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Bad Düben Mordkommandos: Düsteres Kapitel Dübener Geschichte
Region Bad Düben Mordkommandos: Düsteres Kapitel Dübener Geschichte
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09:45 05.04.2019
Eberhard Ulm bei sich zu Hause in Borna. Der geborene Dübener will sich Themen seiner Geburtsstadt widmen, die bislang nicht bearbeitet wurden.
Eberhard Ulm bei sich zu Hause in Borna. Der geborene Dübener will sich Themen seiner Geburtsstadt widmen, die bislang nicht bearbeitet wurden. Quelle: Jens Paul Taubert
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Borna/Bad Düben

„Mordkommandos in Düben“ heißt der aktuelle Aufsatz von Eberhard Ulm, unsere Zeitung veröffentlicht ihn ab Montag in Fortsetzungen auf der Heimatseite für Delitzsch und Oschatz sowie online. Der Autor, promovierter Pädagoge, beschäftigt sich schon lange mit Themen der Dübener Geschichte.

In der aktuellen Arbeit befasst sich der Bornaer mit der in Düben aufgestellten Einsatzgruppe D, die bis Ende 1942 rund 91 000 Menschen getötet hat – durch Erschießen, Erhängen und schließlich auch mit Gaswagen. Vier Einsatzgruppen waren 1941 in der Dübener Heide aufgestellt worden. Die LVZ hat mit dem 63-Jährigen über seine Recherchen gesprochen und über Hoffnungen, die er mit der Veröffentlichung verbindet.

Mitglieder der in Düben aufgestellten Einsatzgruppe D beim Fotografieren mit Erhängten. Quelle: Staatsarchiv München, Akte Staatsanwaltschaften 35306/76

Wie sind Sie zur Dübener Heimatgeschichte gekommen?

Als ich junger Lehrer war an der Alfred-Frank-Oberschule in Bad Düben, habe ich mit meinen Schülern im Geschichtsunterricht die Burg Düben oder das Militärhistorische Museum Dresden besucht, um den Unterricht mit lokal- und regionalgeschichtlichen Inhalten und mit „Lernen am anderen Ort“ zu verbinden. Die Unterrichts-Inhalte waren für mich als Lehrer spätestens ab Klassenstufe 9 kaum mehr erträglich. An diese Besuche erinnerte ich mich, als ich später am Institut für Heimerzieherausbildung „Theodor Neubauer“ in Hohenprießnitz Psychologie unterrichtete und mir die Betätigung auf historischem Gebiet fehlte. Was lag näher, als die Einladung der Arbeitsgemeinschaft des Kulturbundes anzunehmen, die sich auf der Burg Düben bei Klaus Schmeil traf, und der Wolfgang Apitzsch, Bernd Enge, Jürgen Grothe und natürlich Hans Funk angehörten. Viel Rückhalt gab mir, dass am Institut ein Klima herrschte, das in wohltuender Weise an den Hochschulbetrieb erinnerte. Dafür sorgten der Direktor Dr. Moßmann, sein Stellvertreter Dr. Rutz, ebenso Dr. Jaretzke und mein Abteilungsleiter Dr. Korth.

Mit welchen Dübener Themen haben Sie sich befasst?

Zuerst mit durchaus geläufigen Dingen – ob Moorbad oder die Geschichte des Kurparkes. Doch dann beschloss ich, mich Themen zuzuwenden, die bisher von anderen Autoren nicht oder nach meinem Geschmack nicht intensiv genug bearbeitet worden waren. So folgte nach vorangegangenem intensivem Studium von Akten, Unterlagen und historischen Tageszeitungen eine Artikelserie über die Revolution von 1848/49. Sie ist 1988, wie zahlreiche Beiträge zuvor, in der LVZ veröffentlicht worden. Die Beschäftigung mit den Dübener Husaren, die an der Niederschlagung von Hungerunruhen in der Region und der Volksaufstände von 1849 in Baden beteiligt waren, führte dazu, dass mich die Kulturbund-Arbeitsgruppe mit der Thematik „Militär in Düben“ betraute.

