brachen wir für diesmal ab – doch der Bann war gebrochen.

Mein persönliches Wunder von Leipzig war, dass meine Eltern mich an diesem 2. Oktober hatten fahren lassen. Ausgerechnet meine besorgten Eltern, die sonst etwas übereifrig über meine Schulnoten wachten und bei „falschen“ Freunden schon mal was sagten. An diesem Montagnachmittag aber ließen sie mich in Kantors Trabi steigen.

Die Dübener Gruppe am 9. Oktober in Leipzig

Eine Woche später waren sie dann erstmals auch dabei, wir fuhren gemeinsam im Familien-Trabi nach Leipzig. Sie waren angespannt und sagten auf der Fahrt so gut wie nichts. Nur mein Vater bläute meiner Mutter und mir mehrfach ein: „Egal was passiert, wir bleiben zusammen.“ Auf dem Karl-Marx-Platz wurde aus unserem Familien-Trio plötzlich eine Dübener Gruppe: Wir trafen Mitglieder unserer evangelischen Gemeinde aus dem Friedenskreis, der seit den frühen 1980er Jahren mutig eine Friedensdekade in Bad Düben organisierte. Und dazu kamen Christen aus der katholischen Kirche der Kurstadt – an der Spitze deren Pfarrer Günter Sandfort, den wir für manches DDR-kritische Wort in seinen Predigten seit Jahren bewunderten.

Kerzen vor der Stasi-Zentrale

Die Montagsdemo am 9. Oktober wühlte mich innerlich auf, noch mehr als eine Woche zuvor. Die deutlich größere Masse an Menschen – nach heutigen Berechnungen waren es eher 100 000 statt 70 000. Dazu die ersten Transparente, die ich sah: Unter anderem „Neues Forum zulassen“ oder „Pressefreiheit“. Die immer lauter werdenden Sprechchöre, die flackernden Kerzen, aber auch die spürbare Gefahr. Panzerwagen standen am Hauptbahnhof, die Stasi-Zentrale war abgedunkelt und wie eine Trutzburg verriegelt. Hier traf ich „meine“ Ines wieder: Wir lachten und umarmten uns kurz. Und stellten an einem Seitentor unsere Kerzen ab – es war das einzige Mal, wo mein Vater mich angstvoll davon abhalten wollte. Dann waren wir rum: Einmal um den Leipziger Ring gelaufen und in einem neuen Land angekommen.

Kuriosum in Bad Düben: Bei der Protest-Demo am 14. November 1989 halfen ausgerechnet NVA-Techniker beim Aufbau der Mikrofonanlage am Rathaus. Quelle: privat

Kurios: Bad Dübener Demo mit NVA-Technik

Seit diesem Montag gab’s kein Zurück mehr. In der Dübener „Wilhelm-Pieck“-Oberschule waren die Demos in Leipzig DAS Thema, wir testeten nun auch auf dem Schulhof unsere neu erkämpfte Freiheit aus. So organisierten wir unter anderem eine Schuldemo mit selbst geschriebenen Reden – und hielten sie auf den Treppen, wo sonst der Fahnenappell mit Pionier-Ehrendelegation veranstaltet wurde. Und wir erlebten am 14. November 1989 die erste und einzige Dienstag-Demo in Bad Düben. Mit einem Kuriosum, das bislang undenkbar war: Ausgerechnet Soldaten der Nationalen Volksarmee bauten die Mikrofontechnik vor dem Rathaus auf. Sie mussten sich dann trotzdem Sprechchöre wie „Dübener Heide waffenfrei“ anhören.

Meine Leipziger Demo-Geschichte endete am 18. Dezember 1989. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur und Leipzigs Superintendent Friedrich Magirius hatten zu einem „Stillen Abschluss“ des Revolutionsherbstes aufgerufen. Etwa 100 000 Menschen kamen damals nochmals zusammen, weitgehend ohne Transparente, dafür mit Kerzen. Die Glocken aller Innenstadtkirchen läuteten. Ein bewegender Abend – und doch war es nicht mehr so, wie in den Wochen im Oktober. Der Ton bei den Montagsdemos war rauer geworden. „Deutschland einig Vaterland“ wollten nicht alle mitrufen, die westdeutsche Rechtsaußen-Partei „Die Republikaner“ verteilte massenhaft Aufkleber und Infoblätter und vergiftete die Stimmung.

Mauerfall: „Das haben wir uns in Leipzig verdient“

Und schließlich war die Grenze offen, endlich, die Mauer in Berlin war gefallen! Endlich Reisefreiheit, der erste Ausflug am 11. November nach Westberlin. Mit 100 D-Mark Begrüßungsgeld und ein paar Kassetten als ersten West-Einkauf. „Das haben wir uns mit den Demos in Leipzig verdient“, habe ich damals zu meiner Mutter gesagt. Ein naiver Satz eines 16-Jährigen, aber so war es im Herbst 1989. Als die Freiheit in Kantor Jakobs Trabi Fahrt aufnahm.

Auch das wurde nach dem Mauerfall und dem Revolutionsherbst 1989 möglich: Dübener Bürger, darunter viele Mitglieder aus evangelischer und katholischer Gemeinde, pflanzten Ende 1989 Bäume rund um die Mülldeponie Bad Düben. Unterstützung bekamen sie von Soldaten aus den Dübener NVA-Kasernen. Anschließend gab es ein gemeinsames Essen und Gespräche. Hinten rechts: Der frühere Kurstadt-Pfarrer Christoph Werner. Quelle: privat

Von Olaf Majer

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