Parade am „Adolf-Hitler-Platz“ in Düben

Wie sind Sie auf das Thema Mordkommandos in Düben gestoßen?

Für die 1991 erschienene Broschüre „Bad Düben“ habe ich das Kapitel „Düben, die Garnisonsstadt“ beigesteuert. In diesem Zusammenhang war es der Bibliothekarin des Hohenprießnitzer Institutes, Angelika Band, gelungen, mir die Jahrgänge 1933 bis 1943 der „Dübener Nachrichten“ über Fernleihe zur Verfügung zu stellen. Zahlreiche Versuche seit 2017, diese Bände erneut in die Hand zu bekommen, sind bisher gescheitert. Einen Bericht von 1941 über ein spektakuläres Ereignis im Juni 1941, über eine Parade am „Adolf-Hitler-Platz“ – heute Paradeplatz – mit anschließendem Marsch zu den „SS-Häusern“ konnte ich damals nicht einordnen. Dies gelang erst allmählich durch intensives Literaturstudium, das ich trotz fordernder Berufstätigkeit weiter betrieb.

Wie ging es weiter?

Ich stieß in der DDR-Publikation „Juden unterm Hakenkreuz“ von Drobisch, Goguel, Müller und Dohle, die mir bis dahin unbekannt war, auf die Aufstellung der SS-Einsatzgruppen in Pretzsch, Bad Schmiedeberg und Düben. Doch die befragten Dübener Heimatforscher schüttelten den Kopf. Als ich zufällig eine Postkarte von 1941 mit dem Motiv des Moorbades Düben und dem Absender „SS-Lager Düben/Mulde“ erworben hatte, lautete die Erklärung kurz und bündig: „Quatsch“. In Krausnick und Wilhelm „Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938 – 1942“ wurde jedoch deutlich, dass es sich nicht um „Quatsch“, sondern um ein besonders finsteres Kapitel der Dübener Stadtgeschichte handeln musste. Die Einsatzgruppe D ist in Düben aufgestellt worden, das war mir nun klar. Durch Jonathan Littels Roman „Die Wohlgesinnten“, den ich 2010 am Pazifikstrand in Costa Rica las, erfolgte dann der entscheidende Anstoß, dieses Thema intensiv zu bearbeiten.

Jüdische Frauen von Kischinjow vor dem Abtransport zur Exekution durch das Einsatzkommando 11a. Quelle: Staatsarchiv München, Akte Staatsanwaltschaften 35306/76

Wie geht es Ihnen mit dem Ergebnis Ihrer Recherchen? Sind Sie erschüttert?

Man kann sich seine Geschichte nicht aussuchen, auch eine Stadt kann das nicht. Die Historie verlangt objektive Betrachtung. Bei der Beschäftigung mit diesem dunklen Kapitel habe ich aber ein immer größeres Verständnis dafür entwickelt, wie Menschen damals gelitten haben. Sechs Millionen ermordete Juden, diese Zahl kann niemand nachvollziehen. Es sind immer die einzelnen konkreten Schicksale und Umstände, die eigentlich unermessliches Leid vorstellbar machen – wenn man es in der eigenen Heimatstadt an einzelnen Schicksalen festmacht. Ich finde es ganz wichtig, dass Dübener Kinder und Jugendliche diese Möglichkeit künftig im Museum der Stadt haben. Ich hoffe, dass die von Museumsleiterin Yvette Steuer angestrebte Neukonzeption des Museums Bad Düben durch Aufnahme wichtiger Themen – besonders nach 1850 – auf Zustimmung und Unterstützung in der Stadt Bad Düben stößt. Dort sollte auch das Thema „Mordkommando in Düben“ thematisiert werden.

Der Text erscheint auf der Heimatseite der LVZ in den Ausgaben Delitzsch und Oschatz. Wo wird er noch publiziert?

Er soll im Jahrbuch der Dübener Heide 2019 erscheinen und steht im Internet unter www.sachsen-lese.de.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Erscheinen?

Erstens, dass ich Hinweise auf die noch immer von mir gesuchten Jahrgänge 1933 bis 1943 der „Dübener Nachrichten“, besonders 1941, erhalte – idealerweise auch Einsicht nehmen kann. Zweitens, dass die Behandlung des Themas „Militär in Düben“ auch bei denen auf Verständnis stößt, die ihm bisher ablehnend gegenüberstanden, so dass drittens die herausragende Arbeit „Militär in Düben“ von Günter Tempelhof in der Stadt die nötige Anerkennung erhält. Außerhalb ihrer Mauern ist dies längst geschehen: Er wurde bereits mit dem renommierten Jahresring des Geschichtswettbewerbes der Krostitzer Brauerei ausgezeichnet. Eine vergleichbare Ehre hat bisher nur Hans Funk völlig verdient für sein Lebenswerk erhalten. Günter Tempelhof arbeitet seit gut 30 Jahren auf dem Gebiet der Bad Dübener Militärgeschichte, das umfasst natürlich auch die Zeit der Nationalen Volksarmee in der DDR. Für manchen ist das ein Reizthema.

Auf den Spuren des Dübener Großonkels

Arbeiten Sie an weiteren Themen zur Dübener Geschichte?

Ich besitze den letzten Feldpostbrief meines Großonkels Karl Henkel aus Stalingrad. Zufällig konnte ich den Brief 1982 retten, als mein Großvater Fritz Fabian nach dem Tod meiner Großmutter Frieda Fabian, geboren Henkel, eine Vernichtungsaktion von Familienunterlagen durchführte. Ich wusste nichts über das Schicksal meines Großonkels, ich habe nun nach einigen Monaten der Recherche viel über sein Leben und Schicksal erfahren. Ich bin davon überzeugt, dass man bestimmte geschichtliche Abläufe an Einzelschicksalen festmachen muss. Mein Großonkel ist in Düben geboren, war Tischler, aber auch SA-Mann und Mitglied der NSDAP. Seit dem 7. Januar 1943 wird er vermisst. Kurz vorher, am 4. Januar, hat er diesen Brief geschrieben, den ich besitze. In diesem Aufsatz über meinen Großonkel muss ich natürlich Dübener Stadtgeschichte ab 1912, besonders aber auch die 1930er- und 1940er-Jahre beleuchten, um seinen Lebensweg verstehen zu können.

Auf welche Spuren Ihres Großonkels sind Sie gestoßen?

Ich habe mit einem russischen Freund den deutschen Soldatenfriedhof in Wolgograd besucht. Dort habe ich seinen Namen gefunden – auf dem Stein der Vermissten. Es gab dreimal den Namen Karl Henkel und einer hatte sein Geburtsdatum: 27. November 1912. Als ich das dort überraschend entdeckte – das war schon ein besonderer Moment.

Vita und Veröffentlichungen

1955 in Bad Düben geboren

1971 bis 1974 Ausbildung als Maschinenbauer mit Abitur in Gera

1976 bis 1980 Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig mit dem Abschluss als Diplomlehrer für Deutsch und Geschichte

bis 1984 Arbeit als Lehrer in Bad Düben

anschließend Aspirantur an der Pädagogischen Hochschule „Clara Zetkin“ Leipzig,

1987 Promotion, Laufbahn als Hochschullehrer scheiterte, da kein Eintritt in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED)

ab 1987 Fachschullehrer am Institut für Heimerzieherausbildung „Theodor Neubauer“ Hohenprießnitz, Einarbeitung in das neue Fach Psychologie

1990 Abwicklung des Institutes und Umwandlung in die neue Fachschule für Sozialpädagogik

bis Ende 1991 Arbeit an der Fachschule

ab Januar 1992 Leiter der Henriette-Goldschmidt-Schule Leipzig

2012 Umzug von Leipzig nach Borna

ab 2017 Sabbatjahr

ab August 2018 Ruhestand

Eberhard Ulm ist verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkel

Veröffentlichungen von Eberhard Ulm:

Annerose Kemp und Eberhard Ulm: Henriette-Goldschmidt-Schule 1911 - 2001. Leipzig 2001

Eberhard Ulm: Geschichte und Gedichte. Gedenkorte nationalsozialistischen Unrechts in Leipzig, mit Gedichten von Carl Christian Elze, Ulrike Almut Sandig und André Schinkel, Grafiken von Wolfgang Schieweck. Leipzig 2006.

Eberhard Ulm und Jana Wacker: „Judenhäuser“ in Leipzig 1939 - 1945. Leipzig 2007

Berit Lahm, Thomas Seyde und Eberhard Ulm: 505 Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig – Verantwortung und Rezeption. Leipzig 2008.

Eberhard Ulm (Projektleiter für die deutsche Fassung): Erinnern für die Zukunft. Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus in Leipzig, Leipzig 2010.

Annerose Kemp und Eberhard Ulm: Henriette-Goldschmidt-Schule 1911 - 2011. Leipzig 2011.

Quellen sind Bücher, Akten und Gespräche

Als Eberhard Ulm 2010 Jonathan Littels Roman „Die Wohlgesinnten“ las, wusste er noch nicht, dass die Einsatzgruppe D Gegenstand der Dissertation von Andrej Angrick war, die bereits 2003 in Buchform vorlag: „Besatzungspolitik und Massenmord – Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941 – 1943.“ Während der Erarbeitung seines Aufsatzes „Mordkommandos in Düben“ kam Ulm mit dem britischen Historiker Stephen Tyas in Kontakt, der bereits Anfang der 1990er Jahre Pretzsch, Bad Schmiedeberg und Bad Düben besucht hatte, um die authentischen Orte kennenzulernen. Auch von ihm erhielt er wertvolle Hinweise, die in seinen Text eingeflossen sind.

„Der Aufsatz entstand im Zusammenwirken mit Yvette Steuer, Leiterin des Landschaftsmuseums der Dübener Heide Burg Düben, in Vorbereitung auf die neue Dauerausstellung“, betont der Autor. Hinweise, Schriftstücke oder Fotos zu diesem oder anderen Stadtgeschichtsthemen würden – auch nur zur Ansicht – gern entgegengenommen.

Bücherstapel zum Thema bei Eberhard Ulm zu Hause. Quelle: Jens Paul Taubert

Zur Recherche für „Mordkommandos in Düben“ gehörte auch intensives Aktenstudium, so im Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau, im Staatsarchiv München und im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig.

Zur verwendeten Literatur gehören unter anderem: Andrej Angrick: „Besatzungspolitik und Massenmord“, Hamburg 2003; Christopher Browning: „Die Entfesselung der ,Endlösung’“, München 2003; Klaus Drobisch, Rudi Goguel, Werner Müller, Horst Dohle: „Juden unterm Hakenkreuz“ Berlin 1973; Hans Funk: „Militär in Düben 1940 – 1944“, In: Jahrbuch der Dübener Heide 2009; Heinz Höhne: „Der Orden unter dem Totenkopf“, Augsburg 1995; Helmut Krausnick, Hans-Heinrich Wilhelm: „Die Truppe des Weltanschauungskrieges“, Stuttgart 1981; Ralf Ogorreck: „Die Einsatzgruppen und die ,Genesis der Endlösung’“, Berlin 1996; sowie George H. Stein: „Geschichte der Waffen-SS“, Düsseldorf (1966).

Von Inge-Dore Engelhardt